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Kommt jetzt die Rezession? Jens Korte zu den Entwicklungen der Finanzmärkte unter Trump

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14.06.2018 - Der Kapitalmarktexperte Jens Korte referierte im Rahmen des Raiffeisen-Forum Zürich zum Thema «Amerika unter Trump: Die Zukunft der Wirtschaft und Wall Street».

Untätigkeit könne man Donald Trump gewiss nicht vorwerfen. «In seiner noch kurzen Amtszeit hat der US-Präsident einiges bewegt, unter anderem eine gewaltige Steuerreform durchgeboxt, etliche Regularien in verschiedenen Bereichen gekippt sowie die Importzölle zum Schutz der heimischen Wirtschaft teils markant erhöht», sagt Jens Korte. 

Der Kapitalmarkt- und Wall-Street-Experte, bekannt aus dem Schweizer Fernsehen, bemühte als Einleitung seines Referats in der Samsung Hall bei Dübendorf gar einen Vergleich des aktuellen amerikanischen Machthabers mit dem umtriebigen Franklin D. Roosvelt, der Amerika von 1933 bis 1945 präsidierte. Roosvelt habe mit seinem «New Deal» in erster Linie die US-Sozialsysteme ganz neu aufgestellt, Trump sei das Pendant dazu für eine umfassende Renovation der Wirtschafts- und Finanzordnung im Land. Als weitere Gemeinsamkeit nennt Korte die Fähigkeit beider Präsidenten, für die eigenen Anliegen eine grosse Öffentlichkeit zu schaffen: «Roosvelt trat in regelmässigen Kamingesprächen via Radio mit der Bevölkerung in Kontakt, Trump zwitschert seine Meinungen in hoher Frequenz über die Social-Media-Kanäle in alle Welt hinaus».

 

Abschottung ist keine nachhaltige Strategie

Das Massnahmenbündel, welches Trump beseelt vom eigenen Wahlversprechen «Make America great again» beschlossen und teils schon umgesetzt hat, ist aus Sicht von Jens Korte in bestimmten Teilen durchaus nachvollziehbar. «Wenn Donald Trump lauthals kritisiert, dass die Industrie und das verarbeitende Gewerbe Amerikas seit dem Eintritt Chinas in die WHO im Jahr 2001 markant eingebrochen sind, hat er natürlich recht.» Und auch das aus seiner Sicht grosse Unrecht, wonach China und teils auch die EU höhere Importzölle verlangten als die USA, sei nicht von der Hand zu weisen. 

Gleichwohl hält es Korte auch im Sinne Amerikas für die falsche Antwort, dass Trump nun die US-Zölle massiv anhebe und sowohl China wie Europa damit praktisch den Handelskrieg erkläre. «Wer solche Streitigkeiten anzettelt, zieht sich damit faktisch aus dem Wettbewerb zurück.» Viel sinnvoller wäre es aus seiner Sicht für die USA, in die Qualität der eigenen Industrien zu investieren, auf modernste Technologien umzurüsten und sich mit Leistung statt Strafzöllen gegen die internationale Konkurrenz durchzusetzen. «Wenn man sieht, wie etwa China mittels ausgereifter ‹Artificial Intelligence› und modernster Datenverarbeitung heute schon ganze Städte mit einem Optimum an Effizienz betreibt, wirkt Trumps Vision von einer Abschottung des US-Marktes zur Stärkung der eigenen Stahl- oder Autoindustrie fast schon antik.»

Nicht zu vergessen sei, dass Trump mit der Einführung von Importzöllen natürlich auch die Konsumentenpreise in den USA erhöhe. «Wenn lokale Hersteller für Ware und Teilchen aus dem Ausland mehr bezahlen, werden sich dadurch natürlich auch ihre Produkte verteuern.» Die Zölle werden also über kurz oder lang eine Inflation auslösen.

 

Die Zeichen stehen auf Sturm

Im Moment scheine über Amerika aus konjunktureller Sicht noch die Sonne. «Seit 2009, also nach Abschluss der grossen Weltwirtschaftskrise, wächst die US-Wirtschaft ununterbrochen, die Arbeitslosenquote liegt mit 3,9 % heute so tief, dass man von Vollbeschäftigung sprechen kann», so Korte. Auch die US-Aktienmärkte befänden sich auf einem Höhenflug und erzielen laut dem Wall-Street-Experten heuer das grösste Gewinnwachstum seit sieben Jahren.

Auch dafür gebe es eine relativ einfache Erklärung. Aufgrund der von Trump durchgesetzten Unternehmenssteuersenkung von 35 auf 20 Prozent werden dem US-Fiskus in den nächsten Jahren 1500 Milliarden Dollar entgehen. «Zahlreiche Unternehmen haben mit dem eingesparten Geld bereits massive Aktienpakete zurückgekauft oder Dividenden erhöht.» Das stütze die Wirtschaft nicht direkt, lasse jedoch die Kapitalmärkte brummen. Doch auch an der Wall Street wachsen die Bäume nicht in den Himmel. «Schon jetzt räumen viele Experten ein, dass ein Höhepunkt wohl erreicht und weiteres Wachstum kaum mehr möglich sei», sagt Jens Korte.

Die aktuelle Ausgangslage der US-Wirtschaft vergleicht er mit dem Klimawandel. «Man weiss, dass die Entwicklung in eine negative Richtung geht, man sieht es aber im Moment noch nicht.» Die absehbare Stagnation der Aktienmärkte, eine bevorstehende Inflation wegen den Zöllen sowie massive Löcher in der Staatskasse als Folge der Steuersenkungen seien auf Dauer nicht so einfach verkraftbar. «Infolge der zuletzt schon stark gewachsenen Hypothekarzinsen wird auch die US-Notenbank ihre Zinsen schon bald stärker anheben müssen, als ihr lieb ist», prophezeit Korte. Auch die demografische Entwicklung der USA sei alles andere als hoffnungsvoll. Während die Zahl der 20- bis 64-Jährigen schon länger stagniere, explodiere die Zahl der Rentner förmlich. Kommt hinzu, dass sich die Geburtenrate zurzeit auf einem historischen Tief befinde.

Jens Korte behauptet nicht, dass Donald Trump die alleinige Schuld für das aus seiner Sicht Unausweichliche trägt, aber dessen auf den ersten Blick nachvollziehbare Reformen hält er für zu kurzsichtig. «Die USA dürften über kurz oder lang auf eine relativ schmerzhafte Rezession zusteuern.»

 

Jens Korte, wirtschaftspolitischer Korrespondent für Fernsehen, Radio und Print.

Jens Korte
Jens Korte

Seit 1999 berichtet Jens Korte täglich vom Parkett der New York Stock Exchange für SRF und andere Medien über die US-amerikanische Wirtschaft. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann bei der Hoechst AG und dem erfolgreichen Volkswirtschaftsstudium in Berlin zog es Jens Korte 1998 nach New York. 2003 gründete er seine eigene Firma «new york german press». Im März 2014 erschien sein erstes Buch mit dem Titel «Rettet die Wall Street – Warum wir die Zocker brauchen!» Seit 2015 schreibt er wöchentlich im «Wall Streeter» für den österreichischen Börsenkurier. Im Radio ist er täglich bei SRF 4 News und bei Klassik Radio zu hören und seine Kolumnen sind in der NZZ am Sonntag zu lesen.