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Fakt ist: «Menschen brauchen Freunde»

06.02.2017 |
  • Erlebnis

Ein Freund ist nicht gleich Freund, auch bei Freundschaften gibt es verschiedene Kategorien. So teilen wir unsere freundschaftlichen Beziehungen in Kreise ein und beschränken die Anzahl an Freundschaften, die wir pflegen können. Wir verteilen unsere Kapazität entweder oberflächlich auf viele Menschen oder intensiv auf wenige Menschen. Die Psychologin Jana Nikitin von der Universität Basel erklärt uns die sozioökonomischen, persönlichkeits- und altersbedingten Faktoren, wieso und wie viele Freunde wir brauchen.

 

Nach einer kurzen Strassenumfrage zum Thema «Wieso sind Freunde wichtig?» wird schnell klar: Freunde sind sehr wertvolle Weggefährten, da sie uns Geborgenheit geben, uns unterstützen und motivieren, mit uns lachen und weinen, aber – wenn nötig – uns auch wieder auf den Boden der Realität holen. Freunde sind füreinander da. Alle Befragten waren sich auch einig: Ein Leben ohne Freunde wäre nur halb so schön, denn Freunde bereichern unser Leben.

Die Psychologin und Professorin Jana Nikitin gibt uns die wissenschaftliche Begründung für unser Bedürfnis nach Freundschaft: «Menschen brauchen Freunde, da wir soziale Wesen sind. Ein Leben ohne Andere ist für uns unvorstellbar und nicht möglich. Einsame Menschen sind häufiger krank, berichten über tieferes Wohlbefinden und haben eine kürzere Lebenserwartung als sozial eingebundene Menschen. Menschen profitieren am meisten von positiven Beziehungen – und solche positive Beziehungen sind Freundschaften. Freundschaften ermöglichen uns, uns sozial eingebunden, verstanden und unterstützt zu fühlen und bieten uns die Möglichkeit für einen positiven sozialen Austausch.»

 

Grösse unserer Freundeskreise

«Mit wie vielen Menschen wir Kontakt haben können, ist allein von unseren begrenzten (Zeit-) Ressourcen abhängig», so erläutert Nikitin weiter. Sie weist darauf hin, dass sozioökonomische, persönlichkeits- und altersbedingte Aspekte einen entscheidenden Einfluss darauf haben, welche Art von Freundesnetzwerken wir pflegen.

Forscher der Universität Virginia haben herausgefunden, dass eine kleine Zahl an engen Freunden besonders dann wichtig ist, wenn Menschen in einer Region mit wenig Mobilität und schwierigen wirtschaftlichen Umständen leben. «Menschen aus wirtschaftlich wohlhabenden Regionen mit grosser Mobilität pflegen dagegen tendenziell eher grosse Freundesnetzwerke», so die Psychologin.

Unsere Persönlichkeit spielt auch eine grosse Rolle, wie viele und wie enge Freundschaften wir pflegen. Nikitin erklärt, dass extrovertierte Personen nicht nur grössere soziale Netzwerke pflegen, sondern sich anderen Personen auch schneller nahe fühlen als introvertierte Personen.

Ein weiterer Faktor ist das Alter. Im höheren Alter haben wir im Durchschnitt weniger, dafür aber engere Freundschaften. Die Erklärung von Nikitin ist einfach: «Ältere Menschen sind weniger motiviert, ihre begrenzten Ressourcen in viele Freundschaften zu investieren, sondern konzentrieren sich auf Beziehungen, von denen sie emotional am meisten profitieren.»

 

Freundschaftliche Beziehungen können in Kreise eingeteilt werden

Studien zeigen, dass wir uns unser soziales Netzwerk als in ineinander geschachtelte Kreise vorstellen können. In den innersten Kreis gehören etwa drei bis fünf enge Freunde, mit denen wir häufig Kontakt haben und auch sehr persönliche Dinge teilen. Auf diese folgen etwa 15 weitere Freunde, die uns noch nahestehen, aber denen wir schon weniger Zeit widmen. Noch weiter aussen stehen Menschen, die wir sehr schätzen und auch als Freunde bezeichnen, meistens sind es aber sogenannte ‘Lebensabschnittsfreunde’.

«Die ersten beiden Kreise sind relativ stabil und verändern sich wenig bis ins hohe Alter», erklärt Nikitin. «Der dritte Kreis fluktuiert dagegen. Er verändert sich, wenn wir umziehen, eine neue Arbeitsstelle antreten, den Partner wechseln, Kinder bekommen, pensioniert werden. Es sind eben Beziehungen, die zwar eine Zeit lang eine bestimmte Funktion erfüllt haben, aber mit sich verändernden Lebensumständen ihre Funktion verloren haben. Dieser Kreis verkleinert sich auch mit dem Alter, wenn die Ressourcen schwinden und emotionale Beziehungen wichtiger werden als oberflächliche Freundschaften.»

Auch in der Strassenumfrage teilt die Mehrheit die Meinung, dass die Lebensabschnittsfreunde (des dritten Kreises) weitreichende Umwälzungen im Leben eher nicht überstehen. Sie sind dennoch wichtig in unserem Leben, denn sie bieten eine gegenseitige Bereicherung auf Zeit. Wichtig ist schlussendlich aber nicht, wie viele Freunde unser Netzwerk zählt, sondern dass uns gute Freunde zur Seite stehen, mit denen wir unser Leben teilen können.

Prof. Dr. Jana Nikitin
Prof. Dr. Jana Nikitin

Über Jana Nikitin: Prof. Dr. Jana Nikitin ist Assistenzprofessorin für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Fakultät für Psychologie an der Universität Basel. In ihrer Forschung untersucht die Psychologin die Entwicklung von motivationalen Prozessen, die unserer Fähigkeit zugrunde liegen, soziale Beziehungen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten.