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Wachsende Ansprüche der Gesellschaft

28.07.2016 |
  • Wirtschaft

Die menschlichen Ansprüche verändern sich über die Jahre hinweg – während junge Menschen vor allem unabhängig und mobil sein wollen, rücken in späteren Lebensphasen ganz andere Wünsche ins Zentrum: beispielsweise eine gute Ausbildung für die Kinder zu sichern, ein eigenes Heim zu besitzen oder einen hohen Lebensstandard nach der Pensionierung zu halten. Wir sprachen mit Alois Bischofberger, Geldvorsorge-Experte bei der Avenir Suisse, über die sich stetig ändernden Ansprüche, und wieso die Vorsorgeplanung in Zukunft noch wichtiger sein wird als bisher.

Alois Bischofberger
Alois Bischofberger

Herr Bischofberger, wie haben sich Ihrer Meinung nach die Ansprüche unserer Gesellschaft in den letzten Jahren verändert?

Erstens sind die Anforderungen am Arbeitsplatz, etwa in Bezug auf die zeitliche Verfügbarkeit, und an das Qualifikationsniveau der Beschäftigten gestiegen. Daraus erwächst ein Anspruch auf Eigenverantwortung, Gestaltungsspielräume und Mitsprache, aber auch auf eine Entlöhnung, welche die Entwicklung der Spitzensaläre zum Vorbild nimmt. Der Anspruch auf Eigenverantwortung ist aber nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt. In der Altersvorsorge betrifft er beispielsweise die Möglichkeit, eine individuelle, auf die Risikopräferenzen der Versicherten zugeschnittene Anlagestrategie, zu wählen. 

Zweitens fordern die Eltern in zunehmendem Mass die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben. Hintergrund sind nicht zuletzt die grossen Bildungserfolge der Frauen, die Wissen und Kompetenzen in der Berufswelt einsetzen wollen und eine neue Rollenverteilung in der Familie anstreben.

Drittens ist als Reaktion auf die Allgegenwart von Social Media und die Forderungen nach Transparenz in allen Lebensbereichen, der Ruf nach Respekt vor der Privatsphäre, lauter geworden.

Viertens hat der rasche wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel Verunsicherung ausgelöst. Das ist ein Grund, weshalb viele Menschen auf die Wahrung des Besitzstands pochen. Entsprechend lauter werden Forderungen an den Staat, und die Bereitschaft für Reformen, etwa in der Altersvorsorge und in der Landwirtschaftspolitik, wird geschmälert.

 

Was ist der Hauptantrieb für Herr und Frau Schweizer, sich mit der finanziellen Vorsorgeplanung auseinanderzusetzen bzw. diese konkret umzusetzen?

Die Antriebskräfte verändern sich über den Lebenszyklus hinweg. Bei jungen Menschen spielt der Wunsch nach Mobilität, einer breit abgestützten Ausbildung und Auslanderfahrungen eine wichtige Rolle. Um diese Ziele zu erreichen, sparen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Später rücken andere Ziele in den Vordergrund: der Wunsch, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, damit diese für die hohen Anforderungen und raschen Veränderungen in der Arbeitswelt gewappnet sind, und die Realisierung des Traums von den eigenen vier Wänden; die starke Zunahme der Hypothekarverschuldung in den vergangenen 20 Jahren bezeugt diesen Wunsch. In einer noch späteren Lebensphase richtet sich das Augenmerk auf die finanzielle Unabhängigkeit im Alter: Alternde Menschen möchten auch unter gesundheitlich erschwerten Bedingungen möglichst mobil bleiben, sich so lange wie möglich zu Hause pflegen lassen und nötigenfalls in einen Alterswohnsitz ihrer Wahl übersiedeln. So oder so wird in allen Lebensphasen aus Vorsorgemotiven auf Gegenwartskonsum verzichtet.

