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Energie und Klimaschutz – Am Puls der Bevölkerung

20.04.2018 |
  • Gesellschaft

Die einmal jährlich erhobene Studie «Kundenbarometer erneuerbare Energien» geht in die achte Runde. Anfang Juni werden die Ergebnisse der aktuellen Befragung anlässlich des St.Galler Forums für Management Erneuerbarer Energien präsentiert. Der Autor der Studie, Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, zieht Bilanz.

 

Die Energiewende ist ein Generationenprojekt von grosser Tragweite. Der Energie-Experte Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Uni St.Gallen, ist ob des schleppenden Tempos in der Umsetzung von Massnahmen zum Schutz des Klimas nicht verzweifelt. Er sieht aber den Ernst der Lage («In der Schweiz verbrauchen wir derzeit drei Erden»).

Prof. Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Uni St.Gallen

Prof. Rolf Wüstenhagen ist Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St.Gallen (HSG) und leitet den Good-Energies-Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien.

Sie sind weit gereist und haben Vorlesungen in Tel Aviv, Singapur, Kopenhagen, Vancouver und Helsinki gehalten. Stellen Sie im Ausland ein anderes Verhalten zur Umwelt fest?

Manche sind weiter als die Schweiz, andere weniger weit. In Dänemark ist beispielsweise in den letzten Jahren viel passiert, 44% des Stroms stammt aus Windenergie. Das andere Extrem ist Israel. Obwohl dort die Sonne von früh bis spät scheint, ist das Land zu 98% von fossilen Ressourcen abhängig.

 

Wie ist denn das Umweltbewusstsein hierzulande?

Es ist hoch und die Einstellung zu Umweltthemen grundsätzlich sehr positiv. Wo’s noch hapert, ist die Umsetzung im praktischen Alltag. Die Politik in der Schweiz pflegt überdies einen liberaleren Ansatz und setzt oft auf Freiwilligkeit. Bei unseren Nachbarn in Frankreich oder Deutschland findet man hingegen schneller einmal, der Staat sollte beim Klimaschutz stärker eingreifen.

 

Welche Ziele wurden in den letzten sieben Jahren mit der Studie verfolgt?

Wir wollten damit zweierlei bezwecken: den Puls der Bevölkerung messen und herausfinden, wo in Energiefragen der Schuh drückt. Und mit der Kooperation mit Raiffeisen wollen wir die Grundlage für Produktinnovationen legen, indem die Studie neu entstehende Kundenbedürfnisse aufzeigt.

 

Gibt es bezüglich neuen Produkten schon erste Erfolge?

Ja, beispielsweise in der Energieeffizienz von Gebäuden. Im Hause Raiffeisen hat man erkannt, dass dieses Thema die Kunden zunehmend beschäftigt und dass dies mit dem Hypothekargeschäft zusammenhängt. Das hat beispielsweise dazu beigetragen, dass Raiffeisen eine Kooperation mit dem GEAK eingegangen ist.

 

Wenn Sie die erste mit der letzten Studie vergleichen, was war die wesentlichste Veränderung?

Insgesamt sind die Ergebnisse über all die Zeit erstaunlich stabil. Unbestritten ist das grosse Interesse, künftig noch mehr Strom aus erneuerbarer Energie beziehen zu wollen. Auffällig war der Atomunfall in Fukushima 2011. Da ging ein richtiger Ruck durch die Bevölkerung, der dann mit den Jahren langsam wieder abebbte. Neue Themen sind dazu gekommen, wie die Elektromobilität oder Batteriespeicher.

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Beitrag zum Klimaschutz

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Beitrag zum Klimaschutz

Was hat sich in dieser Zeit sonst noch im Verhalten der Befragten verändert?

Wir leben in der Schweiz, in einem stabilen Land mit wenig rasanten Umschwüngen. Aber in einigen Bereichen gibt es eine beachtliche Dynamik. So haben wir bei den Pro-Kopf-Installationen von Photovoltaik-Anlagen heute Länder wie Italien und Deutschland überholt. Und auch bei den E-Bikes spielen wir in der Champions League mit.

 

Ob es eine Energiewende braucht, steht ausser Frage. Wie stellt sich die Bevölkerung dies vor?

Es gibt zwei Haupttrends: lieber in der Schweiz als im Ausland investieren und ein klares Bekenntnis für erneuerbare Energie, wobei hier die Sonne am beliebtesten ist, gefolgt von Wind und Wasser. Die Sonne ist eindeutig des Schweizers Liebling.

 

Der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen geht weiter…

Die Energiezukunft gleicht einem Ausdauerlauf, vielleicht einem Halbmarathon. Es ist zwar ein hohes Bewusstsein vorhanden, auf der anderen Seite wird aber die Dringlichkeit von Umweltmassnahmen zu wenig gesehen. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier – er fährt ein Dieselauto und es muss schon etwas Besonderes passieren, damit er sich nicht später wieder eines kauft.

 

Wo sehen Sie erneuerbare Energien in zehn Jahren?

Solarenergie im Gebäudebereich wird dannzumal ganz normal sein. Auf den Dächern von Neubauten werden ganz selbstverständlich Solaranlagen stehen und auf den Strassen werden Benziner und Dieselautos die Minderheit darstellen. In zehn Jahren ist dann hoffentlich auch die eine oder andere Windanlage in Betrieb.

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Energietechnologien

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Energietechnologien

Was kann eine Bank wie Raiffeisen tun?

Raiffeisen hat eine grosse Vorbildfunktion und sollte weiter in die Produktentwicklung investieren, beispielsweise eine Solaranlage in die Hypothek einbauen oder bei Firmenleasingkunden Anreize schaffen, damit sie ihre Flotte auf Elektrofahrzeuge umstellen.

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Elektro-Mobilität

Ausschnitt aus der Infografik «Studie Kundenbarometer erneuerbare Energien 2017»: Elektro-Mobilität

Welchen Einfluss haben die Studien auf Ihr persönliches Verhalten?

Ich habe beispielsweise veranlasst, dass ein Modul unseres Weiterbildungsstudiengangs statt wie bisher in Singapur künftig in Europa stattfindet. Oder wir sorgen dafür, dass Studierende vermehrt mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug reisen. Man kann aber immer noch mehr tun, auch ich.

 

Welches Anliegen liegt Ihnen besonders am Herzen?

Wir sollten uns hierzulande noch bewusster werden, dass wir mit dem Wohlstand auch mehr Verantwortung für unsere Umwelt und die Chance haben, etwas zu verändern. Die Schweiz sollte unbedingt weiterhin Vorbild sein, beispielsweise durch den perfekt orchestrierten öffentlichen Verkehr.