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Beim Schneemeister in Zermatt

21.11.2016 |
  • Wirtschaft

Daniel Imboden ist der Schneemeister von Zermatt Nord. Eine grosse Aufgabe. Um sie zu erfüllen, steht ihm eine gigantische Infrastruktur zur Verfügung. Und dann, wenn es ums Schneemachen geht, eine Truppe höchst erfahrener Männer. Schnee machen an sich ist simpel, Maschinen und Kälte vorausgesetzt. Perfekter Schnee aber ist eine Kunst für sich. Ein Besuch vor Ort.

Die Freude am Fahren steht ihm ins Gesicht geschrieben: Mit dem Quad lässt sich im bergigen Gelände vieles einfach erreichen − solange kein Schnee liegt.

Die Freude am Fahren steht ihm ins Gesicht geschrieben: Mit dem Quad lässt sich im bergigen Gelände vieles einfach erreichen − solange kein Schnee liegt.

17. Oktober, Zermatt, vor der Talstation Standseilbahn Sunnegga

«It’s closed», es ist geschlossen, sagt Daniel Imboden zu den vier jungen Asiaten, die unter dem Bewegungsmelder der Schiebetür gestikulieren – ohne Effekt. Imboden schaut einen Moment zu und lacht, «it’s really closed, until 26th of November.» Jetzt begreifen die Youngsters, lachen zurück und schlendern von dannen.

Es ist Zwischensaison in der Alpenmetropole. Die Sunneggabahn hat Pause. Es ist die Zeit der Revisionsarbeiten, die Zeit vor dem grossen Sturm. Und es ist die Zeit, in der es für Daniel Imboden um alles geht: Er ist der Schneemeister für die Gebiete Gornergrat und Rothorn. Und er hat jetzt bis zum 26. November Zeit, dafür zu sorgen, dass bei Startschuss zur Wintersaison genug Schnee liegt. «Skifahren & Snowboarden – Abenteuer im weissesten Weiss» verspricht zermatt.ch. Jeden Winter reisen Zigtausend Gäste ins Matterhorndorf, 90 Prozent wollen auf die Piste.

«Kommt», sagt Imboden, «wir gehen hoch in mein Büro.» Es befindet sich auf 2586 Metern über Meer, in der Talstation der Gondelbahn, die aufs Rothorn führt. Auf dem Weg hinauf – zuerst per Extrafahrt mit der Standseilbahn Sunnegga, dann im roten Pickup weiter hoch zum Blauherd – kommt Imboden ins Reden. Er erzählt vom Privileg, jeden Tag in diesen «wunnnnderbaren» Bergen zu verbringen. Von seiner Frau, einer Zürcherin, in die er, der Zermatter, sich «hier am Berg» verliebt, die er geheiratet und mit der er zwei Kinder hat. Er berichtet von Freuden und Leiden des Chefseins: «Ich kann mich voll und ganz auf meine Leute verlassen und sie sich auf mich», sagt er, «aber der Druck ist gross.»

Auf die Frage, was für ein Gefühl es ist, eine Rolle zu spielen, die bis vor 30 Jahren der Natur vorbehalten war, sagt er, es sei durchaus speziell, «Herrgott zu spielen». Schnee machen zu können ist auch in Zermatt eine conditio sine qua non geworden: Auf das «weisseste Weiss» vom Himmel ist kein Verlass mehr. Es sind längst nicht mehr die Schneeverhältnisse, die den Saisonstart bestimmen, sondern jene, die vom Schnee leben: Hoteliers, Bergbahnbetreiber, Gastronomen. Gastronomen. Für sie heisst es, ohne Schnee keine Gäste, ohne Gäste kein Umsatz – und ohne Umsatz ganz schnell gar nichts mehr. Der Winter ist die Zermatter Hochsaison und der Schnee der Zermatter Lebensnerv: Rund 62 Millionen Franken spült der Ticketverkauf in die Kasse der Zermatt Bergbahnen AG, Imbodens Arbeitgeberin; 47 Millionen im Winter, 15 Millionen im Sommer.

