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«Von 100 Erfindungen haben etwa drei eine Chance»

21.02.2018 |
  • Erlebnis

Ein Mischgetränk aus Cola und Kaffee? Ein Boot-Auto? Ein Ski-Segel? Ja, all diese Erfindungen hat es tatsächlich gegeben. Der Erfolg blieb jedoch bei allen aus. Die Grenze zwischen Genialität und Skurrilität liegt sehr nah beieinander. Dies bestätigt auch der deutsche Erfinderberater Marijan Jordan in unserem Gespräch.

 

Nur gerade zwei Jahre hat es Coca Cola BlāK geschafft, im Markt zu bleiben – und dies nicht mal weltweit. 2008 verschwand das koffeinhaltige Getränk dann auch schon wieder komplett von der Bildfläche. Das Mischgetränk aus Cola und Kaffee hatte offensichtlich den Geschmack der breiten Masse komplett verfehlt.

Coca Cola BlāK: Mischgetränk aus Cola und Kaffee

Coca Cola BlāK: Mischgetränk aus Cola und Kaffee, das leider niemanden mundete. / Quelle: Flickr

Ist es ein Boot oder ist es ein Auto? Es ist ein Boot-Auto – ein «Amphibien-Fahrzeug», das praktischerweise sowohl im Wasser wie auf Lande tauglich wäre. Die Betonung liegt hier auf «wäre», denn früherer Besitzer bringen es in ihrer Kritik wie folgt auf den Punkt: «Es ist kein gutes Auto und es ist kein gutes Boot, aber es funktioniert.» Oder: «Unseres Erachtens nach ist es das schnellste Auto im Wasser und das schnellste Boot auf der Strasse» (Quelle). Kurz: als Gefährt zu Wasser und auf Land ist es nicht zu gebrauchen und es ist nicht erstaunlich, dass die kommerzielle Markteinführung trotz origineller Idee komplett missglückte.

Fiat 1100 Boat Car

Ein Boot, das gleichzeitig strassentauglich ist. Eine praktische Idee für diejenigen, die vielleicht am Seeufer wohnen – aber leider nicht massentauglich. / Quelle: wikimedia

Auch dies eine Erfindung, die wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt war: das Superman-Segel beim Skifahren. Gedacht war es für all jene, die möglichst schnell mit den Skiern den Berg hinunter flitzen wollten. Der Erfinder versprach sich vielleicht ein «Gefühl, ähnlich wie fliegen»? Wir wissen nicht, ob dies tatsächlich die Hauptmotivation der Ski-Segel-Erfindung war. Wir haben aber das Gefühl, dass der Grund für den Misserfolg wohl am Segel selber liegt: Es hilft nicht, um an Geschwindigkeit zu gewinnen, sondern wirkt wahrscheinlich eher bremsend.

Ski-Segeln: Eine aus Österreich stammende Sportart, die hier in St. Moritz im Jahre 1938 demonstriert wurde.

Ski-Segeln: Eine aus Österreich stammende Sportart, die hier in St. Moritz im Jahre 1938 demonstriert wurde. Leider wurde daraus nicht eine weitere olympische Disziplin. / Quelle: Flickr

Interview mit Marjan Jordan, Erfinderberater und Betreiber des «erfinderladen» in Berlin

Der Erfinderberater Marijan Jordan im erfinderladen Berlin.

Der erfahrene Erfinderberater Marijan Jordan im erfinderladen Berlin.

Jährlich am 9. November findet der «Tag der Erfinder» statt. An diesem Tag werden Erfinder und Erfinderinnen – und solche, die es werden wollen, –  gefeiert. Diese hohe Wertschätzung kommt nicht von ungefähr: Ohne diese innovativen, mutigen Menschen wäre unsere Welt um ein grosses Stück langsamer, unbequemer und farbloser. Ein Förderer und Berater von Erfindern ist Marijan Jordan, der übrigens auch nicht ganz unschuldig daran ist, dass der 9. November seit 2005 offiziell den Erfindern gewidmet wird. Er ist seit über 20 Jahren Erfinderberater, zudem betreibt er erfolgreich den ersten Erfinderladen in Berlin. Dort können Erfinderinnen und Erfinder ihre Innovationen verkaufen. Im Gespräch erzählt er uns, was es seiner Meinung braucht, dass eine Erfindung erfolgreich ist.

 

Herr Jordan, als langjähriger Erfinderberater kennen Sie sicherlich die Hauptgründe wann und warum eine Erfindung scheitert?

Marijan Jordan (MJ): Grundsätzlich kann ich aus meiner 20-jährigen Tätigkeit einige Gründe für den Misserfolg ausmachen: Zum einen gibt es den einfachen Grund, dass die Kunden das Produkt nicht wollen. Ein weiterer kann ein unausgewogenes Preis-Leistungsverhältnis sein. Aber es kann auch einfach sein, dass gewisse Produkte die Kunden nicht einmal geschenkt möchten – entweder weil sie das Problem nicht haben, welches der Erfinder zu lösen glaubt oder weil das Produkt eine andere störende Eigenschaft hat, die den Nutzen übersteigt.

 

Gibt es auch Misserfolge, die nicht auf das Produkt selber zurückzuführen sind?

MJ: Natürlich, ein weiterer Grund für den Misserfolg kann in der Kommunikation liegen. Oft wissen oder verstehen die Kunden nicht, was das Produkt leisten kann. Dafür ist mitunter eine schlechte Verpackung verantwortlich. Wenn der Kunde bei einem neuen Produkt nicht auf Anhieb erkennt, dass es etwas für ihn sein könnte, wird es schwer zu verkaufen sein.

