Geheimsprache Immobilien-Inserat: Darauf achtet der Experte

Wer schon einmal ein Arbeitszeugnis gelesen hat, weiss, dass man bestimmte Aussagen nicht immer für bare Münze nehmen darf und sie oftmals etwas ganz anderes ausdrücken, als man meinen könnte. Ähnlich geht es potenziellen Hauskäufern beim Lesen von Immobilieninseraten. Wer die darin verwendeten Phrasen und Ausdrücke richtig zu entschlüsseln vermag, kann sich den einen oder anderen Besichtigungstermin getrost ersparen. Erfahren Sie, worauf es sich zu achten lohnt.

Sprache als Marketinginstrument

Mit einer gezielt eingesetzten Sprache kann man die Wahrnehmung von Realitäten beim Empfänger bewusst lenken und beeinflussen. Sehr verbreitet ist dieses Phänomen auf dem Immobilienmarkt, wo Tatsachen sprachlich nicht selten geschickt verklausuliert oder bewusst vorteilhaft dargestellt werden. Potenzielle Hauskäufer begegnen dem sprichwörtlichen «Maklerchinesisch» in der Regel, wenn sie sich im Inseratedschungel schlaumachen und eine grobe Vorauswahl für ihren künftigen Wohntraum treffen wollen.

 

Aufmerksam und kritisch sein

Spezialisten raten daher zu einer von Beginn an aufmerksamen und kritischen Herangehensweise. Um das richtige Kaufobjekt zu finden, ist in aller Regel ein anspruchsvoller und strukturierter Prozess notwendig. Dieser beginnt bereits mit einer sorgfältigen Recherche, zum Beispiel in Inseraten und auf entsprechenden Portalen. Tatsache ist, dass viele Immobilienanzeigen häufig mehr versprechen, als sie halten. Wer Inserate jedoch richtig lesen kann und bereits zu diesem Zeitpunkt sorgfältig recherchiert, erkennt vorhandene Stolpersteine frühzeitig und kann sich eine Besichtigung vor Ort vielleicht sogar ersparen.

 

Gesetzliche Richtlinien fehlen

Man könnte sich jetzt wundern, weshalb es überhaupt möglich respektive statthaft ist, dass Inserate falsche Tatsachen vorspiegeln. Tatsächlich gibt es in der Schweiz bis heute keine rechtlich bindenden Richtlinien zur Gestaltung solcher Anzeigentexte. Im Klartext bedeutet dies, dass der Verkäufer nicht für unvollständige, fehlerhafte oder gar falsche Angaben im Inserat haftet. Massgeblich ist nur der Kaufvertrag.

 

Grossflächig suchen

Es lohnt sich, die erste Recherche nach Immobilienangeboten möglichst breit zu fächern und die Auswahl nicht von vornherein einzuschränken. Hierzu zählen die Konsultation der gängigen Plattformen, am einfachsten via Suchabonnement, ebenso wie die Prüfung regionaler Angebote (Lokalzeitungen, Aushänge) oder eine direkte Nachfrage bei der Gemeinde.

Hilfreich ist unter Umständen auch, über mündliche Kontakte möglichst viele Verwandte, Bekannte und Freunde in der Nähe des gewünschten Standorts über die eigene Suche zu informieren, zum Beispiel mit Rundmails oder einem Hinweis in sozialen Netzwerken wie Facebook und Co.

 
Auch Suchinserate im Intranet des Arbeitgebers können die Chance auf einen Glückstreffer erhöhen. Manchmal lohnt sich der Blick auf Websites wie www.erstbezug.ch oder www.neubauprojekte.ch, auf denen entsprechende Projekte angekündigt und beworben werden.

Raiffeisen bietet als erste Schweizer Bank mit RaiffeisenCasa seit einigen Monaten ein eigenes Immobilienportal mit exklusiven Informationen zu Kosten, energetischem Zustand und Standortgemeinden an. Raiffeisen-Mitglieder können hier gratis ihre Immobilie inserieren.

 

Analyse der Inserate

Hat man nach bestimmten «Killerkriterien» (etwa Gemeinde/Lage, Hausgrösse) und einer eingehenden Bedürfnisabklärung eine Vorauswahl an Inseraten getroffen, gilt es, diese genau zu prüfen. Dabei sollten Sie Ihr Augenmerk speziell auf folgende Punkte richten, wodurch Sie ggf. Immobilien aussieben können, um Besichtigungen ungeeigneter Objekte von vornherein zu vermeiden:

Blumig trügerisch – so lesen Sie Inserate richtig!

