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Post, Like, Share: Freundschaftspflege 3.0

21.12.2016 |
  • Erlebnis

Wenn die Welt um dich herum zerbräche, wie viele deiner zig Facebook-Freunde würdest Du um Hilfe bitten? Die JAMES-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, egal ob Jugendliche 100 oder gar 1000 virtuelle Kontakte haben, die Anzahl der «echten» Freunde im täglichen Leben bleiben immer gleich: Bis zu sechs und nur dreien davon würden sie auch Geheimnisse anvertrauen. Wir sprechen mit Medienexperten, und klären die Frage, ob die sozialen Medien die Freundschaftspflege verändert haben und was die neuesten Trends punkto Social Media sind.

 

Die Generation der Millennials pflegen ihre Freundschaften anders als ältere Jahrgänge, sie kommunizieren auch anders. Kurznachrichten lösen Briefe ab, Sprachnachrichten das Telefonat. Viele Kritiker sehen darin den Rückgang der engen Verbindung zwischen Freunden, denn die Wege der Kommunikation scheinen auf den ersten Blick weniger persönlich zu sein. Allerdings offenbaren die sozialen Netzwerke auch Chancen: Durch die technische Weiterentwicklung ist es heutzutage einfacher und kostengünstiger, um in Kontakt mit Freunden und Familie zu bleiben. Es liegt die Annahme nahe, dass Freundschaften so stärker werden – nicht schwächer.

Diese Meinung teilt auch Gregor Waller, Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie an der ZHAW. Er sagt: «Aktuelle Studien zeigen, dass die Freundschaften von Jugendlichen mittels Social Media vor allem gestärkt werden. So fühlen sich Jugendliche einander enger verbunden, haben einen grösseren Einblick in das Leben der anderen. Zudem erhalten viele Jugendliche, wenn sie eine schwierige Zeit durchmachen, auch zusätzliche Unterstützung via Social Media.» Er fügt jedoch hinzu, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken eine Beziehung teilweise auf die Probe stellen könne: «Wenn ein Heranwachsender über Facebook erfährt, dass viele seiner Freunde am Wochenende gemeinsam gefeiert haben, er aber nicht eingeladen war, dann kann das schon am Selbstwert nagen.»

 

Trend bewegt sich in Richtung Privatsphäre

Mittels Social Media können wir Freunde und Familie durch Kurzmitteilungen, Bilder oder Videos an unserem Alltag, Abenteuern und Reisen teilhaben lassen. Es fühlt sich an, also ob man fast «live» mit dabei wäre. Viele entscheiden sich heute aber, ihre Bilder und Videos über Instant Messenger wie WhatsApp und Snapchat zu versenden, statt es ins öffentliche Netz zu stellen.

Der Social-Media-Experte und Lehrer, Philippe Wampfler, erklärt, dass sich der Trend hin zu privateren Netzwerken und zu geschlossenen Gruppen bewegt, in denen mehr Privatsphäre gelebt wird. «Jugendliche nutzen WhatsApp und Snapchat für ganz enge Beziehungen, in denen sie sich regelmässig durch scheinbar banale Nachrichten mitteilen, wie wichtig die Beziehung ist – ohne Likes und Sharing. Meistens geht es da um Beziehungspflege, nicht um den Austausch bedeutender Informationen. Snapchat hat beispielsweise weder ein Archiv noch einen ganz öffentlichen Bereich. Wer nicht dabei ist, kriegt nichts mit.» Wampfler geht davon aus, dass Jugendlichen täglich eine dreistellige Anzahl von Nachrichten verschicken und empfangen.

Gregor Waller ergänzt, dass WhatsApp und Snapchat bei Jugendlichen momentan höher im Kurs sind als Facebook. «Ein Trend ist sicher die stärkere Verbreitung von Snapchat. Snapchat zelebriert den Moment: Verschickte Bilder und Texte sind für den Betrachter nur kurze Zeit sichtbar. Diese Vergänglichkeit, dieser Instantivismus, ist das Alleinstellungsmerkmal von Snapchat und momentan sehr en vogue,» erzählt der Medienpsychologe der ZHAW.

 

Jugendliche sind (digitale) Kommunikationsprofis

In vielen Hinsichten sind Jugendliche also digitale Kommunikationsprofis, die beispielhaft ihre Freundschaften pflegen, denen keine WhatsApp-Antwort zu mühsam, keine Snapchat-Story zu langweilig ist und die selbst dann noch ihre Eindrücke fotografisch festhalten, wenn sie kurz vor dem Einschlafen sind.

Diese unglaubliche Vielfalt an Online-Kommunikationsmöglichkeiten sieht Waller als eine andere Form der Pflege von Freundschaften. Früher schrieb man Briefe oder man rief Freunde an. Heute stehen uns weitere Kanäle zur Verfügung, um mit unseren Freunden zu kommunizieren. «Die Funktion aber bleibt dieselbe. Indem ich jemandem eine Text- oder Sprachnachricht schicke, sende ich die implizite Botschaft: Ich denke an dich, du bist mir wichtig.»

Und trotzdem – auch wenn sich uns heutzutage etliche neue und überaus kreative Kommunikationsplattformen präsentieren, welche die Freundschaftspflege erleichtern, die Anzahl an echten Freunden ist genau gleich hoch wie vor der Social Media-Ära. Oder wie es Gregor Waller auf den Punkt bringt: «In einer guten Freundschaft werden zudem weiterhin beide Seiten daran interessiert sein, sich ab und zu auch in der offline Welt persönlich auszutauschen.»