Das nachhaltige Haus

Für Denise Gehrig und Wolfgang Kelemen war immer klar: „Wir wollen nachhaltig bauen.“ Doch je länger sie planten, umso mehr mussten sie ihre Vorstellungen der Realität (und ihrem Budget) anpassen. Und sich von ein paar Ideen verabschieden.

Trotz zahlreichen Bemühungen liess sich kein Abnehmer für die schöne alte Stickereimaschine finden. Denise Gehrig und Wolfgang Kelemen liessen sie schweren Herzens entsorgen – somit stand dem Umbau nichts mehr im Weg.

 

Die Herausforderungen liessen aber nicht lange auf sich warten. „Unsere Wunschvorstellung war ein autarkes Haus“, sagt Denise Gehrig. Also ein Haus, das alle Energie, die die Familie braucht, selber generiert – inklusive dem Essen, das im Garten wächst. Sie begannen, sich in die Fachliteratur einzulesen und mussten sich relativ schnell eingestehen: „Wir haben keine Ahnung, was es bedeutet, ein nachhaltiges Haus zu bauen.“ Und vor allem wurde ihnen bewusst: Wer nachhaltig bauen will, muss viel Geld investieren. Eine Fotovoltaik-Anlage zum Beispiel hätte 25'000 bis 40'000 Franken gekostet. „Wir merkten, dass unsere Ideologien weit weg von der Realität waren.“

 

Die nächste Herausforderung zeigte sich beim Treffen mit Peter Grau, Energieberater und GEAK-Experte (GEAK: Gebäudeenergieausweis der Kantone). Er riet ihnen zu einem radikalen Schritt: „Um das alte Gebäude so energieeffizient wie möglich zu machen, empfehle ich, es von aussen zu dämmen.“ Doch die Idee, das Haus einzuschalen, gefiel Denise Gehrig und Wolfgang Kelemen gar nicht: „Wir wollten auf jeden Fall die Ästhetik der Stickerei mit ihrer schönen alten Fassade erhalten.“

 

Der Energieberater Peter Grau analysiert die Stickerei mit einer Wärmebildkamera, um Schwachstellen zu erkennen und den energetischen Zustand einzuschätzen.

Welche Heizung?

Wie aber transportiert man das historische Gebäude ins 21. Jahrhundert, ohne dass es seine Identität und seine Ausstrahlung verliert? Dass die alte Ölheizung rausmusste, war klar. Ein Pellet-Ofen – ein Heizkessel, der mit Presslingen aus Holzspänen und Sägemehl befeuert wird – stand zur Diskussion. „Doch wir verwarfen die Idee, als wir lernten, dass die Produktion von Pellets nicht sonderlich ökologisch ist“, sagt Denise Gehrig. Wie wäre es also mit dem guten alten Holzofen? Zu viel Aufwand. Eine Erdwärmesonde? Geht an diesem Standort nicht. Das Paar entschied sich für eine Luftwärmepumpe im Keller mit Bodenheizung.

 

Dann: Holz. Auch so ein Thema, bei dem die beiden „auf die Welt kamen“, wie sie selber sagen. „Ich dachte immer, dass Schweizer Holzbauer vorwiegend Holz aus lokalen Wäldern verarbeiten“, sagt Denise Gehrig. Doch das günstige Holz kommt aus dem Ausland: Über 70 Prozent des in der Schweiz verarbeiteten Holzes wird importiert. „Als Laie ist es schwierig, sich ein vollständiges Bild zu machen.“ Trotzdem hat sich das Paar für viele Holzelemente entschieden, etwa beim Treppenkern, beim Dach oder beim Innenausbau. Holz ist überall präsent. „Holz ist ein organischer Baustoff, trägt zu einem guten Raumklima bei und ist ein nachwachsender Rohstoff“, sagt Denise Gehrig.

 

Der Architekt Andreas Zech bespricht mit Denise Gehrig und Energieberater Peter Grau die Sanierung der Stickerei (v.l.n.r.)

Handwerker aus der Region oder dem nahen Ausland?

Damit kam die nächste Frage auf: Wer soll die Renovation umsetzen? Anders gefragt: Nehmen wir Handwerker aus der Region oder ihre günstigen Kollegen aus dem nahen Ausland? „Wir diskutierten intensiv“, sagt Denise Gehrig. Sie entschieden sich dafür, für fast alle Arbeiten Handwerker aus der Region zu berücksichtigen. „Das lokale Gewerbe zu unterstützen war uns wichtig“, sagt Wolfgang Kelemen, „wir gehören mit unserem Restaurant ja auch dazu.“

 

Im Gegenzug mussten sie bei den Fenstern Kompromisse eingehen. Diesen schönen alten Fenstern! Für Denise Gehrig eine Herzensangelegenheit; sie wollte sie unbedingt bewahren: „Das Haus lebt vom Charme dieser Fenster“, fand sie und der Architekt holte Offerten bei mehreren Fenstermanufakturen in der Schweiz ein. Die Antworten waren ernüchternd: Die alten Fenster im Erdgeschoss zu sanieren und einzudämmen hätte 70'000 Franken gekostet. Hinzu kommen die neuen Fenster im Obergeschoss. „Unmöglich“, befand das Paar. Und suchte nach Alternativen: Nachbauen? Wirkt immer ein bisschen billig. Die alten schlecht isolierten Fenster einfach stehen lassen? Ökologischer Unsinn.

 

Die alten Fenster sind eine der grossen Schwachstellen der ehemaligen Stickerei: zuviel Energie fliesst ab.

Schweren Herzens musste sich Denise Gehrig von den alten Fenstern trennen – zugunsten der Nachhaltigkeit. „Das war schwierig für mich“, sagt sie. Nun kommen moderne Holzfenster rein, schmales Profil, ohne Sprossen, ohne Kitsch. „Nachhaltigkeit“, resümiert Denise Gehrig, „ist vor allem eine Frage des Budgets – erst recht, wenn man eine historische Bausubstanz wie die Stickerei erhalten will. Es ist ein Luxus, den wir uns leider nicht überall leisten konnten. Trotzdem: Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis.“

„Sollen wir den Dachstock so lassen, das Dach aber von innen dämmen oder gleich ein zweites Stockwerk mit einem neuen Dach bauen?“ In der nächsten Folge gibt es viel zu entscheiden. 

 

 

Energetische Sanierung
Ein Gebäudeausweis der Kantone (GEAK) gibt Auskunft über den energetischen Ist-Zustand einer Liegenschaft sowie das energetische Verbesserungspotenzial von Gebäudehülle und Gebäudetechnik. Der Energieberater prüft das Haus auf Herz und Nieren und identifiziert mit einer Wärmebildkamera Schwachstellen. Ein GEAK-Ausweis ist in einigen Kantonen bei der Handänderung bereits Pflicht. Raiffeisen-Mitglieder profitieren von einem vergünstigten Tarif für den GEAK-Ausweis. Hier finden Sie alle Informationen.

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