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Weniger Anlagefehler durch künstliche Intelligenz

23.06.2017 |
  • Wirtschaft

Für Thorsten Hens führt die künstliche Intelligenz zu einer nachhaltigen Verminderung von Anlegerfehlern. Gleichwohl ist der Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich von der Notwendigkeit des traditionellen Bankengeschäfts überzeugt. Dieses werde sich jedoch anpassen müssen.

Thorsten Hens, Professor of Financial Economics, Institut für Banking und Finance, Universität Zürich
Thorsten Hens, Professor of Financial Economics, Institut für Banking und Finance, Universität Zürich

Herr Hens, immer neue Finanz- und Anleger-Apps überschwemmen zurzeit den Markt. Brauchen wir in zehn Jahren noch Banken?

Sicherlich braucht es in zehn Jahren auch noch Banken. Man muss nur neu überlegen, welche Dienstleistungen sie dann noch erbringen sollen. Standardservices wie Überweisungen, Sparen, Anlegen, Hypotheken sind leicht digitalisierbar. Komplexere Dienstleistungen wie eine Finanzplanung benötigen eine Diskussion mit Profis, die in solchen Dingen erfahrenen sind. Dafür braucht es weiterhin Banken.

Nachhaltig überleben werden aber vermutlich nur die traditionellen Banken, welche neue digitale Anwendungen gekonnt in ihr Geschäftsmodell integrieren und davon sogar profitieren?

Natürlich werden Banken versuchen, die digitalisierbaren Dienstleistungen in ihr Angebot zu integrieren. Sie werden aber dabei in harter Konkurrenz zu anderen Dienstleistern stehen, die sich nur auf diese digitalen Anwendungen spezialisieren.

 

Computer sind Menschen etwa im Schach schon längst überlegen. Können Privatinvestoren künftig auch ihr Anlagevermögen getrost der künstlichen Intelligenz anvertrauen?

Schach ist ein einfacheres Spiel als Anlegen. Bei Schach gibt es klare Regeln und die einzige Unsicherheit ist, was der Gegenspieler macht. Beim Anlegen hingegen geht es wesentlich auch um qualitative Fragen wie die Einschätzung von politischen Prozessen. Da sind Menschen, zumindest im Moment noch, klar überlegen. Dennoch sind gewisse Teile des Anlegens gut digitalisierbar, zum Beispiel Portfoliodiversifikationen oder die preiswerte Implementierung von Trades. Dazu gibt es heute schon diverse Apps.

 

Viele dieser intelligenten Apps berufen sich in Anlagefragen unter anderem auf die Verhaltensökonomie. Schafft dies mehr Rationalität beim Anlegen und verhindert so Fehler?

Ja, die Verhaltensökonomie hat eine ganze Reihe von Anlegerfehlern aufgezeigt, vor denen man die Anleger durch automatisierte Warnhinweise schützen kann.

 

Welche Anlegerfehler sprechen Sie hier ganz konkret an?

Reduziert werden durch automatisierte Warnhinweise sicherlich die Unterdiversifikation, das Verkaufen im Stress oder die Falscheinschätzung der Risikofähigkeit.

 

Sehen Sie in der Digitalisierung des Finanzsektors nur positive Effekte für Privatanleger, oder lauern auch Gefahren?

Ja, solche Gefahren gibt es. So wird zum Beispiel die Kontrollillusion grösser. Dadurch, dass Privatanleger jederzeit den Kursverlauf ihrer Anlagen verfolgen können, glauben sie, mehr Kontrolle zu haben. Sie wähnen sich in Sicherheit, auch jederzeit aussteigen zu können. Jedoch ist das Gegenteil der Fall: Durch die direkte Verknüpfung mit dem Portfolio steigen die Anlegerfehler und es kommt zu vielen unbedachten Trades.

 

Wie stark vertrauen Schweizer Investoren im internationalen Vergleich bereits auf digitale Helfer beim Anlegen?

Die Schweizer sind führend in der Adoption neuer Technologien. Geschlagen werden sie darin nur noch von den Chinesen, den US-Amerikanern und den Skandinaviern.

 

Erwarten Sie in näherer Zukunft noch revolutionäre Neuerungen und Weiterentwicklungen bezüglich dem Potenzial von Finanz-Apps?

Sicherlich, das Interessante an Innovationen ist, dass man immer wieder von ihnen überrascht wird. Zum Beispiel habe ich mir vor zehn Jahren nicht vorstellen können, wie gut man sich heute im Internet über Aktien informieren kann. In zehn Jahren werden wir neue Anwendungen nutzen, von denen heute kein Mensch eine Ahnung hat.

 

Wie kann ich als Privatanleger bestimmen, welchen dieser Anwendungen, Apps und Algorithmen ich vertrauen kann und welchen nicht? Gibt es da Qualitätsmerkmale oder gar ein Gütesiegel?

Das ist eine gute Frage. Im Moment befinden wir uns in einer Wild-West-Phase. Jede noch so kleine Firma versucht ihr Glück mit Finanz-Apps. Erst mit der Zeit wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Dies ist aber gerade die Chance der Banken. Noch geniessen sie das Vertrauen der Kunden und können diesen deshalb einen sicheren Einstieg in die neue digitale Welt aufzeigen. Hilfreich wäre auch, wenn Konsumentenorganisationen künftig vermehrt Vergleichsstudien von digitalen Anwendungen und Anbietern machen würden.

 

Zur Person

Thorsten Hens ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. Er erforscht, welche typischen Fehler Menschen beim Geldanlegen machen und entwickelt Methoden, diese zu vermeiden. Thorsten Hens ist Mitbegründer der Swiss Fintech Innovations, einem Verband, der Fintech Startups, Banken und Wissenschaft zusammenbringt.