«Die Schweiz muss jährlich 30'000 fossile Heizsysteme ersetzen!»

Am 14. Januar 2020 lancierte EnergieSchweiz das Programm «erneuerbar heizen». Das Programm begleitet private und instutionelle Hausbesitzer beim Umstieg von einem fossilen auf ein erneuerbares Heizsystem. Programmleiter Thomas Jud erklärt, weshalb dies für die Erreichung der Klimaziele 2050 der Schweiz essentiell ist und wie Eigenheimbesitzer davon profitieren.

Interview mit Thomas Jud

Sie haben im Januar das Programm «erneuerbar heizen» lanciert. Wie können Hausbesitzer davon profitieren?

Das Programm lanciert und unterstützt die sogenannte Impulsberatung «erneuerbar heizen». Geschulte Impulsberater schauen sich die Situation vor Ort an und geben erste Tipps zum Heizungsersatz und zum richtigen Vorgehen. Die Beratung wird in vielen Kantonen finanziell unterstützt. Auf unserer Website erneuerbarheizen.ch finden Sie Ihren Berater mit der Eingabe der Postleitzahl Ihres Wohnortes. Zudem bieten wir Informationen zu allen erneuerbaren Heiztechnologien: Wärmepumpen, Fernwärme, Holzenergie und Solarthermie. Wer wissen will, was der Heizungsersatz in etwa kostet, der findet einen einfachen Heizkostenrechner. Man sieht dort rasch, dass sich mit einer erneuerbaren Heizung langfristig viel Geld sparen lässt. 

 

Weshalb ist so ein Programm notwendig?

Viele Hausbesitzer in der Schweiz prüfen beim Heizungsersatz keine erneuerbare Alternative zu ihrer fossilen Heizung. Angesichts der zunehmenden Auswirkungen der Klimaerwärmung, welche sich besonders stark auch auf die Schweiz auswirken wird, stimmt das sehr nachdenklich. Wir wollen einen Beitrag leisten, dies zu ändern. Denn eine fossile Heizung wieder durch eine fossile Heizung zu ersetzen, ist aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäss.

 

Könnte es daran liegen, dass der Heizungsersatz zu teuer ist für das Budget mancher Hausbesitzer?

Unsere Erfahrung zeigt, dass das Heizsystem für viele einfach kein Thema ist. Man hat andere Probleme im Leben. Und genau deshalb beschäftigt man sich erst mit dem Heizungsersatz, wenn es schon fast zu spät ist. Man sieht dann nur die kurzfristigen Investitionskosten. Aber Sie müssen auch die Betriebskosten und den Wiederverkaufswert einer Liegenschaft in die Überlegungen mit einbeziehen. Zumal über die Lebensdauer betrachtet die meisten erneuerbaren Heizsysteme schon heute günstiger sind, insbesondere unter Einbezug von Förderbeiträgen, der CO2-Abgabe und möglichen Steuerabzügen.

 

Die Schweiz hat sich Klimaziele gesetzt. Bis 2050 soll die Schweiz keine Treibhausgase mehr ausstossen. Wie trägt das Programm «erneuerbar heizen» dazu bei?

Der Bundesrat hat die Klimaziele mit der «Netto-null-Strategie» weiter verschärft. Das heisst, dass die Schweiz bis spätestens 2050 nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ausstossen soll, als durch natürliche oder technische Speicher wiederaufgenommen werden können. Dafür ist ein umfassender Massnahmen-Mix nötig. Dazu gehören im Gebäudebereich unter anderem Vorschriften, das Gebäudeprogramm, die Aus- und Weiterbildung, die CO2-Abgabe und auch «erneuerbar heizen». Wollen wir 2050 keine fossilen Heizungen mehr in Betrieb haben, so müssen wir ab 2020 jährlich 30'000 davon ersetzen!

 

Wann ist «erneuerbar heizen» für Sie ein Erfolg?

Ein Erfolg ist es, wenn «erneuerbar heizen» beim Heizungsersatz zur Selbstverständlichkeit wird und wir dadurch den CO2-Ausstoss massiv senken können. Wie schon erwähnt, müssen wir jedes Jahr 30'000 Öl- oder Gasheizungen ersetzen. Wir leisten damit eine Investition in unsere Zukunft und auch in jene unserer Kinder und Enkel. Und letztlich helfen wir auch unserer Natur.

 

Raiffeisen unterstützt «erneuerbar heizen». Was kann eine solche Partnerschaft bewirken?

Solche Partnerschaften sind für uns zentral. Ich erhoffe mir, dass wir durch Raiffeisen das Haus umfassender betrachten. Dabei profitieren alle Beteiligten, indem die drei Perspektiven der Nachhaltigkeit Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft dank dem umfassenderen Wissensschatz gesamtheitlich betrachtet werden. So unterstützen wir die Hausbesitzer, indem sie sich frühzeitig mit der richtigen erneuerbaren Technologie und eben auch mit der passenden Finanzierungslösung befassen.

 

Wie heizen Sie in Ihrem privaten Haus?

Wir wohnen in einem Minergie-P-Haus, welches sehr gut gedämmt ist. Die noch benötigte Wärmeenergie für Heizung und Warmwasser gewinnen wir zum Grossteil über eine grosse, nach Süden orientierte Fensterfront, über die Wärmerückgewinnung der Komfortlüftung und über einen speziellen Holz-Absorberofen kombiniert mit einer solarthermischen Anlage.

 

Nicht alle Hausbesitzer befinden sich in dieser Ausgangslage. Was empfehlen Sie Eigentümern von älteren Gebäuden?

Das stimmt! Wir gehen davon aus, dass heute noch etwa 900'000 fossile Heizungen in der Schweiz in Betrieb sind. Das ist eine sehr grosse Anzahl. Besorgniserregend ist zudem, dass etwa die Hälfte der Hausbesitzer beim Heizungsersatz keine Alternative mit erneuerbaren Energien prüfen. Das hat eine Studie der Stadt Zürich aufgezeigt. Mein Tipp: Informieren Sie sich frühzeitig und wenden Sie sich an einen Energie- oder Impulsberater. Dann haben Sie genügend Zeit, die für Sie optimale erneuerbare Lösung auszuwählen. Ziehen Sie gleichzeitig die Finanzierung und allfällige Förderbeiträge in die Überlegungen mit ein. Für jedes Haus gibt es heute eine geeignete erneuerbare Heizung.

 

Zur Person

Thomas Jud arbeitet seit 1998 beim Bundesamt für Energie (BFE). Es ist stellvertretender Leiter der Sektion Gebäude in der Abteilung erneuerbare Energien und Energieeffizienz und er leitet das Programm «erneuerbar heizen», welches Anfang 2020 von EnergieSchweiz lanciert wurde.

EnergieSchweiz fördert den verstärkten Einsatz der erneuerbaren Energien sowie die rationelle Energienutzung in Industrie, Gewerbe, im Dienstleistungssektor, in der Mobi­lität, bei Gebäuden und Elektrogeräten.