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Mama, den find ich doof

22.02.2017 |
  • Erlebnis

Gibt es bei Kindern im Primarschulalter schon «Feindschaften»? Die kurze Expertenantwort auf diese Frage lautet: «Nein.» Aber wie so oft, wenn es um Emotionen geht, lohnt es sich auch hier, der Frage genauer nach zu gehen. Wir haben Dr. phil. Rahel Jünger, Projektleiterin des PFADE-Programms, um ihre Meinung gebeten. PFADE steht für «Programm zur Förderung alternativer Denkstrategien» und dient der Prävention von Verhaltensproblemen, Gewalt und Mobbing an Schulen.

«Feindschaften»? - «Nein.»

«Feindschaften»? - «Nein.»

Es folgt ein kurzer Einblick in ein Mittagstischgespräch zwischen der Gastautorin dieses Beitrags und ihrem Siebenjährigen. Der Kleine berichtet über einen anderen Jungen aus dem Tageshort:

Sohn: «Mama, ich finde den doof.»
Mutter: «Warum denn?»
Sohn: «Nun. Weil er mich auch nicht mag.»
Mutter: «Aha. Warum weisst du das so genau?»
Sohn: «Ich weiss nicht, warum ich das weiss. Ist auch Wurscht. Das kommt vor. Er ist mir egal.»

Der Sohn läuft weg. Thema abgeschlossen.

***

Stellt man sich das gleiche Gespräch zwischen zwei Erwachsenen vor, würde es wohl nicht mit der gleichen Leichtigkeit daher kommen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde ein Erwachsener verstehen wollen, woher diese vermeintliche Ablehnung seines Gegenübers kommt. Im positiven Fall in Form eines klärenden Gesprächs. Genauso wahrscheinlich ist aber auch, dass er sich für eine weniger konstruktive Konfrontation entscheiden würde, weil er sich von der Ablehnung verletzt fühlt. Wie leicht könnte daraus Streit, Hass oder sogar Feindschaft entstehen…

Der Siebenjährige aber hat die Tatsache, dass sein Kamerad ihn nicht mag, mit dem simplen Kommentar abgehakt: «Das kommt vor. Er ist mir egal.»

Dr. phil. Rahel Jünger
Dr. phil. Rahel Jünger

Dr. phil. Rahel Jünger bestätigt oben beschriebene Familienszene: «Kinder erzählen zu Hause von erlebten unangenehmen Gefühlen und laden dort ab. Das ist ein besonders wichtiger Kommunikationskanal. In der Regel gehen heftige ablehnende Gefühle zwischen Kindern auch relativ schnell wieder vorbei. Über längere Zeit anhaltende starke Abneigungen und Konflikte kommen eher seltener vor.»

Einfach aus dem Weg gehen

Wir wollen von Dr. phil. Rahel Jünger wissen, ob Kinder im Primarschulalter denn überhaupt von «Feindschaft» sprechen und andere Kinder als Feinde bezeichnen? Die kurze Antwort der Expertin lautet: «Nein.»

Uff, das hatten wir doch eigentlich auch gehofft. Oder? Feindschaft und Kinder passen ja irgendwie so gar nicht zusammen.

Die ausführliche Antwort von Frau Jünger ist vielschichtiger: «Das Phänomen Feindschaft – also eine heftige, dauernde Feindesbeziehung, bei der man sich schaden möchte – kommt kaum vor. Im Primarschulalter wissen Kinder noch wenig mit dem Begriff «Feindschaft» anzufangen. Es kommt untereinander zu Beleidigungen, verbalen Grobheiten, einer Plagerei oder auch kleinen Kämpfen. In der Regel gehen Kinder anderen, die sie nicht mögen, einfach aus dem Weg.»

 

Und Mobbing? Ist das ein Zeichen von Feindschaft?

