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Anlegerpsychologie – Frauen vs. Männer

09.06.2017 |
  • Wirtschaft

«Frauen verprassen mehr Geld beim Shopping, Männer sind risikofreudiger beim Anlegen: So der Tenor anlässlich einer Strassenumfrage.»

Geld ist eine hochemotionale Sache, es gekonnt anzulegen eine Kunst, welche die beiden Geschlechter unterschiedlich zu beherrschen versuchen. Für Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands (SFBV), ist die vorherrschende Männerdominanz in der Finanzbranche kein Wunschszenario. Denn Frauen zeigen beim Anlegen oft mehr Reife.

Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands (SFBV)
Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands (SFBV)

Herr Huber, welches sind die häufigsten Gefühlsregungen, die Geld im Menschen auslösen?

Geld vermittelt Sicherheit und kann den Grad an Zufriedenheit oder Glück von Menschen beeinflussen. Oft bedeutet der Besitz von Geld auch Macht und Überlegenheit und löst Neid aus. Um nur einige wenige Stichworte zu nennen.

Weshalb können Geldfragen aus besten Freunden erbitterte Feinde machen?

Unerfüllte Erwartungen, Neid oder Missgunst sind starke Gefühle, die im Extrem Freund- zu Feindschaften machen können. Zum Beispiel bei Erbstreitigkeiten. Glücklicherweise erleben wir als Finanzberater diese Situationen aber eher selten.

 

Wie spielt die Psychologie beim Geld anlegen: Siegt meistens die Gier über die Vernunft?

Vermögensverwalter entwickeln laufend neue Systeme, um Emotionen beim Anlegen möglichst zu eliminieren. Doch letztendlich entscheiden keine Systeme, wie Geld angelegt wird, sondern der Mensch. Und der neigt leider dazu, falsche Entscheidungen zu treffen, etwa Aktien zu kaufen, wenn der Kurs hoch ist. Dabei spielt vielleicht Gier eine Rolle, ebenso sehr aber Unwissenheit. Gerade deshalb ist eine Finanzplanung mit Liquiditätsplanung, Einkommensabsicherung sowie einem Fokus auf die Vorsorge so elementar. Erst im letzten Schritt geht es um die Anlagen. Häufig wird diese Reihenfolge gedreht, manchmal mit drastischen Folgen.

 

Stellen Sie diesbezüglich nennenswerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest?

Ja, die gibt es. Etwas pauschal gesagt: Frauen legen informierter an, fällen bewusstere Entscheide und haben ein stärkeres Interesse an den Anlagen. Was sie nicht durchschauen, lassen sie sein. Männer sind risikofreudiger und spontaner. So nach dem Motto: Wenn der Kollege mit dieser Aktie zehn Prozent Rendite herausgeholt hat, will ich das auch.

 

Wie sehr spielen hier die Urinstinkte hinein, Männer jagen und sammeln, Frauen schützen und bewahren?

(lacht) Nun, jetzt wird es sehr pauschal. Aber vielleicht hat es in der Tendenz einen Kern Wahrheit. Frauen legen sicher zurückhaltender an, vielleicht etwas reifer.

 

Warum legen Frauen ihr Geld zurückhaltender an als Männer, sind dafür beim Ausgeben, etwa beim Shopping, oft viel aggressiver?

Ob Zweites stimmt, bezweifle ich und mag ich nicht beurteilen. Es ist aber richtig, dass Frauen eher konservativer anlegen und weniger spekulieren. Sie sind instinktiv mehr auf Sicherheit bedacht. Im Prinzip verhalten sich Frauen beim Anlegen so, wie wir das in einer klassischen Finanzplanung empfehlen.

 

Wie sieht denn je ein typisches Frauen- und Männerportfolio aus?

Die vermeintliche Existenz solcher typischen Portfolios ist zu sehr Schubladendenken. Was man sagen kann, ist, dass Frauen die Ausschlusskriterien konsequenter handhaben. Männer sind eher mal bereit, ein solches Kriterium zugunsten der Rendite zu ignorieren. Frauen haben zudem eine höhere Affinität zu nachhaltigen Anlagen und in ihren Depots finden sich eher mehr Obligationen und Immobilien als Aktien.

 

Könnte es auch sein, dass die Geschlechterfrage in diesem Thema überwertet wird und es viel stärker von Herkunft, Ausbildung und beruflichem Status abhängt, wie risikoreich jemand investiert oder anlegt?

Ja, das spielt sicher eine Rolle. Die Herkunft spielt nach meiner Erfahrung eine Rolle in der Preissensitivität, etwa bei Krankenkassenprämien. Bildung oder beruflicher Status wiederum können beispielsweise das mehr oder weniger vertiefte Interesse an der Materie beeinflussen, was wiederum die Risikoaffinität definiert.

 

Trotzdem ist ihren Ausführungen deutlich zu entnehmen, dass Frauen feinfühliger sind und tendenziell ein geschickteres Händchen haben für Finanzanlagen. Warum werden dennoch die meisten Vermögenswerte von Männern verwaltet?

Obwohl es dafür objektiv absolut keinen Grund gibt, trauen viele Menschen Männern eher zu, ihr Geld gut anzulegen. Das hat stark mit der Struktur unserer Gesellschaft zu tun. Schauen Sie mal, wie oft Macht, Geld, Vermögen bei Männern konzentriert ist. In den «Reichsten-Listen» tauchen 80 Prozent Männer auf. Die Themen Macht und Geld scheinen auf Männer eine grössere Faszination auszuüben, deshalb sind die meisten Berufe, die mit Geld zu tun haben, auch mit Männern besetzt. Dazu kommt natürlich, dass nach wie vor viele Frauen eine Karriere zugunsten der Familie zurückstellen, was das Ungleichgewicht verstärkt. Als Präsident des SFBV hoffe ich sehr, dass sich dieses aktuelle Missverhältnis in Zukunft ausgleicht.

 

Welchen Tipp geben Sie zum Abschluss allen Anlegerinnen und Anlegern, um einen Anlageentscheid künftig eher rational statt emotional treffen zu können?

Obwohl der Einstiegszeitpunkt erwiesenermassen weniger wichtig ist als die Laufzeit, rate ich davon ab, irgendwelchen Hypes oder Tipps von Bekannten zu folgen. Für eine seriöse Anlage ist eine vorgelagerte Finanzplanung das A und O. Menschen lassen sich bei fast allen Themen im Leben von Profis beraten, sei das in der Garage, beim Zahnarzt oder bei Kleidern. Weshalb sollten wir das bei so wichtigen Entscheidungen wie den eigenen Finanzen unterlassen?

 

Zur Person

Mario Huber ist seit 2010 Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbandes (SFBV). Der Partner und Mitgründer von Huber & Bruderer arbeitet seit 30 Jahren in der Finanzbranche. Mario Huber lebt mit seiner Familie im Thurgau. Seine Spezialgebiete sind Pensionierungsplanung, Vorsorge, Steuern und Buchhaltung.