 

Denken Sie, dass sich das Verhalten von Schweizern bezüglich Vorsorgeplanung in Zukunft verändern wird?

Verhaltensänderungen brauchen Zeit, ein radikaler Wandel im Vorsorgeverhalten ist nicht zu erwarten. Bei jungen Menschen steht auch künftig die Vorsorge für die Zeit nach der Pensionierung nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Dennoch wird das heute noch geringe Interesse wohl oder übel einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema weichen, weil die Skepsis in Bezug auf die künftigen finanziellen Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen bei den jüngeren Generationen zunimmt. Auch die Politik ultratiefer und sogar negativer Nominalzinsen, die Anlageerträge dezimiert und wahrscheinlich noch während längerer Zeit verfolgt wird, wird das Vorsorgeverhalten beeinflussen. Sie kann dazu führen, dass man mehr Geld auf die Seite legt, weil man wegen des ausbleibenden Zinseszinseffekts, der sich normalerweise aus der Wiederanlage von Zinseinnahmen ergibt, länger braucht, um die Spar- und Anlageziele zu erreichen. Eine weitere Folge dürften Engagements in risikoreicheren Anlageinstrumenten sein, die vermehrt über Online-Plattformen ausserhalb des traditionellen Bankensystems angeboten werden. Das erhöht die Anforderungen an die Finanzkenntnisse der Investoren. Dazu kommen neue Vorsorgemotive als Resultat gesellschaftlicher Veränderungen. 

Zwei Beispiele:

Erstens gilt es dafür zu sorgen, dass Karrierebrüche, die in der modernen Arbeitswelt häufiger vorkommen, finanziell überbrückt werden können.

Zweitens macht es heute, wo jede zweite Ehe auseinanderbricht, auch für Paare, die sich Treue bis zum Tod versprochen haben, Sinn, den möglicherweise hohen Scheidungsfolgekosten bei ihren Sparentscheiden Rechnung zu tragen.

 

Bringen uns hohe (finanzielle) Ansprüche im Leben weiter? Hätten Sie vielleicht ein paar Tipps, wie Menschen finanziell weiterkommen können?

Das Stichwort heisst Lebensqualität. Dazu gehören finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit sowie ein Einkommens- und Wohlstandsniveau, das die Realisierung materieller und immaterieller Lebensziele ermöglicht und erleichtert. Lebensqualität ist aber auch von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängig, darunter einem Arbeitsumfeld, das die Entfaltung fachlicher und menschlicher Kompetenzen fördert. Wenn das ermöglicht wird, wird Arbeit ein wesentlicher Bestandteil eines erfüllten Lebens bleiben. Die Volksabstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen hat den hohen Stellenwert der Arbeit bestätigt. Letztlich muss jeder selber beurteilen, ob ihn hohe finanzielle Ansprüche im Leben weiterbringen, und selber entscheiden, welchen materiellen Status er anstrebt. Wichtig ist es einfach, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Menschen das Verfolgen ihrer ganz persönlichen Ziele erleichtern.

Zur Person

Alois Bischofberger ist seit 2008 Senior Consultant bei Avenir Suisse und seine thematischen Schwerpunkte sind Altersvorsorge, Geldpolitik und Makroökonomie.

Die persönlichen Ansprüche an die eigene Finanzplanung sind so individuell wie unsere Raiffeisen-Kunden. Je nach Lebensabschnitt oder persönlicher Lebensgestaltung verändern sich die eigenen Ansprüche. Wir haben uns mit vier ausgewählten Raiffeisen-Kunden schweizweit unterhalten, um mehr über ihre lebensabschnittbedingten Ansprüche zu erfahren, sei dies als selbständige Unternehmerin, frischgebackene Eigenheim-Besitzer, rüstige Rentner oder als junge Familie. Lesen Sie hier über die nächsten Wochen hinweg, was diese Menschen bewegt und welche Ansprüche sie an die eigene Finanzplanung stellen.
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