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Oberflächlichkeit bei Freundschaften ist im Alter tabu

31.01.2017 |
  • Erlebnis

«Ohne Freiraum keine Freundschaft», davon ist Barbara J. (63) aus dem Kanton Aargau überzeugt. Die rüstige Grossmutter gibt uns Einblick in ihre ganz persönliche Erfolgsformel für eine solide Freundschaftspflege im Alter.

 

«Die Motivation, Beziehungen einzugehen und zu pflegen, ist in allen Altersgruppen gleich stark», lernen wir aus diesem Interview mit Jana Nikitin, Oberassistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Was sich aber im Alter verändert, so erfahren wir weiter, ist die Anzahl der Beziehungen, die eine emotionale Wichtigkeit aufweisen. So kommt Jana Nikitin zum Schluss: «Man könnte also sagen, dass je oberflächlicher eine Freundschaft, desto eher wird sie im Alter aufgegeben.»

Die 63-jährige Aargauerin Barbara J. stimmt dieser Aussage zu. Sie beschreibt für uns jene Faktoren, die für sie unabdingbar sind, damit eine Freundschaft im Alter bestehen kann:

«Freundschaft baut für mich auf Freiraum auf. Das ist kein Wiederspruch. Im Gegenteil: Eine gute Freundschaft lässt mir Raum, vieles zu dürfen und kaum etwas zu müssen. Gerade im Alter ist für mich dieses Freiheitsgefühl der höchste Qualitätsanspruch an eine Freundschaft. Ich möchte ungebunden Entscheidungen treffen können. Ohne dabei von jemandem abhängig zu sein.

So weiss ich zum Beispiel, dass meine Freundin immer für mich da ist, wenn ich sie brauche. Auch wenn ich sie in meinem Leben noch kaum für etwas um Hilfe bitten musste. Dennoch ist es ein wunderbares Gefühl, dass ich mich im Notfall auf sie verlassen kann. Sie war für mich da, als mein Mann starb und ich mich in meinem neuen Alltag als Witfrau zurechtfinden musste. Sie wollte nicht den Platz meines Mannes einnehmen – das konnte sie auch nicht. Aber die gemeinsamen Gespräche bei einem Tässchen Kaffee habe ich sehr genossen. Keine von uns fühlte sich verpflichtet, regelmässig Zeit miteinander zu verbringen. Sie war einfach da. Und ich durfte kommen und gehen, so wie es für mich stimmte.

Umgekehrt verhalte ich mich ihr gegenüber genau gleich. Wenn sie mich braucht, bin ich da. Ohne Erwartungshaltung.»

 

Im Alter ist (fast) alles gleich wie früher.

Weiter erzählt uns Barbara J.: «Hat sich mein Verständnis von Freundschaft im Alter verändert? Nein. Ich war von jeher ein Freigeist. Nie wollte ich mich von einer Beziehung einengen lassen. Als junges Mädchen in der Bezirksschule war ich zwar öfters Teil einer Kolleginnen-Gruppe – das gehörte einfach dazu. Aber ich kann mich gut daran erinnern, dass sich mich schon damals nicht gerne der Erwartungshaltung meiner Freundinnen unterordnen wollte.

Mein Mann und ich gründeten mit anfangs 20 eine Familie. Meine Tochter kam 1973 zur Welt – und damit veränderte sich mein Lebensalltag. Von da an gehörte meine ganze Aufmerksamkeit meinem Mann und meiner Tochter. Die Geburt unseres Sohnes im Jahr 1976 bestärkte mich darin, meinen Fokus ganz auf die Familie zu belassen. Um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, mussten wir als Ehepaar zwar beide einer regelmässigen Arbeit nachkommen. Als gelernte Apothekenhelferin fand ich keine Anstellung in meinem ursprünglichen Beruf – stattdessen arbeitete ich in der Metzgerei in unserem Dorf. Die Arbeit gehörte zu meinem Leben genauso mit dazu, wie die Betreuung unserer Familie. Daneben blieb nicht viel Platz für Freundschaftspflege. Für kurze Zeit war ich Mitglied im Turnverein – das hat mir Spass gemacht. Dennoch bin ich wieder ausgetreten, weil ich mich mangels Zeit nicht genügend ins Vereinsleben einbringen konnte. Ich fand es den anderen Mitgliedern gegenüber nicht richtig, immer wieder Verpflichtungen abzusagen, um mich um Familie und Arbeit zu kümmern.»

 

Jassen ist Trumpf

«Während vieler Jahre habe ich meine gesellschaftliche Ader in einem ‚Jass-Grüppli‘ ausgelebt. Daran erinnere ich mich sehr gerne zurück. In dieser Gemeinschaft fühlte ich mich richtig wohl, und das obwohl wir vier Frauen alle ganz unterschiedliche Berufe und Interessen verfolgten. Unsere gemeinsame Leidenschaft war der Schieber-Jass. Dieses Spiel hat uns verbunden. Als dann eine Spielerin die Gruppe verliess, hat sich die ganze Gruppe aufgelöst. Das finde ich heute noch schade. Ich bin jedoch der Meinung, dass man Beziehungen nicht ersetzen kann – auch keine Jass-Partnerin», sinniert die rüstige Grossmutter.

 

Einfach auch Mal nein sagen.

«Vor einiger Zeit wurde ich von einer Bekannten angefragt, in einer regelmässigen Gesellschafts-Spielgruppe mitzumachen. Ich fühlte mich nicht wohl beim Gedanken, ein neues Spiel erlernen zu müssen. Deshalb lehnte ich ab.

Es bedeutet mir viel, dass ich den Mut fand, die Anfrage abzulehnen. Auf keinen Fall wollte ich mein Gegenüber verletzen – gleichzeitig wollte ich mich aber auch nicht in einer mir so unliebe regelmässige Verpflichtung begeben.

Noch viel mehr bedeutet es mir, dass meine Bekannte meine Reaktion verstand und wir uns trotz meiner Absage zum gemeinsamen Spiel-Nachmittag immer Mal wieder zum Gedankenaustausch treffen. Das tönt nun vielleicht nach wenig – ist für mich aber eine richtig grosse Errungenschaft. Keine von uns ist verärgert oder fühlt sich abgelehnt. Wir lassen uns unsere Freiräume und akzeptieren unsere Entscheidungen. Eine tolle Grundlage für eine gute Freundschaft, wie ich finde.»