„Die Menschen haben sich wärmer angezogen“

In der Stickerei in Freidorf TG wurden einst weltweit gefragte Spitzen hergestellt. Der Lärm der imposanten Stickereimaschinen der Marke Saurer ist aber längst verstummt. Wir haben Adrian Grossenbacher vom Bundesamt für Energie gefragt, wie man solche Gebäude früher heizte und wie sich der Energieverbrauch verändert hat.

Interview: Anina Torrado Lara

 

Anina Torrado Lara: Die Stickerei in Freidorf wurde 1910 gebaut. Wie lebten die Menschen damals?

Adrian Grossenbacher: Als Nicht-Historiker kann ich nur spekulieren und mich auf Erkenntnisse aus historischen Filmen abstützen. So wurde das „Ofenbänkli“ damals noch seinem ursprünglichen Zweck entsprechend eingesetzt. Das Geld für Ressourcen war vielerorts knapp, was dazu führte, dass damit sparsam und bewusst umgegangen wurde – was heute nicht mehr der Fall ist.

 

Wie heizte man solch grosse Fabrikgebäude im Winter?

Geheizt wurde damals vermutlich noch mit Kohle. Grosse Fabriköfen haben nicht nur die Prozessenergie geliefert, sondern auch als Gebäudeheizung gedient.

 

Und wie hielt man den Raum im Sommer kühl?

Sofern die Kühlung im Sommer überhaupt ein Thema war, wurde dies meistens mit baulichen oder architektonischen Massnahmen umgesetzt. Eine aktive Gebäudekühlung gab es kaum und wenn es in Produktionshallen heiss wurde, dann war es eben so - es wurde geschwitzt.

 

Waren die Menschen sich weniger Komfort gewöhnt?

Ja bestimmt, es war sicher kein Thema, im kältesten Winter drinnen im T-Shirt zu sitzen. Die Menschen haben sich wärmer angezogen, viele haben sich auch mehr bewegt. Es war auch normal, dass es durch die Fenster zog und die Innentemperaturen nicht so hoch waren wie heute. Im Gegenzug waren die Menschen vermutlich auch häufiger krank – die Lebenserwartung war damals tiefer, was aber nicht nur mit den Gebäuden und deren Komfort zu tun hat.

 

Früher kannte man keine Isolationen und ausgeklügelte Heizsysteme. Was hat sich in den vergangenen 100 Jahren bezüglich Energieeffizienz getan?

Sehr viel! Die Gebäude sind um einiges effizienter geworden, so dass es heute Gebäude gibt, die ohne aktives Heizungssystem auskommen. Diese haben dann häufig noch einen Holzofen, um bei den kältesten Temperaturen etwas Gemütlichkeit ins Gebäude zu bringen. Die heutigen Vorschriften und Minergie-Standards sorgen dafür, dass heute – im Vergleich zu den 1970er-Jahren nur noch ein Siebtel der Energie für Wärmeerzeugung benötigt wird. 

 

Markant verbessert haben sich auch die Dämmwerte bei den Fenstern.

Genau, da liegen Welten dazwischen. Die technische Entwicklung hat hier eine riesige Verbesserung gebracht. Mit der Energieeffizienz hat sich auch der Komfort entscheidend verbessert. Die Zugluft und kalte Oberflächentemperaturen gehören bei neuen Gebäuden definitiv der Vergangenheit an. Auch der Einsatz erneuerbarer Energie zum Heizen und für die Erwärmung des Brauchwarmwassers hat entscheidende Schritte getan. Vor hundert Jahren kannte noch niemand die Wärmepumpe oder Photovoltaik.

 

Wieviel Energie konnte die Schweiz dank Massnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz in den letzten Jahren sparen?

Ich stütze mich auf Daten aus der „Analyse des schweizerischen Energieverbrauchs 2000 - 2016 nach Verwendungszwecken“ des Bundesamtes für Energie ab. Die Daten zeigen, dass sich der Raumwärmeverbrauch in den letzten 16 Jahren um 9.6 % und der Gesamtverbrauch in Gebäuden um 6.8 % verringert haben. Im Gegenzug haben in der Schweiz zwischen 2000 bis 2016 die mittlere Bevölkerung um 15.7 % und die Energiebezugsfläche um 22.6 %. zugenommen.

 

Und wie soll es hier weitergehen?

Der Trend der besseren Energieeffizienz muss sich zwingend fortsetzen. Wir dürfen uns nicht auf den erreichten Erfolgen ausruhen, wenn wir die Ziele der Energie- und CO2-Politik erreichen wollen.

 

Wie sind wir im Vergleich mit dem Ausland unterwegs?

Da spielen wir sicher in der Champions League mit. Die kantonalen Energiegesetze und die technischen Normen (SIA) gehören zu den strengsten auf der Welt. Nur im Bereich der erneuerbaren Heizungssysteme wird wohl Österreich weiter vorne als die Schweiz liegen.

 

Zur Person

Adrian Grossenbacher, dipl. Ing. FH HLK (Heizung-Lüftung-Klima), ist im Bundesamt für Energie Fachspezialist Gebäude im Programm „EnergieSchweiz“. Dieses vom Bundesrat ins Leben gerufene Programm fördert die Energieeffizienz und die erneuerbaren Energien, es sensibilisiert Menschen in der Schweiz für Energiethemen, fördert innovative Projekte und unterstützt die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.

Adrian Grossenbacher

Lesen Sie in der nächsten Folge:

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