Finanzmärkte Ausblick

Die US-Konjunkturlokomotive fährt Achterbahn

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September 2019 

 

Das gefürchtete «R-Wort» ist derzeit in aller Munde. Kein Wunder, denn beispielsweise in Deutschland ist eine Rezession in diesem Jahr kaum mehr zu vermeiden. Für die Weltwirtschaft (und die Schweiz) wird aber vor allem entscheidend sein, ob der US-Wachstumslokomotive in den kommenden Monaten der Dampf ausgeht. Wird der längste Wirtschaftsaufschwung aller Zeiten in den USA in die Verlängerung gehen? Dies hängt nicht zuletzt auch vom tweetenden US-Präsidenten ab.

Wer in den vergangenen Tagen nach dem Begriff «Rezession» gegoogelt hat, ist damit nicht alleine. Die Suchmaschine wird derzeit so häufig zu diesem Begriff frequentiert wie zuletzt während der Finanzkrise 2008/2009. Die Einschläge kommen auch immer näher. So wird die Wirtschaft unserer nördlichen Nachbarn aufgrund der hohen Abhängigkeit von der Autoindustrie und anderen zyklischen Industrien einer technischen Rezession – also einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen – in diesem Jahr kaum entkommen können.

Warnsignale der Zinskurve
Für den Medienhype um den nächsten Wirtschaftseinbruch gibt es aber weitere Gründe, insbesondere die Entwicklung an den Zinsmärkten. Hier hat sich die Situation im August weiter verschärft: Die Renditen sind ausgehend von bereits sehr tiefen Niveaus nochmals gesunken. Inzwischen befinden sich die Zinskurven in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden komplett unter der Nulllinie. Das Volumen negativ verzinster Anleihen ist allein im letzten Monat um weitere drei Billionen US-Dollar gestiegen – insgesamt beträgt deren Wert nun über 17 Billionen US-Dollar. Wie ungewöhnlich die Entwicklung ist, zeigt ein weiteres Beispiel: In den USA ist selbst die Rendite für 30-jährige Anleihen tiefer als die Dividendenrendite von (US-)Aktien. Das letzte Mal gab es eine solche Konstellation während der Rezession 2008/2009. Ebenfalls muss man bis zur Finanzkrise zurückblicken, um die aktuell fast täglich diskutierte inverse Zinskurve zu sehen.

Blasen und Ungleichgewichte (fast) nur am Kapitalmarkt
Dass wir es an den Anleihemärkten mit einer – auch von den Notenbanken angeheizten – Blase zu tun haben, lässt sich kaum von der Hand weisen. Ob dies allein für die nächste Rezession in der grössten Volkswirtschaft der Welt ausreicht oder ob sie am Ende durch das ständige Gerede von der Rezession und der inversen Zinskurve heraufbeschworen werden kann, ist dennoch fraglich. Ein klassisches Ungleichgewicht, wie es in der Vergangenheit für eine «richtige» Rezession notwendig war, gibt es derzeit nämlich nicht. Die Inflation muss man mit der Lupe suchen, Konsum- oder Investitionsexzesse gibt es ebenfalls nicht und gemessen an klassischen Bewertungsmassstäben finden sich – mit Ausnahme des Anleihemarktes – auch keine massiven Anlageblasen. Selbst die oft als problematisch beschriebene, stark gestiegene Verschuldung der US-Unternehmen relativiert sich bei genauer Betrachtung wieder.

Zwitschert Trump die nächste Rezession herbei?
Mit Ausnahme der inversen Zinskurve befinden sich zudem viele typische Rezessionsindikatoren im grünen oder höchstens im gelben Bereich. Die Arbeitslosigkeit ist sehr tief, die Stimmung der für die USA so wichtigen Konsumentinnen und Konsumenten ist sehr gut und die Kreditaufschläge befinden sich nach wie vor auf tiefem Niveau. Ganz zurücklehnen kann man sich dennoch nicht. Denn sowohl für die USA als letztlich auch für die im Vergleich zu Deutschland etwas besser diversifizierte Schweizer Volkswirtschaft gibt es eine kritische Unbekannte: US-Präsident Donald Trump. Sollte er, trotz der bevorstehenden Wahlen 2020, den Handelskrieg mit China in den kommenden Monaten weiter eskalieren lassen, droht die negative Stimmung aus der Industrie auch die Konsumlust der Amerikaner zu bremsen. Am Ende könnte dies in die erste von einem Präsidenten hausgemachte Rezession führen.