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Bauvisiere, eine Halbkugel oder eine Tapete – so verschieden sind Kunst-am-Bau-Werke

29.05.2018 |
  • Gesellschaft

Verbunden und verwurzelt: Die Raiffeisen Gruppe hat in den letzten 30 Jahren über 60 ortspezifische Kunstwerke verwirklicht und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Raiffeisens Kunstverantwortliche Donata Gianesi stellt uns hier drei besondere Kunst-am-Bau-Projekte vor, die sich landesweit in öffentlichen und halböffentlichen Bereichen verschiedener Raiffeisenbanken befinden.

 

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  • Kunst am Bau bei der Raiffeisen-Geschäftsstelle Diessenhofen «Die Partitur der Blicke» von Yves Netzhammer, 2013: Frontalansicht Panoramafensters des Gartenpavillons mit überragenden Bauvisieren
    Über der Jugendstilvilla Rosenheim und dem Neubau der Raiffeisen-Geschäftsstelle Diessenhofen (TG) errichtete der Künstler Yves Netzhammer als Kuns-am-Bau-Projekt «Die Partitur der Blicke» im Jahr 2013 mehrere Bauvisiere. (Foto: Ralph Feiner)
  • Kunst am Bau bei der Raiffeisen-Geschäftsstelle Diessenhofen «Die Partitur der Blicke» von Yves Netzhammer, 2013: Bauvisiere über dem neuen Gartenpavillon und das vom Seil hängende rote Visier im Baum
    Die Bauvisiere, welche die zwei Gebäude der Raiffeisenbank Untersee-Rhein hoch überragten, machten manche Betrachter stutzig. Verschiedene Fragmente der Installation wie das vom Seil hängende rote Visier im Baum akzentuieren die Idee der geplanten Umgestaltung und doch ungewissen Zukunft. (Foto: Ralph Feiner)
  • Kunst am Bau bei der Raiffeisen-Geschäftsstelle Diessenhofen «Die Partitur der Blicke» von Yves Netzhammer, 2013: Schalterraum mit verkleinertem Visier scheinbar vergessenem Plastikbeutel aus Aluminiumguss nach 3D-Vorlage
    Netzhammer montierte an der Decke des Schalterraumes verkleinerte Visiere, die im Zusammenspiel mit den Aussenvisieren auf ein grosses, imaginäres Traumgebäude deuteten. Der scheinbar vergessene Plastikbeutel im Innenraum besteht aus Aluminiumguss nach 3D-Vorlage. (Foto: Ralph Feiner)
  • Kunst am Bau bei der Raiffeisen-Geschäftsstelle Diessenhofen «Die Partitur der Blicke» von Yves Netzhammer, 2013: Mobile Beratertheke mit verkleinertem Visier und Blick auf das vom Seil hängende rote Visier im Baum
    Ein weiteres verkleinertes Visier montierte Netzhammer nahe der mobilen Beratertheke. Gut sichtbar ist das vom Seil hängende rote Visier im Baum. (Foto: Ralph Feiner)
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    Kunst kann Horizonte erweitern, Grenzen sprengen, Menschen inspirieren – aber auch für Kontroverse sorgen und Kontraste setzen. Ein solches Kunst-am-Bau-Projekt ist «Das Instrument des Horizontes, die Partitur der Blicke» von Yves Netzhammer. 2013 errichtete der Künstler über der Jugendstilvilla Rosenheim und dem Neubau der Geschäftsstelle Diessenhofen (TG) mehrere Bauvisiere. Visiere, welche die zwei Gebäude der Raiffeisenbank Untersee-Rhein hoch überragten und manch einen Betrachter stutzig machten. War hier ein weiterer Bau geplant? Zudem montierte er an der Decke des Schalterraumes verkleinerte Visiere, die im Zusammenspiel mit den Aussenvisieren auf ein grosses, imaginäres Traumgebäude deuteten. Ein Gebäude, das jedoch nie umgesetzt werden sollte.

    Netzhammer hinterfragte mit seiner Arbeit die Vorstellung des Beständigen und tändelte mit dem Wechselspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Verschiedene Fragmente der Installation – wie beispielsweise das vom Seil hängende rote Visier im Baum, der aus Aluminium gegossene Rabe oder der scheinbar vergessene Plastikbeutel im Innenraum – akzentuieren die Idee der geplanten Umgestaltung und doch ungewissen Zukunft.

