«Lästige Routine wird zuerst automatisiert»

Die Digitalisierung macht auch vor dem Wohnen nicht Halt und stellt die Bau- und Immobilienbranche vor grosse Herausforderungen. Die Studie «Smart Home 2030» des Gottlieb Duttweiler Institute zeigt auf, wie neue Technologien im privaten Wohnbereich Einzug halten.

Wir haben uns mit Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institute über die Zukunft des Wohnens unterhalten. Sie hat zusammen mit Daniela Tenger und im Auftrag von Raiffeisen die Studie «Smart Home 2030» verfasst und ist der Überzeugung, dass Komfort im künftigen Wohnen eine wichtige Rolle spielen wird.

 

Pius Schärli: Wie wird das intelligente Zuhause 2030 aussehen?

Karin Frick: Das Haus von übermorgen wird sich äusserlich wenig von den heutigen Häusern unterscheiden. Aber es wird quasi magische Fähigkeiten haben. Es kann die Bewohner sehen, hören, spüren und mit ihnen interagieren.

 

… und sich selbst putzen?

Sicher. Vieles wird automatisiert – von der Energieproduktion, Klimaregulation über Wäsche waschen und Putzen bis zum Recyceln von Abfällen.

 

Was, wenn ich mein Steuerungstool verliere?

Das Smart Home ist wie ein Computer – Sicherheit und Log-in-Systeme werden darum ähnlich aussehen. Es wird Back-up-Systeme geben, Reset-Buttons, Virenschutzprogramme und Notfalldienste für Systemabstürze, wenn gar nichts mehr geht.

 

Wie steht es um den Datenschutz?

Hier sind noch viele Fragen offen. Für die meisten Menschen ist Bequemlichkeit aber klar wichtiger als Privatsphäre, und sie werden grosse, zentrale Dienste wie Google nutzen.

 

Wohnen die Menschen 2030 auch sicherer?

Sie werden einerseits immer mehr umzingelt von digitalen Schutzengeln, die potenzielle Gefahren vorhersehen und aus dem Weg räumen. Anderseits wird ein hyper-vernetztes Heim auch anfällig für Störungen und Hackerangriffe.

 

Wie sieht‘s mit Leben und Arbeiten am gleichen Ort aus: Arbeitet der Grossteil künftig von zuhause aus?

Die Menschen werden in Zukunft überall arbeiten, zuhause, im selbstfahrenden Auto, beim Kunden, im Café und in sogenannten Co-Working-Spaces. Der direkte persönliche Austausch zwischen Menschen bleibt wichtig für die Produktivität und die Kreativität. Doch die Zusammenarbeit kann anders organisiert werden.

Wir kennen beispielsweise das Prinzip von «Flipped Classroom». Das bedeutet, dass sich Studenten die Vorlesung zuhause anhören und sich dann treffen, um das Gehörte gemeinsam zu verarbeiten und Hausaufgaben zu machen. Nach diesem Prinzip könnte man in Zukunft auch Büroarbeit organisieren. «Flipped Office» heisst, dass man für konzentriertes Arbeiten zu Hause bleibt und sich dann für den Austausch im Team zwei bis drei Stunden im Büro trifft.

 

Wie wirkt sich die Individualisierung auf die Wohnformen aus?

Individualisierung führt dazu, dass die Vielfalt der Wohnformen zunimmt. In Bezug auf Einpersonenhaushalte werden vor allem die Services wichtiger, die rund um das Wohnen angeboten werden – Reinigung, Wäsche, Essen, Fitness, «Socializing».

 

Die Menschen werden älter und wollen selbstbestimmter leben. Wohin geht hier die Reise?

Die Hoffnung ist, dass neue Technologien wie zum Beispiel persönliche Haushaltroboter Menschen dabei unterstützen, länger unabhängig zu bleiben, indem sie alle schweren Arbeiten abnehmen. Der Film Robot & Frank (US-amerikanischer Kinofilm 2012, die Redaktion) zeigt sehr schön, wohin die Reise gehen könnte.

 

Und Wohngemeinschaften im Alter werden auch beliebter?

Co-Living wird wichtiger und beliebter, weil es dank neuer Vernetzungstechnologie einfacher wird, Räume zu teilen und private und gemeinschaftliche Nutzungen neu zu kombinieren. Im Idealfall bieten neuen Wohnformen beides an, die Rückzugsmöglichkeit in sein eigenes Reich wie auch einfache Möglichkeiten, unter Menschen zu sein.

 

Wie steht’s um Generationenhäuser?

Durchmischte Wohnformen mit verschiedenen Generationen und auch Kulturen machen das Leben interessanter, lösen jedoch auch mehr Konflikte aus. In der Realität geht der Trend eher zu «Gated Communities»: Häuser und Quartiere, wo Gleichgesinnte und Gleichaltrige unter sich sind.

 

Gibt es auch Gegentrends zur ganzen Technologisierung des Zuhauses, z.B. zurück zu natürlichen Wohnformen ohne Schnickschnack?

Die Technologien von übermorgen sind diskret, unterbrechen uns nicht und rücken in den Hintergrund (wie Elektrizität). Man wird die Technik höchstens noch spüren, wenn sie nicht funktioniert. Man wird sich aber auch an den Komfort eines smarten Heims gewöhnen, wie an eine Zentralheizung oder ein Badezimmer - Komfortfaktoren, auf welche die meisten Menschen kaum auf Dauer verzichten möchten.

 

Braucht der Mensch überhaupt so viel Automation im Haushalt oder ist Hausarbeit auch etwas Heilsames (Gärtnern, Kochen, etc.)?

Heilsam für wen? Hausarbeit wird auch heute noch vorwiegend von Frauen gemacht. Dank Waschmaschinen, Staubsauger und Fertigmahlzeiten haben sie Zeit gewonnen, die sie für andere Projekte einsetzen können. Zudem wird zuerst die Pflicht (lästige Routinen) automatisiert, so bleibt mehr Zeit für die Kür: Kochkunst und Gartenbau.

 

Zum Schluss ein persönlicher Wunsch an Ihr künftiges Zuhause?

Ich träume von einem automatischen Aufbewahrungssystem, in das ich alle Dinge, die ich im Moment nicht brauche, legen kann und die dann dort fachgerecht gelagert werden. Brauche ich etwas, suche ich in meinen virtuellen Schränken, und eine Art Warenlift liefert mir die gewünschten Schuhe oder die richtige Tasche.

 

Biografie

Karin Frick ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Institutes (GDI). Die Ökonomin analysiert Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Weitere Infos: gdi.ch

 

Smart Home 2030

Die Studie «Smart Home 2030» wurde 2015 vom Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) im Auftrag von Raiffeisen erarbeitet und kann hier heruntergeladen werden. 

 

 

 

Autor Fotografie
Pius Schärli zVg GDI
Karin Frick

Karin Frick

Smart Home 2030

Studie Smart Home 2030