Soweit so gut. Aber wie steht es denn um den vielzitierten Begriff von Mobbing auf dem Pausenhof? Geht es hier um feindschaftliche Gefühle? Darauf antwortet unsere Expertin wie folgt:

«Mobbing hat in der Tat einen dauernden Charakter. Ich würde das jedoch nicht mit «gegenseitiger Feindschaft» bezeichnen, denn es handelt sich nur dann um Mobbing, wenn Kinder ein Kind über längere Zeit hinweg plagen, das in einer klar schwächeren Position ist. Von daher ist das keine Abneigung oder Feindschaft, sondern einseitige Aggression und Gewalt, wobei ein Kind erniedrigt wird.»

Problemverhalten wie Gewalt oder Aggression kommen bei Kindern natürlich schon vor, das bestätigt auch unsere Expertin. Aber ist dieses Verhalten feindschaftlichen Gefühlen gleichzustellen? Darauf antwortet Rahel Jünger uns sehr ausführlich und wir beginnen zu verstehen, wie wichtig es für Kinder ist, Gefühle zu erkennen und diese auch beschreiben zu können.

«Sie sagen es in Ihrer Frage gleich selbst: Das eine ist ein Verhalten (Gewalt, Aggression), das andere sind Gefühle (feindschaftliche Gefühle). Es ist wichtig, Gefühle vom Verhalten und vom Denken zu unterscheiden. Man kann deshalb Gewalt oder Aggression nicht gleichsetzen mit feindschaftlichen Gefühlen.»

«Dennoch haben Gewalt und Feindschaft miteinander zu tun,» erklärt uns unsere Gesprächspartnerin weiter. «Gefühle und Gedanken beeinflussen das Verhalten. Das ist in vielen Kontexten existenziell wichtig: Wir haben zum Beispiel Müdigkeitsgefühle, damit wir schlafen oder wir haben Angst, damit wir besonders genau wahrnehmen, aufmerksam und vorsichtig sind – oder aus der gefährlichen Situation weggehen.»

Manchmal kommt es aber auch zu Missverständnissen. Zum Beispiel wenn Abneigungsgefühle zu spontanen und unkontrollierten Verhaltensweisen wie Aggressivität und Gewalt führen. Dann muss man lernen, das Gefühl wahrzunehmen und innezuhalten, um die Reaktion – also das Verhalten – mit Vernunft zu steuern.»

 

«Manche Kinder, die sich gewalttätig oder aggressiv verhalten, haben noch nicht gelernt, einem unangenehmen Gefühl auf andere Art und Weise als mit Gewalt oder Aggression entgegen zu treten.»

 

Genau hier setzt dann auch PFADE (Programm zur Förderung alternativer Denkstrategien) an. PFADE ist ein Lehrmittel zur nachhaltigen Förderung von sozialen Kompetenzen bei Kindern im Primarschul- und Kindergartenalter. Wer systematisch mit PFADE arbeitet, fördert die Kinder im Umgang mit ablehnenden Gefühlen, Abneigungen oder Konflikten. PFADE ist zudem eines der wenigen Programme, das unter strengsten wissenschaftlichen Kriterien als wirksam eingestuft werden kann (siehe Blueprints Modelprograms – PATHS). Es wird in der Schweiz und verschiedensten anderen Ländern weltweit in Schulen eingesetzt.

Abschliessend erklärt uns Rahel Jünger: «Wenn wir unsere eigenen Gefühle wahrnehmen, können wir auch Verständnis entwickeln für die Bedürfnisse der Anderen und wissen, dass auch sie Gefühle und Anliegen haben. Die Kinder lernen also auch Rücksicht, indem sie spüren, dass sie selbst ja Bedürfnisse haben – und sie erkennen, dass die Kameraden ebenfalls Gefühle und Bedürfnisse haben!»

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Wenige Tage nach dem eingangs erwähnten Mittagstischgespräch zwischen Mutter und Sohn erzählt der Siebenjährige seiner Mutter, dass der besagte Junge jetzt sein bester Freund sei. Auf die Rückfrage der Mutter «Seit wann denn das? Und warum?», erhält sie die kurze Antwort: «Keine Ahnung. Das ist halt einfach so.»