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Eine Welt ohne Bargeld? Skandinavien macht es vor. Fast.

30.10.2017 |
  • Wirtschaft

Laut comparis.ch besitzen fast 80 Prozent der Schweizer ein Smartphone als ständigen Begleiter und Helfer in etlichen Alltagssituationen. In einem Bereich aber zücken die Schweizer ihr Handy noch ein wenig zögerlich: Beim bargeldlosen Bezahlen mit mobilen Payment-Apps. Die skandinavischen Länder sind uns hier schon ein Stück voraus.

Dänische Krone-Noten werden bald von Smartphone ersetzt

Dänemark: Bezahlen mit dem Smartphone ersetzt immer mehr das Bargeld

In Schweden ist der Zahlungsverkehr so digitalisiert, dass es praktisch unmöglich ist, überhaupt noch einen Bankautomaten zu finden. Oder einen Ladenverkäufer, der ohne Naserümpfen das Bargeld des Kunden annimmt. Auch die Kirchenkollekte wird mittlerweile bargeldlos gestaltet. Statt klimperndem Münz hört man nur noch das Surren des «Kollektomaten», des Geldautomaten. Wird dies künftig auch bei uns so sein? 

Von einer bargeldlosen Schweiz seien wir noch weit entfernt, sagt der Mobile Payment-Experte Daniel Steingruber vom Swisscom Digital Banking Think Tank e-foresight. «Es ist schwer einzuschätzen, ob und wann dies bei uns der Fall sein wird. Eine grosse Rolle spielen der Staat als Regulator sowie die Banken. Diese Players bestimmen massgeblich mit, wie sich alles im Bereich bargeldloses Bezahlen entwickeln wird. In den nordischen Ländern, wo man heutzutage mit Bargeld zum Aussenseiter mutiert, da haben der Staat sowie die Banken einen wesentlichen Beitrag geleistet, um das Mobile Payment zu fördern.»

Es gäbe jedoch einen unpraktischen Nebeneffekt für uns, so Steingruber: «Für Touristen in Schweden gestaltet sich das Bezahlen ohne die schwedische Mobile Payment-App Swish als äusserst schwierig.»

In vielen Alltagssituationen können Touristen tatsächlich nur noch mit Kreditkarte oder Swish-App bezahlen – wie beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Museen und Theater, Bäckereien oder Cafés. Plakativ werden Schilder mit der Aufschrift «Vi hanterar ej kontanter» («Wir akzeptieren kein Bargeld») aufgehängt.
 

Schweden nimmt die Vorreiterrolle ein

Historisch gesehen ist es kaum verwunderlich, dass genau die nordischen Länder punkto bargeldlosem Bezahlen so fortgeschritten sind. Nehmen wir Schweden als Beispiel. Sie sind nicht nur für ihre Innovationskraft und Sozialleistungen bekannt, sondern waren auch das erste europäische Land, welches im Jahre 1661 Banknoten einführten.

Den Schweden wird noch etwas Weiteres nachgesagt: Sie seien technikaffin (oder sogar technikverliebt), im Vergleich zu anderen Ländern sehr häufig online und bei der Smartphone-Nutzung ganz vorne mit dabei.

Aber auch die geografischen Gegebenheiten sind nicht ausser Acht zu lassen: Schweden hat europaweit die zweitniedrigste Geldautomaten-Abdeckung, da die Entfernung zwischen einzelnen Geräten sehr hoch sein kann.

Es gibt aber auch noch einen weiteren wichtigen Punkt, den Daniel Steingruber, wie auch andere Experten, zu bedenken gibt: Die Thematik des «gläsernen Bürgers» – die Befürchtung, dass der Staat bei einer komplett digitalen Wirtschaft potenziell über jede Transaktion Bescheid weiss – ist vielerorts sehr präsent. Nicht so bei den Schweden – sie haben genug Vertrauen in ihren Staat, die Regierung und das Finanzsystem und haben daher keine Bedenken, voll und ganz auf digitale Lösungen zu setzen.

 

Die dänische Erfolgsgeschichte der MobilePay-App

Auch Dänemark wird immer mehr zur bargeldlosen Gesellschaft. So haben 90 Prozent der dänischen Smartphones die bargeldlose Bezahl-App MobilePay installiert. Die dänische MobilePay-App wurde 2013 von der Danske Bank ins Leben gerufen. Nach einem Tag hatten 25'000 Menschen (meist Kunden der Danske Bank) die App auf ihr Smartphone geladen, vier Monate später waren es bereits 50'000 und heute benützen 3,4 Millionen Dänen die App – 70 Prozent davon sind Kunden von anderen Banken. Das sind beeindruckende Zahlen, vor allem wenn man bedenkt, dass das Land nur 5,7 Millionen Einwohner zählt. Langsam schwappt der Erfolg auch auf Norwegen und Finnland, da regelmässig auch neue Web-Shops aus der gesamten Region zum MobilePay-Partnernetz dazustossen.

 

Und wie steht es mit der Schweiz?

In der Schweiz stehen wir noch nicht am gleichen Punkt wie in Schweden oder Dänemark. Wir sind zwar auch technikaffin wie die Schweden und haben ebenfalls eine landesweite sichere bargeldlose Bezahl-App, welche von den grössten Banken der Schweiz lanciert wurde. Dennoch zögern die Schweizer, vom Bargeld abzusehen.

Die Chancen für TWINT seien jedoch gut, so die Meinung des Experten Steingruber: «TWINT hat einen bedeutenden Vorteil: Die grössten Banken wie Raiffeisen, UBS oder Postfinance stehen hinter der TWINT-App. Dies gilt auch für vertrauenswürdige Partner wie Coop, die eine starke Ausstrahlungskraft haben und Vertrauen und Sicherheit vermitteln. Meiner Meinung nach gilt es nun, weitere Funktionen wie Fast Lane-Checkouts oder das Bezahlen von Rechnungen anzufügen. Mit diesem Mehrwert sehe ich durchaus gute Chancen für TWINT in der Schweiz», erklärt Steingruber.

Raiffeisen TWINT

Unsere Schweizer Mobile Payment-Lösung: TWINT ist seit Mai 2017 für Raiffeisen-Kunden verfügbar

Trotz Kreditkarten und TWINT wird uns das Bargeld in der Schweiz aber noch lange erhalten bleiben. Davon sind sich Experten wie auch die Schweizer Bevölkerung einig. Dass man sonntags die Kirchenkollekte in Zukunft mit der Kreditkarte oder per App einsammelt, ist schlichtweg unvorstellbar. Aber wer weiss, die Schweden hatten ja auch als erstes europäisches Land die Geldscheine eingeführt…