Überbrückungskredite für Schweizer KMU

«Dank Hilfskredit kann ich gut schlafen»

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Der Lockdown hat das regionale Gewerbe bis ins Mark getroffen. Zahlreiche Raiffeisenkunden machten Gebrauch von den Hilfskrediten. Wie diese drei Beispiele von Ostschweizer Betrieben zeigen, ging es dabei nicht um einen tatsächlichen Liquiditätsengpass. Sondern um psychologische Soforthilfe.
 

«Frühzeitige Vorbereitung»

In Wil blickte der Gründer der Schreinerei Fust seit längerem mit unguten Gefühlen gen Süden. «Ich sammelte Informationen, machte mir selbst ein Bild und hoffte bis zuletzt, es wird uns nicht so stark treffen», sagt Markus Fust rückblickend. Diese Hoffnung hatte Philipp Huldi, Zahnarzt in Herisau, zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. «Da wir medizinisch geschult sind, haben wir die Ausbreitung des Virus schon früh beobachtet», erinnert er sich. Die Zahnärzte, die sich in einer WhatsApp-Gruppe austauschen, waren sich einig: der Lockdown wird kommen. Auch in der Appenzeller Scheidweg-Garage waren Vorbereitungen für die Betriebsschliessung getroffen worden. Das Ausmass der Krise habe sie dann doch stark überrascht, sagt Finanzleiter Noah Neff. Alle drei Unternehmen sind Kunden der Raiffeisenbank und zogen ihre persönlichen Berater frühzeitig bei.

 

«Für den absoluten Notfall»

In der Schreinerei Fust wurden mögliche Auswirkungen im 60köpfigen Team diskutiert, bevor diese durch den Bundesrat zur Realität wurden. Gemeinsam entschied man sich für den goldenen Mittelweg: Die Pandemie ernstnehmen, aber Ruhe bewahren. Gleichzeitig nahm der gelernte Schreiner Kontakt mit seinem Berater auf, dem Bankleiter der Raiffeisenbank Wil und Umgebung, mit dem er eine freundschaftliche Beziehung pflegt. «Immer wieder spielte ich im Kopf mögliche Szenarien durch», gibt Fust zu. Diese Befürchtung konnte sein Berater ihm nehmen. Wie viele Gewerbebetriebe bezog auch die Wiler Schreinerei einen Hilfskredit «für den absoluten Notfall». 

 

«2020 wird übersprungen»

Die Krise trifft das Autogeschäft nachhaltig. Dass der Genfer Autosalon und die Frühlingsausstellungen landesweit ausfielen, macht sich bemerkbar. Noah Neff beobachtet mit Sorge, dass viele Automobilisten mit dem Kauf eines Neuwagens zuwarten, Firmen ihre Geschäftswagen nicht auswechseln, und selbst die anfallenden Reparaturen aufgeschoben werden. «Das Jahr 2020 wird im Automobilgeschäft praktisch übersprungen», konstatiert der Finanzleiter der Appenzeller Garage. Kommt hinzu, dass die Lieferzeiten der Werke aus Deutschland sich verlängern. Der Werkstattbetrieb ist von 12 Mitarbeitern auf einen Drittel reduziert. Was viele nicht wissen: der Autoverkauf darf weitergeführt werden. «Was uns einschränkt», so Neff, «ist nicht eine Betriebsschliessung, sondern der Mangel an Kunden.» Und dies, obwohl der Showroom allen Hygienestandards entspricht und die Berührungspunkte an den Modellen abgedeckt sind. Lange wartete er nicht zu, bis er seinen Bankberater in St.Gallen aufsuchte. «Mein Berater kennt mich und den Betrieb; er hatte keine Fragen.» Wenige Stunden nach der Einreichung des Antrags landete das Geld auf dem Konto der Schweidweg-Garage.

 

«Vorsorgliche Massnahme»

Philipp Huldi musste für seine acht Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen und die 3400 Patienten der Zahnarztpraxis im «Haus am Wiesenthal» vertrösten. Seine Raiffeisenbank kontaktierte er schon drei Wochen vor Ausrufung des Notstands. «Der Überbrückungskredit war unverzüglich da.» Für den Arzt eine reine Vorsorge, da er keinen Liquiditätsengpass hat – was ihn «nachts gut schlafen» lässt. 

 

«Jetzt erst recht»

Am Ende hätte auch die Wiler Schreinerei die finanzielle Unterstützung nicht gebraucht, denn in der Werkstatt fallen weiterhin die Späne, und die Online-Schreinerei hat mehr Anfragen als davor, «wohl darum, weil die Menschen mehr zuhause sind und Verbesserungsmöglichkeiten entdecken.» Glücklich macht Markus Fust auch, dass seine 20 Lernenden ihren Berufsabschluss machen können: die Zwischenprüfung wurde schon im Vorjahr abgelegt, die Erfahrungsnoten zählen mit, und die Schlussprüfung absolvieren sie bei ihm im Betrieb. «Mir zeigt diese Krise, dass das Schweizer Handwerk nicht unterzukriegen ist», lautet seine positive Zwischenbilanz. Er schreibt sogar offene Stellen aus – unter dem Motto «Jetzt erst recht». Der Appenzeller Garagist kann ihm beipflichten: «Der Hilfskredit hat auf uns eher eine psychologische Wirkung», erklärt Noah Neff. «Es ist gut zu wissen, für den Worst Case abgesichert zu sein.» Und der Zahnarzt von Niederteufen, Philipp Huldi, bleibt gleich im Berufsjargon: «Der Hilfskredit ist ein Beruhigungsmittel, ohne das ich recht nervös wäre.»