Über den dicken Schlauch, mit dem die Schneekanone an die Wasserleitung angeschlossen wird, schiesst wenige Sekunden später Wasser mit Hochdruck in die Maschine. Wenn die Kanone loslegt, ist der Lärm ohrenbetäubend.

Über den dicken Schlauch, mit dem die Schneekanone an die Wasserleitung angeschlossen wird, schiesst wenige Sekunden später Wasser mit Hochdruck in die Maschine. Wenn die Kanone loslegt, ist der Lärm ohrenbetäubend.

Energiebedarf von 1000 Haushalten

Der Winter ist matchentscheidend und Snowmaker Imboden eine Schlüsselfigur. «Bald wird es hier weiss sein», sagt er, angekommen in seinem Büro, von wo aus er einen Grossteil seines Gebiets überblickt. Noch sind die Matten braun, gespickt mit meterhohen Schneelanzen. «Die Anlage ist installiert und getestet, wir sind parat», kommentiert Imboden, den Blick auf die herausragende Technik gerichtet, «jetzt muss es nur noch kalt werden.» Um seinen Job als Schneemacher zu erfüllen, stehen ihm 570 fest installierte, unterirdisch über Leitungen miteinander verbundene Lanzen und 10 mobile Schneekanonen zur Verfügung.

Die Schneeproduktion an sich ist simpel – die dafür nötige Infrastruktur vorausgesetzt: Imboden braucht Strom und er braucht Wasser. Das Wasser bezieht er aus dem Stollen Breitboden der Grande Dixence, aus dem Stelli- und Kellensee. Es wird mit Hochdruck durch Hightech-Ventile in die Lanzen und Kanonen gepumpt und von dort in die Luft gesprüht. Die Tröpfchen sind so klein, dass sie in den durchschnittlich 10 Sekunden ihres Flugs gefrieren. Als Eisflöckchen von der Grösse zwischen 0,1 bis 0,8 Millimeter landen sie dann auf den Matten. Die technische Beschneiung der Skipisten kostet für Zermatt Süd und Nord zusammen pro Saison zwischen vier und fünf Millionen Franken und verschlingt rund sechs Millionen Kilowattstunden, also etwa den Jahresbedarf von 1000 Schweizer Haushalten. «Im Vergleich zum touristischen und wirtschaftlichen Nutzen ist der Stromverbrauch gering», sagt Imboden mit Verweis auf die über eine Million Skipässe, die im Jahr verkauft werden, «und das Wasser, das wir brauchen, fliesst wieder in den Kreislauf zurück, wenn der Schnee schmilzt.»

Jetzt setzt Imboden eine der mobilen Schneekanonen, die ganz in der Nähe seines Büros postiert ist, für eine Demonstration und für die Fotografin in Gang. Der Lärm ist ohrenbetäubend, der Sprühnebel ausschweifend. Was auf Fotoausrüstung und Menschen nieder geht, ist nass, nicht eisig. Dafür ist es heute zu warm. «Wir brauchen Null Grad oder kälter, um zu beschneien», sagt Imboden, jetzt ganz in seinem Element, «ideal sind minus zehn Grad.» Und zwar möglichst anhaltend. Gut kommt’s, wenn er während fünf Tagen durchgehend beschneien kann, «dann hält die Decke und wir haben eine Superunterlage.» Unterlage? «Ja, Kunstschnee gehört auf den Boden, Naturschnee auf den Kunstschnee, dann werden die Pisten traumhaft.»

Imboden klopft die Wassertropfen von seiner Jacke, macht die tosende Schneekanone wieder aus und saust auf seinem Quad – auch diesen hat er der Fotografin zuliebe hochgefahren – wieder retour in seine Basis. Zurück im Büro erzählt er von der Anspannung, die zusammen mit der Vorfreude aufs Beschneien täglich wächst. «Es gehört zu meinen grösseren Herausforderungen, den richtigen Moment zu bestimmen, um mit Schneien anzufangen.» Schneit er und es wird wieder warm, hat er Geld und Ressourcen verschwendet. Wartet er zu lange zu, werden Traumpisten zum Saisonstart zur Zitterpartie.