    Netzhammers Installation schlug ungewollt hohe Wellen. Die Bevölkerung und Behörde reagierten erstaunt und teilweise ablehnend auf das Kunstwerk: Ein Gutachten der Denkmalpflege kam zum Schluss, dass Netzhammers Kunstprojekt das Erscheinungsbild der Villa Rosenheim beeinträchtige. Sie forderten eine Baubewilligung für das imaginäre, nie zu realisierende Gebäude. Der Stadtrat Diessenhofen lehnte die Bewilligung ab. Und so ging die Raiffeisenbank in Rekurs – ohne Erfolg: Das Kunstwerk musste nach weniger als einem Jahr wieder abgebaut, darf jedoch jedes Jahr eingeschränkt gezeigt werden.

    Donata Gianesi, Kunstverantwortliche von Raiffeisen Schweiz, schätzt Netzhammers Kunstprojekt: 

    Portrait von Donata Gianesi, Kunstverantwortliche von Raiffeisen Schweiz
    Donata Gianesi, Kunstverantwortliche von Raiffeisen Schweiz

    «Es war nie ein Bestreben, mit dem Werk zu provozieren. Das Kunstwerk verbindet die aus einem historischen und einem modernen Pavillon bestehende Geschäftsstelle in Diessenhofen optisch und inhaltlich. Dass zusätzlich eine angeregte Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum entfacht wurde, ist meiner Meinung nach eine Bereicherung für alle. Auch dass die Behörde eine Erlaubnis zur temporären Errichtung erteilt hat und daher die Installation nicht immer vollständig gezeigt werden kann, verleiht der Intervention von Yves Netzhammer nur noch mehr Kraft».

    Eine geheimnisvolle Ausbuchtung im Neubau der Raiffeisenbank Pierre Pertuis in Sonceboz

     

    Kunst am Bau bei der Raiffeisenbank Pierre Pertuis «Hémisphère» von Maude Schneider, 2015: Unterputz Halbkugel im überglasten Lichthof

    Die Künstlerin Maude Schneider realisierte im 2015 im Lichthof der Raiffeisenbank Pierre Pertuis in Sonceboz (BE) das Kunst-am-Bau-Werk «Hémisphère». Das Werk besteht aus einer weissen Halbkugel, die aus der Wand des Neubaus herauszutreten scheint. (Foto: Thomas Jantscher)

    Auch die Künstlerin Maude Schneider weiss, wie man gekonnt Kontraste setzt: Im Lichthof der Raiffeisenbank Pierre Pertuis in Sonceboz (BE) realisierte sie im Jahr 2015 ein Kunst-am-Bau-Werk in Form einer weissen Halbkugel, die aus der Wand des Neubaus herauszutreten scheint. Der Betrachter hat das Gefühl, die Wand atme oder das Gebäude besitze ein Organ. Die Rundungen der «Hémisphère» sind bewusst so eingesetzt worden, um die Linearität und Perfektion der Architektur des neuen Gebäudes zu durchbrechen – es wirkt wie eine gewollte Störung. Zudem spielt die künstlerische Installation mit dem Lichteinfall und Blickwinkel: Von vorne betrachtet zeichnet sich unterhalb der Wölbung ein kreisförmiger Schatten ab und lässt Zweifel aufkommen, ob sich die Kugel nach innen oder nach aussen wölbt.

    Fünf lokale Künstler hatten Vorschläge für das Kunstprojekt in der Raiffeisen-Geschäftsstelle im Berner Jura vorgestellt. Die Jury wählte einstimmig Maude Schneiders Arbeit, weil laut Donata Gianesi die Installation einfach und schlicht, trotzdem aber auf elegante und zurückhaltende Weise eine Verbindung zu Raum und Architektur des Neubaus der Banque Raiffeisen Pierre Pertuis herstellte. «Diese Ausbuchtung, die Maude Schneider der sonst so perfekt erscheinenden Raiffeisenbank verpasste, wirkt unerwartet – aber steht nichtsdestotrotz im Einklang mit dem Neubau. Die Künstlerin verzichtet bei der aus Gips über eine Eisenarmierung modellierten Halbkugel auf Farbe oder spezielle Textur, und kreiert ein minimalistisches Relief», so die Kunsthistorikerin.

    Das Kunstwerk der Künstlerin kann in der Raiffeisen-Geschäftsstelle in Sonceboz bewundert werden. Die «Hémisphère» befindet sich im öffentlich zugänglichen Atrium.

