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10 Fragen an Psycho-Therapeutin Eva Fischer: «Freundschaft ist ein Aspekt von Liebe»

25.01.2017 |
  • Erlebnis

Freunde begleiten uns durch gute und schlechte Zeiten. Freunde geben uns Halt, Unterstützung und Zuversicht. Freunde bereichern unser Leben. Laut verschiedenen Studien sind Freunde auch sehr wichtig für unsere Gesundheit. Echte soziale Unterstützung unter Freunden federt jede Form von Stress ab, sorgt für Wohlbefinden und stärkt die Abwehrkräfte von Körper und Seele. Dass Freunde Balsam für die Seele sind, weiss auch die Zürcher Therapeutin Eva Fischer und erklärt uns im Gespräch, die wichtigsten psychologischen Aspekte der Freundschaft.

Freunde auf einer Bank

Freundschaft

Zuerst einmal ganz allgemein – Frau Fischer, wozu brauchen wir Freunde?

Wir brauchen Freunde, um uns selber spiegeln zu können. Wir brauchen sie auch, um Liebe, Freundschaftsgefühle und andere Gefühle und Gedanken ausdrücken zu können – Gedanken entstehen aus Gefühlen. Ausserdem brauchen wir sie, um neue Aspekte kennen zu lernen und den Horizont zu erweitern.

 

Was macht denn eine gute Freundschaft aus?

Eine gute Freundschaft zeichnet sich durch Gemeinsamkeiten aus. Man spricht die gleiche Sprache – man versteht sich, ohne sich ständig erklären zu müssen. Weitere Merkmale sind Ehrlichkeit, auch bei unangenehmen Themen; gegenseitige Unterstützung und die Freuden des Anderen teilen zu können.

 

Wie pflegt man eine Freundschaft, damit sie nicht in die Brüche geht?

Durch Kontinuität. Dabei sind die zeitlichen Abstände nicht so wichtig. Tiefe Freundschaften erlauben auch nach langer Zeit des Nichtsehens ein sofortiges Anknüpfen. Und durch Offenheit und Interesse an der Entwicklung des Gegenübers.

 

Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass eine Freundschaft zerbricht?

Ein häufig vorkommender Trennungsgrund unter Freunden ist, wenn sich einer in eine andere Richtung entwickelt. Zum Beispiel können eine Familiengründung oder ein neuer Partner zu neuen Prioritäten im Leben führen, die gegenseitige Erwartungshaltung verändert sich und darauf folgen Enttäuschungen.

 

Freundschaften wirken gesundheitsfördernd und stressabbauend. Warum sind Freunde so wichtig für die Gesundheit?

Menschen sind soziale Wesen und pflegten wir nur oberflächliche Kontakte, würden wir seelisch verkümmern. Sich mit einem Menschen wohl zu fühlen und akzeptiert zu sein, fördert die Ausschüttung von Hormonen und Transmittern, die das Immunsystem stärken.

 

Sind Freunde aber immer gut für die Gesundheit?

Im Prinzip schon. Doch Theorie und Praxis klaffen oft auseinander. Ein Saufkumpel, mit dem man zusammen seine Sorgen ertränken kann, ist auf der körperlichen Ebene sicher nicht «gesund». Auf einer psychischen Ebene aber vielleicht heilsam – durch das Loslassen und Teilen von Gefühlen.

 

Was können vor allem Kinder von freundschaftlichen Beziehungen lernen?

Freundschaften unterstützen Kinder einerseits, um Problemlösungs-Strategien zu entwickeln, Kompromisse zu schliessen und zu teilen. Andererseits hilft es ihnen auch, um Empathie zu leben. Ich sage bewusst leben und nicht lernen – da jedes Kind mit Empathie auf die Welt kommt. Zusätzlich lernen Kinder durch freundschaftliche Beziehungen mit Enttäuschungen umzugehen und Trauer zu erleben, wenn sich beispielsweise der Freund abwendet.

 

Eltern sorgen sich, wenn ihre Kinder Mühe haben, Freunde zu finden. Was heisst es, wenn jemand (unfreiwillig) keine Freunde hat?

Meist handelt es sich um «besondere» Kinder, welche keine oder wenige Freunde haben. Grosse Sensibilität, überdurchschnittlich intelligent, körperlich schwächer und so weiter. Kinder reagieren untereinander sehr grausam auf das «Anderssein». Stille, in sich gekehrte Kinder haben und brauchen oft weniger Freunde.

 

Anscheinend beruht etwa die Hälfte unserer Beziehungen nicht auf Gegenseitigkeit. Wie ist es zu erklären, dass knapp die Hälfte der Menschen, die wir zu unseren Freunden zählen, das nicht gleich sieht?

Eine wirkliche Freundschaft bewegt sich auf gleicher Augenhöhe und ist kein Geschäftsmodell mit Abhängigkeiten. Viele Menschen bewegen sich aber gerne in Hierarchien. Hierarchien erzeugen bei vielen Menschen ein Gefühl von Sicherheit. In etwa: Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Die meisten Menschen ziehen Sicherheit der Wahlfreiheit vor. Daraus ergeben sich Zweckgemeinschaften, was mit Freundschaft wenig zu tun hat.

 

Wo sehen Sie die Grenze zwischen Liebe und Freundschaft?

Das muss jeder selbst entscheiden. Freundschaft ist ein Aspekt von Liebe. Paarbeziehungen, denen der Freundschaftsaspekt fehlt, überdauern meist nicht sehr lange. Freunde müssen selbst herausfinden, wie sie eine Freundschaft gestalten wollen und welchen Ausdruck und welche Form sie

Eva Fischer
Eva Fischer

Über Eva Fischer: Die erfahrene Psycho-Therapeutin hat seit 1984 eine eigene Praxis in Zürich und begleitet Einzelpersonen und Paare durch schwierige Lebensphasen: Eva Fischer Praxis Weinberg