Finanzmärkte Ausblick

Notenbanken hissen die weisse Flagge

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Juli 2019

 

Trotz Handelskrieg und schwächelnder Weltkonjunktur haben die Aktienmärkte im ersten Halbjahr deutlich zugelegt. Bedanken können sich die Anleger bei den Notenbanken. In den USA ist schon bald mit Zinssenkungen zu rechnen und die Europäische Zentralbank schaut wieder in ihre geldpolitische Trickkiste. Der Schweizerischen Nationalbank dürfte dies Kopfschmerzen bereiten.
 
Die erste Hälfte des laufenden Jahres ist vorbei und die Ferien stehen vor der Tür. Anleger, die vor der Sommerpause noch kurz einen Blick auf ihre Portfolioabrechnung werfen, dürften sich die Augen reiben. Denn trotz schwacher Konjunkturdaten und zwischenzeitlich eskalierendem Handelskrieg war die Entwicklung an den Finanzmärkten aus Anlegersicht überaus erfreulich. So konnte man mit Aktien im ersten Halbjahr zweistellige Kursgewinne erzielen. Dabei gehörte der Schweizer Markt mit einem Kursplus von über 20 Prozent zu den grössten Gewinnern. Auch Gold- und Immobilienanlagen entwickelten sich positiv. Und selbst die auf den ersten Blick eigentlich unattraktiven Obligationen trugen dank deutlich fallender Zinsen zur guten Performance bei.

Zinssenkungen als «Versicherung»
In den USA fiel die Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen seit Mitte Januar von 2,80 Prozent auf 2 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging es für Schweizer Eidgenossen von bereits bescheidenen -0,15 Prozent auf ein neues Rekordtief von unter -0,6 Prozent hinab. Genau diese starken Zinsbewegungen waren es auch, welche die fast schon rekordverdächtig anmutenden Performancezahlen der ersten Jahreshälfte zum grossen Teil erklären. Ihre Ursache liegt – wieder einmal – bei der Geldpolitik. Denn die US-Notenbank Fed hat in den letzten Monaten eine regelrechte 180-Grad-Kehrtwende aufs Parkett gelegt. Noch im letzten Herbst visierte sie für 2019 mehrere Zinserhöhungen an. Inzwischen hat sich die Tonlage komplett gedreht, nicht nur verbal. An der letzten Sitzung im Juni haben die Notenbanker nun auch im sogenannten «Dot Plot» ihre Erwartungen angepasst. 8 von 17 Sitzungsteilnehmern rechnen für das laufende Jahr nun mit mindestens einer Zinssenkung, wobei sieben gar mit einer Zinsbewegung von insgesamt 50 Basispunkten rechnen. Für 2020 erwartet die Mehrheit des Gremiums, dass der Leitzins tiefer als heute liegen wird. Somit erachtet der Grossteil der Fed-Mitglieder Zinssenkungen als das richtige und notwendige Mittel um der erhöhten politischen Unsicherheit und der sich rapide verschlechternden Stimmung in der Industrie zu begegnen. Sie sollen als eine Art «Versicherung» dienen, um die irgendwann wohl unvermeidliche Rezession weiter in die Zukunft zu schieben. Höhere Inflation nimmt man dafür gern in Kauf.

SNB könnte unter Druck kommen
Rund um den Globus machte das Beispiel der Fed in den letzten Wochen Schule. Sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern ist derzeit eine neue geldpolitische Lockerungswelle zu beobachten. So erklärte auch Mario Draghi, dass die geldpolitischen Optionen der Europäischen Zentralbank noch längst nicht ausgeschöpft sind. Noch höhere Negativzinsen gehören demnach ebenso in deren Werkzeugkasten wie weitere Anleihekäufe. IWF-Direktorin Christine Lagarde, die im Herbst Draghis Nachfolge antreten soll, dürfte noch so gern seinen Spuren folgen. Bekannt als Verfechterin einer aktivistischen Geld- und Fiskalpolitik dürfte sie an den Finanzmärkten einen mindestens ebenso grossen Fussabdruck hinterlassen. Bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wird man all diese Entwicklungen mit Argwohn betrachten. Denn eine noch lockerere Geldpolitik in den USA und im Euroraum verringert die Zinsdifferenzen und setzt den Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck. Beim EUR/CHF-Kurs kam die psychologische Marke von 1,10 Franken jüngst schon bedrohlich nahe. Nicht wenige Experten erwarten auf diesem psychologisch wichtigen Level neuerliche Deviseninterventionen der SNB. Ob diese tatsächlich so schnell dazu bereit wäre, ist allerdings mit grösseren Fragezeichen verbunden. Aufgrund der aufgeblähten Notenbankbilanz könnte ihre Schmerzgrenze durchaus ein Stück tiefer liegen. Vielleicht greift sie stattdessen doch lieber in den Negativzins-Giftschrank.