Fehlendes Kapital lässt eine Produkteinführung oft schon zu Beginn scheitern. Persönlich bin ich der Ansicht, dass viele Erfinder erfolglos sind, weil sie nicht in der Lage sind, langfristig zu planen. Mit einem soliden Plan findet sich für eine marktfähige Erfindung so gut wie immer ein Partner. Obwohl «findet sich» vielleicht schlecht ausgedrückt ist: Den muss man natürlich aktiv suchen und überzeugen.

 

Ich habe gelesen, dass man in Ihrer Branche das Scheitern unterscheidet – einerseits kann das Produkt selber ein Flop sein, wie sie das erwähnt haben. Andererseits kann das Produkt zwar durchstarten, aber der Erfinder hat trotzdem nichts vom Erfolg und ist faktisch gescheitert. Können Sie uns das erklären?

MJ: Im letzten Jahr gab es ein Produkt, welches sich so gut verkauft hat, wie einstmals Rubiks Zauberwürfel: der Fidget Spinner. Im Gegensatz zum Zauberwürfel war der Fidget Spinner ein sehr kurzlebiges Phänomen, wenn auch für einige sehr gewinnbringend. Die Amerikanerin Catherine A. Hettinger hat in den 90-er Jahren eine Erfindung angemeldet, die entfernt an den heutigen Fidget Spinner erinnert. Allerdings war ihr Produkt etwas unhandlicher und bereits ein so kleiner Unterschied kann den Ausschlag geben. Sie konnte sich irgendwann die steigenden Gebühren für die Schutzrechte nicht mehr leisten, aber auch ohne diesen Umstand wäre der Schutz inzwischen längst ausgelaufen. Also ist das nicht der Grund warum sie leer ausging.

 

Was hätte Frau Hettinger anders machen sollen, um ebenfalls am Erfolg ihres Produktes beteiligt zu sein?

MJ: Die Erfinderin hätte damals schon einen breiten Produktstart planen sollen. Nur ein Patent und ein paar Muster führen nicht dazu, dass die Kunden etwas kaufen können. Man muss eine erfolgreiche Erfindung schon bis in die Ladenregale bringen, um den Kunden die Möglichkeit zu geben, es zu einem Erfolg zu machen. Für einen breiten Produktstart braucht es Geld – und am lieben Geld scheitert es natürlich oft. Mit einem guten Plan und einem guten Produkt sollte das aber zu bewerkstelligen sein. Die ersten Ansprechpartner für eine Partnerschaft solle man im persönlichen Umfeld suchen. Mittels Crowdfunding ist es mittlerweile auch möglich, wildfremde Menschen um die Startfinanzierung zu bitten.

 

Was braucht es Ihrer Meinung nach, dass eine Erfindung erfolgreich ist?

MJ: Obwohl die Umsetzung das Entscheidende ist, liegt die Stärke eines erfolgreichen Erfinders auch darin, zu erkennen, wann er es mit einer guten Idee zu tun hat und wann er sich in etwas verrennt hat. Wem es selbst an der nötigen Objektivität fehlt, dem rate ich dringend, eine externe Meinung einzuholen und diese auch anzunehmen. Freunde und Familie sind dafür denkbar ungeeignet. Wir bieten kostenlose Erstberatungen an, ein guter Moment, die grundsätzliche Tauglichkeit einer Idee zu prüfen.

 

Und wenn die Brauchbarkeit festgestellt worden ist, wie geht der Prozess weiter?

MJ: Wenn man dann die fertige Erfindung hat, braucht man Käufer. Die gewinnt man nur, wenn die potenziellen Kunden wissen, dass es das Produkt gibt – und da liegt die grösste Schwierigkeit: Es gilt clevere Werbestrategien zu entwickeln, die finanzierbar und effektiv sind. Ich habe es in meiner Berufslaufbahn mehr als einmal erlebt, dass eine fast tote Erfindung durch einen ansprechenden Medienauftritt zum Bestseller wurde.

Die Erfindungen waren vor dem Fernsehauftritt nicht besser oder schlechter als danach, aber vorher kannte niemand das Produkt. Als Ratschlag bedeutet dies, dass man jede Chance nutzen muss, um seine Kunden zu erreichen. Und zwar tatsächlich erreichen. Ein Onlineshop erreicht zwar theoretisch die ganze Welt, aber wenn keiner ihn findet, spielt man unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

 

Noch zum Schluss: Verraten Sie uns Ihre Erfindungs-Zauberformel? Wie viele Erfindungen sind im Schnitt erfolgreich?

MJ: Nun man sagt, dass von 100 Erfindungen etwa drei eine Chance haben. Dabei sind Erfindungen gemeint, die das Stadium der reinen Idee schon erfolgreich überwunden haben. Was aber wichtiger ist als die Frage, wie viel Prozent erfolgreich sind: Wie kann man die Erfolgschancen zu seinem Vorteil erhöhen? Und da ist die Antwort ganz klar: Indem man besser plant und vorsichtiger agiert als andere.

 

 

Über 48. Internationalen Raiffeisen-Jugendwettbewerb

Dieser Artikel ist Teil einer Serie zum Thema: «Erfindungen verändern unser Leben», welche exklusiv im Raiffeisen-Blog publiziert wird. Raiffeisen ist seit vielen Jahren Veranstalter des Jugendwettbewerbs. Dabei werden Kinder und Jugendliche in ihrer Kreativität gefördert und der Gemeinsinn von Schulklassen geschärft. Schirmherr des 48. Internationalen Raiffeisen-Jugendwettbewerbs ist Martin Bütikofer, Direktor des Verkehrshauses der Schweiz (VHS) in Luzern.