Maklerbüros haben den Dreh raus, wie Kaufinserate für ein Haus oder eine Wohnung den grösstmöglichen Glanz versprühen. Damit die möglicherweise deutlich mattere Realität schon frühzeitig erkannt wird und einen nicht erst beim hoffnungsvollen Besichtigungstermin einholt, haben wir einige beliebte Ausdrücke aus Immobilieninseraten einmal genauer unter die Lupe genommen:

 

Begriff

Heisst im besten Fall

Heisst im schlechtesten Fall

«Penthouse/Attika»
oberstes Geschoss, evtl. mit Dachterrasse                  umgebauter Dachstock, oft in totalsanierten Häusern, schräge Decken beschneiden Zimmer, Fenster erinnern an Schiessscharten
«Bijou» charmante, kleine Wohnung mit hohem Ausbaustandard Viel zu klein für den unverschämten Mietzins/Preis
«Liebhaberobjekt» 
Objekt mit Charme und liebevollen Details  
renovationsbedürftig        
«Wohnlage mit viel Entwicklungspotenzial»   Infrastruktur wird in Zukunft erweitert   kein ÖV oder schlecht erschlossen, keine Bautätigkeit infolge fehlender Nachfrage in deiser Region
«charmant»  
liebenswürdige Details, gemütlicher Stil schon länger nicht mehr saniert worden
«Schnäppchen für Schnellentschlossene» Käufer steht unter Druck und muss rasch verkaufen            Ladenhüter 
«luxuriöser Ausbau»
merklich in Ausbau investiert
überteuert oder Versuch, mit Highlights abzulenken, etwa grosse/-s und sanierte/-s Dusche/Bad – aber Küche und weitere Nasszellen nicht erneuert
«zentrale Lage»
guter Anschluss an Bahn/Bus Autobahn, Geschäfte, Bank Verkehrslärm und Abgase, in Städten Partylärm

«familienfreundliche

Wohngegend»

Spiel-/Sportplatz in der Nähe, verkehrsberuhigte Strasse             kinderreiche Familien in der Nachbarschaft, Lärm oder Kindergeschrei – auf keinen Fall für ältere Generationen
«origineller Grundriss»      
individueller Grundriss
problematische Raumaufteilung 
«nur wenige Autominuten von der City entfernt»        gute Verkehrsanbindung, nahe Stadtzentrum nicht optimal an ÖV angeschlossen resp. Auto notwendig oder ÖV mit schlechter Frequenz (Halb- oder Ganzstundentakt) 
«teilrenoviert»
neue Eigentümer können noch Einfluss nehmen, wichtige Renovationen bereits durchgeführt, wenige zusätzliche Investitionen notwendig    Grossteil der Renovationen noch vom Käufer selbst durchzuführen, viel zusätzlicher Investitionsbedarf oder falsch renoviert/saniert
«unverbaute Sicht»
schöne Aussicht
heute noch frei, aber kein Bauverbot für die Zukunft
«Biotop im Garten»

Kleiner, meist unbefestigter Teich, ev. mit Fischen – interessant für Hobbygärtner
Übelriechender, ungepflegter Tümpel, nächtlicher Lärm durch Frösche, im Sommer viele Mücken
«Seriöses Umfeld»

Ruhige Lage im sog. Ärzteviertel, in der Nachbarschaft befinden sich viele Büros, Kanzleien und Praxen 
Wegen der Büros, Kanzleien und Praxen in der Nachbarschaft gibt es tagsüber fast keine freien Parkplätze. Ab 18 Uhr bricht oft die Langeweile aus
«Umgebung mit hohem Freizeitwert»
Das Haus befindet sich im schönen Naherholungsgebiet mit Natur, einzelne Wochenendausflügler könnten auftauchen
Lärm, kaum Parkplätze an schönen Tagen von massenhaft Wochenendausflügler überlaufen. In der Stadt könnte es sich um ein Szeneviertel handeln. Für Nachtschwärmer interessant
«Rustikal»

Auf aufwändige und unnötige Extras wurde verzichtet, es herrscht eine gemütliche Stimmung
Das Schwere und Dunkle überwiegt - etwa in Form von Schmiedeeisen oder Kachelböden, die seit den siebziger Jahren out sind
«Leichter Renovationsbedarf»

Es besteht leichter Renovationsbedarf z.B. bei der Heizung oder den Fenstern
Gebäudezustand im Streubereich zwischen stark baufällig und Bauruine – hoher Renovationsbedarf resp. Gesamtsanierung nötig
«Teilweise Berg- oder Seesicht»
Von einer Gebäudeseite aus sieht man das Bergpanorama oder das Seeufer Berg- oder Seesicht geniesst höchstens, wer aufs Dach steigt.