«Die Seele der Stickerei muss weiterleben»

Im hellen Raum der Stickerei von Freidorf wurden einst delikate Spitzen für die weite Welt hergestellt. Die Tochter des letzten Schifflistickers der Region, Monika A. Schmid, erinnert sich.

„In meiner Kindheit war dies ein sehr lebendiger Raum. Die zwei Stickereimaschinen machten einen höllischen Lärm. Ich mochte das. Hier konnten wir so laut sein, wie wir wollten, die Maschinen waren immer lauter“, erinnert sich Monika A. Schmid, während sie sich im einstigen Arbeitsraum ihres Vaters umsieht. Sie ist eine der drei Töchter von Karl Baumann, dem letzten Schifflisticker der Region St.Gallen. 

 

Heute steht nur noch eine der beiden Saurer-Schifflistickmaschinen im Raum. Das 13 Meter lange und drei Meter hohe Stahlwerk dominiert das Erdgeschoss. Daneben türmen sich weiss bestickte Tuchballen auf langen Tischen. Der Schreibtisch beim Fenster ist übersäht mit Dokumenten – ein Sitzungsbüchlein aus den 60er-Jahren, eine Betriebsanleitung für den Opel Commodore; an den Wänden hängen Notizzettelchen und auf dem Fenstersims liegt eine Brille. Als hätte Karl Baumann vor fünf Minuten den Raum verlassen.

 

Karl Baumann hat in der Stickerei alles stehen und liegen gelassen – als wäre er nur mal kurz weg.

„Während seines Arbeitslebens hat mein Vater die Hochblüte der Stickerei und ihren Niedergang miterlebt. Allen Krisen zum Trotz ging er bis nach seinem 90. Geburtstag jeden Tag ‚hintere‘ zur Stickerei. Sie war sein Zuhause. Manchmal liess er die Maschinen ein, zwei Stunden laufen, manchmal putzte er da einen Ölfleck, dort ein bisschen Staub weg.“ Je älter er wurde, desto schwieriger fiel ihm aber das Gehen. 

 

Die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte der Schifflisticker in einem Altersheim. Und er beauftragte seine Töchter mit dem Verkauf der Stickerei. „Wir verbinden viele schöne Erinnerungen mit diesem Gebäude – unsere Grosseltern und meine Urgrosseltern wohnten gleich hinter dem Haus, die beiden Tanten arbeiteten hier, meine Mutter und meine beiden Schwestern halfen oft in der Stickerei mit und ich habe hier mein erstes Taschengeld mit dem Füllen der Schiffli und Bobinen verdient. Viele Abende verbrachten wir zu Hause mit «Schiffli füllen», wenn mein Vater nach Hause kam. Wir wollten unbedingt einen Käufer finden, der diese Seele erkennt und weiterträgt in die Zukunft“, sagt Monika A. Schmid.

 

Karl Baumann an der Stickmaschine

Die Schwestern liessen sich Zeit für den Verkauf. Es gab viele Offerten, keine passte so richtig. „Als wir das Angebot von Denise Gehrig und Wolfgang Kelemen sahen, ging uns das Herz auf: Endlich zwei, die verstanden hatten, was für ein Ort dies ist!“ Auch die Tatsache, dass eine Familie mit Kindern einziehen wollte, freute Karl Baumanns Töchter: „So wird die Stickerei wieder zum Leben erweckt.“

 

Die Krux mit der Maschine

Denise Gehrig und Wolfgang Kelemen kauften die Stickerei samt ihrem Inhalt. Und begannen ihren Umbau mit einer „zünftigen“ Aufräumarbeit: „Fast jedes Stück, das im Raum herumlag, erzählte uns eine weitere kleine Geschichte über unser Haus“, erzählt die neue Besitzerin.

 

Die neuen Hausbesitzer behielten einige wenige Möbelstücke und verschenkten den Rest an Familie und Freunde. Die bestickten Tuchballen, die Dokumente aus vergangenen Tagen, die Tische, Stühle, Besen und allerlei Kleinkram gingen weg wie warme Weggen – nur die Stickereimaschine wollte niemand. 

 

Denise Gehrig trennt sich von den meisten der Museumsstücke.

Denise Gehrig fing an zu recherchieren, fragte im Textilmuseum in St.Gallen und im Saurer-Museum in Arbon nach, schrieb nach Russland, Mexiko, China. Niemand zeigte Interesse. Doch bevor das sperrige Ding aus dem Jahr 1914 aus dem Haus ist, können die Bauarbeiten nicht beginnen.

 

Werden die beiden ihre Maschine los, damit sie rechtzeitig mit dem Bau anfangen können? Und werden sie ihren Traum vom autarken Haus realisieren können? Im nächsten Beitrag lesen Sie die Antworten.

 

 

Auf den Spuren der Stickerei-Tradition in der Ostschweiz 

Vor dem ersten Weltkrieg waren Stickereien das wichtigste Exportgut der Schweiz. Die Ostschweiz war – und ist noch heute – weltbekannt für seine feinen Erzeugnisse. Unternehmen wie Forster Rohner oder Bischoff Textil beliefern internationale Modedesigner. Nicht selten sind St.Galler Stickereien an Modeschauen zu sehen, auch Michelle Obama trug zur Inaugurationsfeier ein Kleid aus St.Galler Stickerei.

Die Textilbibliothek im Textilmuseum in St.Gallen umfasst 2’000 Musterbücher mit Textilmustern Schweizer Firmen. Die über 2 Millionen Originale dokumentieren die Maschinenstickerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der Blütezeit der St.Galler Stickerei-Industrie.

Im Appenzeller Volkskundemuseum in Stein AR sind noch zwei Handstickmaschinen in Betrieb. An einer davon hat bis 2016 die über 90-jährige Lina Bischofberger täglich gearbeitet. Sie war die letzte Handstickerin des Appenzellerlandes. Im Winter werden die beiden Maschinen an jedem Sonntagnachmittag vorgeführt.

Beide Museen sind für Raiffeisen-Mitglieder mit dem Museumspass gratis. 

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