Let ist snow − aus der Schneekanone werden allerkleinste Wassertröpfchen in die Luft gesprüht. Ist es kalt genug, sind sie zu Eis gefroren, wenn sie auf den Boden zurückfallen.

Let ist snow − aus der Schneekanone werden allerkleinste Wassertröpfchen in die Luft gesprüht. Ist es kalt genug, sind sie zu Eis gefroren, wenn sie auf den Boden zurückfallen.

Schneeproduktion per Mausklick

Zehn Wetter-Apps hat er auf sein Smartphone geladen, fünf Wetterstationen im Gebiet liefern Echtzeit-Daten zu Temperatur, Windstärke und Luftfeuchtigkeit auf seinen Bildschirm im Büro. Sie helfen beim Entscheid ‚loslegen oder zuwarten’, nehmen ihn ihm aber nicht ab: «Das Risiko eines Fehlentscheids ist nie Null», sagt Imboden, «Wind und Wetter können schnell ändern, wir müssen ständig auf Zack sein.» Sein schneemeisterlicher Ehrgeiz ist es, Hüst und Hott minimal zu halten, allein schon der 24 Arbeiter wegen, die zusätzlich zu seinen vier fest angestellten Mitarbeitern auf Abruf einsatzbereit sind, sobald er mit der Beschneiung loslegt. Auf diese zusätzliche Manpower ist Imboden dringend angewiesen: Die Schneeproduktion kann er mit ein paar Mausklicks auslösen. Schnee in bester Qualität zu machen ist hingegen eine Kunst für sich. Sie erfordert Augenmass, Gespür und Erfahrung – rein menschliche Fähigkeiten.

In der Zeit der Beschneiung stellt Imboden seinen 42-Wochenstunden à 12 Stunden. Rund um die Uhr sitzen zwei Schichtleiter vor dem Bildschirm und überwachen den Datenfluss. Mehrere Male pro 24 Stunden absolvieren die Arbeiter, Imboden spricht von «Schneemännern», Kontrollgänge zu jeder Lanze und technischen Installation, um Vereisung zu verhindern, die Schneirichtung zu adjustieren, die Qualität des Kunstschnees zu überprüfen. «Das kann man nicht vom Büro aus machen», sagt Imboden, «dafür muss man ins Gelände.»

2016/2017 wird sein vierter Winter als Schneemeister von Zermatt Nord. Er schaut ihm freudig gespannt entgegen: «Ich kenne Gebiet und Anlage in- und auswendig, ich arbeite mittlerweile seit 20 Jahren in diesem Betrieb.» Bisher hat er die an ihn gestellten Erwartungen – weissestes Weiss – immer erfüllt, selbst im letzten Winter, als es im gesamten Alpenraum bis nach dem 20. Dezember kaum Schneefälle gegeben hat. «Unsere Anlage ist gelaufen wie ein Örgeli», sagt Imboden und ergänzt, das sei der Lohn für die Arbeit, die er und sein Team während des Jahres in die Anlage stecken, in Instandhaltung, Unterhalt und Vorbereitung. Seine Stimme verrät, dass er dem Moment entgegen fiebert, da er endlich loslegen kann. Die bevorstehende Wintersaison malt er sich so aus, dass er ab dem 26. November keine Schneemaschinen mehr braucht. Er und seine Mannschaft würden noch alles schön versorgen und dann Ferien machen. «Wäre super», sagt Imboden. Und wenn nicht? Der Snowmaker lacht und sagt: «Das wäre dann der Normalfall.»

Daniel Imboden in seiner Schaltzentrale − die ganze Beschneiungsanlage kann per Mausklick in Gang gesetzt werden.

Daniel Imboden in seiner Schaltzentrale − die ganze Beschneiungsanlage kann per Mausklick in Gang gesetzt werden.