     

    Willkommen in der guten Stube der Geschäftsstelle Schöfflisdorf

     

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    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: An der Wand: Aufgeblasene Kopien der Kugelschreiberzeichnung von Holzstapeln; am Boden: Farbproben auf Papierbogen mit Ausmalmustern
      Die Zürcher Künstlerin Vreni Spieser verwirklichte im 2007 die Kunst-am-Bau-Arbeit «Tapete» in der Raiffeisen-Geschäftsstelle Schöfflisdorf. An der Wand hängen aufgeblasene Kopien der Kugelschreiberzeichnung von Holzstapeln. Am Boden liegen Farbproben auf Papierbogen mit Ausmalmustern. (Foto: Vreni Spieser)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Steindruckmaschine, mit der die Papierbogen einzeln bedruckt worden sind.
      Diese Steindruckmaschine aus dem Jahre 1905 fertigte den hochwertigen Druck der Tapete an. (Foto: Vreni Spieser)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Auslegeordnung der einzeln bedruckten Papierbogen zur Probe
      Die einzeln bedruckten Papierbogen wurden zur Probe ausgelegt und geordnet. (Foto: Vreni Spieser)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Aufziehen der bedruckten Papierbogen
      Die bedruckten Papierbogen wurden einzeln auf der Trennwand aufgezogen. (Foto: Vreni Spieser)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Aufziehen der bedruckten Papierbogen um die Stirnseite der freistehenden Wand
      Die einzeln bedruckten Papierbogen wurden um die Stirnseite der freistehenden Wand aufgezogen. (Foto: Vreni Spieser)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Detailansicht des Sujets: gedrehte Holzstapelzeichnung erscheint als Teichoberfläche
      Die Detailansicht zeigt eine gedrehte Holzstapelzeichnung, die als Teichoberfläche erscheint. (Foto: Georg Aerni)
    • Kunst am Bau bei der Geschäftsstelle Schöfflisdorf «Tapete» von Vreni Spieser, 2007: Die fertig tapezierte Trennwand der Beratungszimmer symbolisiert einen imaginärem Teich.
      Die fertig tapezierte Trennwand der beiden Beratungszimmer lehnt an die vergangene Tradition der «guten Stube» an, die teilweise von Tapeten mit handgemalten Landschaften bezogen waren und wo einst die Gäste empfangen wurden. (Foto: Georg Aerni)
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      Die Bankkunden der Geschäftsstelle Schöfflisdorf (ZH) werden zum Beratungsgespräch in eines der zwei Besprechungszimmer eingeladen, die von einer Trennwand mit einer nicht ganz herkömmlichen Tapezierung getrennt werden. In Anlehnung an die vergangene Tradition der «guten Stube», die teilweise von Tapeten mit handgemalten Landschaften bezogen waren und wo einst die Gäste empfangen wurden, verwirklichte in 2007 die Zürcher Künstlerin Vreni Spieser die Kunst-am-Bau-Arbeit «Tapete». Dieses Kunstwerk setzt laut Donata Gianesi einen vornehmen Akzent und passt thematisch perfekt in die Raiffeisen-Geschäftsstelle.

      Die Tapete ist einzigartig – sowohl im Erscheinungsbild als auch in der Herstellung. Gianesi erklärt uns die komplexe Vorgehensweise bei der Herstellung: «Die optische Dichte der Tapete mit dem Hauptsujet eines handgezeichneten Holzstosses ist der Überlagerung von drei Bearbeitungsschichten zu verdanken. Die Grundlage bilden Papierbogen einer Ausmaltapete mit abstrahierten linearen Naturmotiven. Diese Bogen lasierte Vreni Spieser mit stark verdünnten silberirisierenden Farben. Als dritte Schicht liess die Künstlerin die Bogen mit dem Motiv des Brennholzes bedrucken. Für die Druckvorlage wurde zuerst die durchgepauste Kugelschreiberzeichnung des Holzstosses schwarzweiss kopiert und in mehreren Schritten zu einer Plankopie aufgeblasen, was zur groben, holzschnittartigen Wirkung des Sujets führte.» Eine Steindruckmaschine aus dem Jahre 1905 fertigte den hochwertigen Druck der Tapete an.

      Donata Gianesi freut es, dass sich die über 60 einmaligen Kunstwerke der Raiffeisen Gruppe in meist besuchbaren Bereichen der vielen Raiffeisenbanken befinden und so rege von der Öffentlichkeit und den Raiffeisen-Mitarbeitenden betrachtet werden können.

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