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Aufgepasst vor Anlagemythen

15.06.2017 |
  • Wirtschaft

Menschen orientieren sich oft an Ritualen und Regeln, die ihnen als «Anleitung zum Glück» eine vermeintliche Sicherheit vermitteln. Das gilt auch in Geldfragen, wo sich diverse Anlagemythen hartnäckig behaupten. Dies, obschon sie wissenschaftlich klar widerlegt sind.

Nicolas Samyn, Leiter Investment Solutions bei Raiffeisen Schweiz
Nicolas Samyn, Leiter Investment Solutions bei Raiffeisen Schweiz

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das Sprichwort klingt resolut, etwas streng, bewahrheitet sich in unzähligen Situationen des Lebens aber immer wieder. Manchmal auch schmerzhaft, etwa in Geldgeschäften. «Viele Privatanleger sind trotz einer angestrebten Investition von beträchtlichen Vermögensmitteln nicht wirklich bereit, sich vorgängig vertieft mit dem Anlagegeschäft auseinanderzusetzen und verstehen daher nur unzureichend, wie die Märkte funktionieren», beobachtet Nicolas Samyn, Leiter Investment Solutions bei Raiffeisen Schweiz. Die häufige Folge: Sobald es an den Märkten nicht mehr rund läuft, tendieren solche Anleger zu fehlerhaften Kurzschlusshandlungen, die nicht selten einen irreparablen Finanzschaden auslösen.

«Uninformierte Anleger halten sich in diesen Stresssituationen häufig an sogenannten Anlagemythen fest, die ihnen mangels zuvor erworbenem Fachwissen den vermeintlich richtigen Weg weisen», erläutert Nicolas Samyn. Genau dies werde ihnen dann zum Verhängnis. Für Bank- und Finanzberater sei es deshalb eine zentrale Aufgabe, das Anlagegeschäft gegenüber ihren Kunden zu «entmythologisieren». Denn rein wissenschaftlich seien die meisten Anlagemythen nicht belastbar, also eher im Reich der Binsenwahrheiten anzusiedeln.


6 Anlagemythen im Belastungstest

Mythos I – Bleib beim Sparkonto!

Eine Investition in Wertschriften ist riskant und es lässt sich damit kein Geld verdienen. 

Beurteilung: Falsch! Wertschriften bieten langfristig höhere Renditechancen als Kontoprodukte und schützen den Anleger besser gegen die Inflation. Kurzfristig können zwar alle Anlageklassen stark schwanken, langfristig bieten die Hauptanlageklassen Aktien, Alternative Anlagen (u.a. Gold, Rohstoffe und Immobilien) und Obligationen jedoch solide Renditen. Aktienanlagen bergen die höchsten Risiken, bieten langfristig aber die höchsten Renditechancen.

 

Mythos II – Abwarten und Tee trinken!

Der Einstiegszeitpunkt ist relevant und die Märkte sind aktuell sehr hoch bewertet. 

Beurteilung: Eher falsch! Den «richtigen» Zeitpunkt zu erwischen klappt nie – man ist als Anleger immer zu früh oder zu spät. Zudem: Bei einer Mindesthaltedauer von zehn Jahren war die Rendite am Schweizer Aktienmarkt in den letzten 80 Jahren fast immer positiv – unabhängig vom Einstiegszeitpunkt.

 

Mythos III – Kaufen und verkaufen, Tag und Nacht!

An der Börse bewegen sich die Kurse sehr schnell, deshalb sollte das Portfolio immer angepasst werden. 

Beurteilung: Falsch! Eine breit angelegte Studie mit 82 Pensionskassen in den USA hat aufgezeigt, dass «Timing» kein wesentlicher Renditetreiber ist. Im Rahmen der Studiendauer von zehn Jahren wurde eine Gesamtrendite von 13,41 Prozent erwirtschaftet, die zu 100 Prozent auf der Renditekomponente «Anlagestrategie» basierte. Die vermeintlich wichtigen Renditekomponenten «Titelwahl» (+ 0,26 %) und «Timing» (- 0,26 %) hatten hingegen nur eine marginale bis gar keine Bedeutung. Zudem ist jede Transaktion mit Kosten verbunden, die mit der Zeit einen grossen Teil der Performance «auffressen» können.

 

Mythos IV – Alles auf eine Karte!

Richtig viel Geld verdient ein Anleger, wenn er auf einen heissen Tipp setzt. 

Beurteilung: Sehr riskant und unvernünftig! Die Vergangenheit hat zur Genüge bewiesen, dass es auch bei solid wirkenden Unternehmen immer wieder zu Konkursen kommt. Beispiele sind Swissair, Lehman Brothers, Chrysler, Quelle und viele mehr. Anleger, die ihr Vermögen in diesen einen «heissen Tipp» investiert haben, erlitten den Totalverlust. Im Glücksfall kann die Strategie auch aufgehen.

 

Mythos V – No risk, no fun!

Der Anlageerfolg hängt nur von der Risikobereitschaft des Anlegers ab. 

Beurteilung: Richtig, aber keine falschen Schlüsse daraus ziehen! Zwischen Rendite und Risiko besteht natürlich ein Zusammenhang, der auch als Zielkonflikt bezeichnet werden kann. Je höher nämlich die Renditeerwartungen sind, desto mehr Risiken muss ein Anleger in Kauf nehmen. Die für einen Kunden optimale Anlagestrategie resultiert deshalb aus der Analyse seiner Risikotoleranz und Renditeziele.

 

Mythos VI – Eine Anlage ist eine Anlage

Jedes Finanzinstrument ist für jeden Anleger geeignet. 

Beurteilung: Falsch! Anleger sollten nur Produkte kaufen, die sie wirklich verstehen. Denn Anlageprodukte weisen zum Teil komplexe Strukturen auf, die es nicht jedem Anleger auf Anhieb erlauben, die erwartete Kursentwicklung für die einzelnen Marktbewegungen zu verstehen. Daher ist es sehr empfehlenswert, sich die Produkte von einem Anlageberater erklären zu lassen. Er versteht die Materie und «übersetzt» ein Anlageprodukt in die Sprache des Anlegers.