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Handelskonflikt: «Wie du mir, so ich dir» ist kein guter Ratgeber

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Juli 2018
 

Das Anlageumfeld präsentiert sich insbesondere durch den schwelenden Handelskonflikt belastet. Ein Konflikt, der dringend einer Lösung bedarf. 

Die Redewendung ist hinlänglich bekannt: «Wie du mir, so ich dir» – die etwas weniger plastisch-martialische Variante des alttestamentarischen «Auge um Auge, Zahn um Zahn», ist den meisten von uns wohl seit der ersten Rauferei auf dem Pausenplatz bekannt. Doch anstatt auf dem Pausenhof sehen wir die Anwendung dieses Grundsatzes seit geraumer Zeit in Form des Handelskonflikts auf höchster politischer Ebene. Das simple Credo scheint im Streit um Strafzölle und Schutzmassnahmen zur obersten Handlungsmaxime der Staaten geworden zu sein. Die USA führen Strafzölle auf Produkte aus China und Europa ein. Sowohl Peking als auch Brüssel reagieren mehr oder weniger umgehend mit eigenen Zöllen auf amerikanische Importprodukte. Donald Trump wiederum droht mit neuen, zusätzlichen tarifären Hindernissen. Wäre doch gelacht, wenn europäische und chinesische Spitzenvertreter nicht mit ebensolchen Drohungen antworten. Oder die ursprüngliche Drohung sogar noch übertrump(f)en. 

Auf Strafzölle folgen Strafzölle

Und folglich: round and round it goes, where it stops, nobody knows. Der englischen Phrase möge nachgesehen werden, bringt sie doch das wahre Problem dieses «Wie du mir, so ich dir»-Verhaltens beim Handelsstreit kurz und prägnant auf den Punkt. Denn während diese Strategie in der Spieltheorie – dort unter dem Begriff «tit for tat» bekannt – aufgrund ihres ebenso simplen wie transparenten Wirkungsmechanismus als eine der erfolgreichsten Strategien bei kooperativen Spielen gilt, bringt sie in der Praxis erhebliche Schwierigkeiten mit sich, wie der Handelskonflikt deutlich zeigt. Was ist, wenn das «Spiel» bereits mit einem unkooperativen Zug beginnt? Was ist, wenn jeder Akteur felsenfest davon überzeugt ist, dass seine Handlungen absolut gerechtfertigt sind und die Züge der Gegenspieler als unfair taxiert, während die eigene Handlung vom Gegner als nicht gerecht erachtet werden? Wenn auf eine Bestrafung eine Bestrafung für die Bestrafung erfolgt? Dann wird auf Strafzölle mit eigenen Strafzöllen reagiert, was wiederum – sozusagen als Vergeltungsmassnahme – eine neue Runde an Strafzöllen lostritt und so weiter und so fort. Where it stops, nobody knows. 

Das Chicken Game

Eines wissen wir hingegen mit Sicherheit: der Handelsstreit in seiner jetzigen Phase – um bei der Spieltheorie zu bleiben – entspricht einem veritablen Chicken Game oder zu Deutsch Feiglingsspiel. Der Begriff ist angelehnt an die Mutprobe, bei der zwei Autos mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasen. Wer zuerst ausweicht hat verloren und ist somit das Chicken. Das Problem ist jedoch, solange niemand bei den Handelsstreitigkeiten in irgendeiner Form einlenkt, bringt der Konflikt über kurz oder lang nur Verlierer hervor. Es verlieren die Unternehmen, welche ob der herrschenden Unsicherheit ihre Investitionstätigkeit zurückfahren und aufgrund der höheren Zölle weniger verkaufen, weniger verdienen oder teurer einkaufen müssen.

Auf jeden Fall aber dürften bei einem noch längeren Andauern des Konfliktes die Gewinne auf breiter Front zu leiden haben. Kleinere Gewinnmargen bei den Unternehmen bedeuten gleichzeitig auch Verluste der Aktienanleger. Einerseits werden die Kursentwicklungen beeinträchtigt, andererseits müssen notgedrungen auch die Dividendenzahlungen zurückgeschraubt werden. 

Round and round it goes

Schlussendlich verliert der Konsument, welcher mehr bezahlen muss für Produkte, welche nicht ohne weiteres substituierbar sind. Auf aggregierter Ebene bedeutet dies, dass die Konsumnachfrage zurückgehen dürfte. Bei den Unternehmen wiederum löst dies zusätzlichen Margendruck aus. Round and round it goes. Auch ohne exakt zu wissen, wo genau es enden wird: klar ist, je länger der Handelskonflikt andauert und je höher dessen Dynamik steigt, desto grösser ist die Gefahr, dass der Welthandel spürbar belastet und dadurch das globale Wachstum erheblich gefährdet wird. 

Auch wenn das alles nach ein wenig Schwarzmalerei klingt, verdeutlichen die Überlegungen doch, dass hier sehr viel auf dem Spiel steht. Solange das sich gegenseitigen Belegen mit Strafzöllen andauert, sollten die Anleger entsprechend vorsichtig positioniert sein. Damit es nämlich nicht wie bei den aufeinander zurasenden Autos zu einem (eigentlich vermeidbaren) Crash kommt, muss irgendeine Partei als erste nachgeben und ausweichen. Leider zeichnet sich gegenwärtig jedoch (noch) nicht ab, welche Seite dies sein könnte.