«Energiebewusstsein beim Immobilienkauf gewinnt an Bedeutung»

Energie- und Klimathemen bewegen nicht mehr nur die Politiker. Längst hat sich auch die Bevölkerung in die Diskussion eingebracht. Wie das Schweizer Volk über Klimawandel, CO2-Emissionen, energieeffizientes Bauen oder grüne Investitionen denkt – darüber gibt das seit 2011 jährlich publizierte «Kundenbarometer erneuerbare Energien» Auskunft.

Als eine der umfassendsten Untersuchungen in diesem Bereich, setzt sich die Studie nicht nur mit den Präferenzen der Schweizer Bevölkerung zu Energie- und Klimathemen, sondern auch mit der Beobachtung neuer Trends auseinander. Prof. Rolf Wüstenhagen, Inhaber des Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, lässt die Ergebnisse der letzten Befragung im Interview nochmals Revue passieren.

Prof. Rolf Wüstenhagen im Interview

Interview: Pius Schärli

 

Sie kennen die Einstellungen und Ansichten der Schweizer Bevölkerung zu Energie- und Klimathemen sehr gut. Was fällt auf, wenn Sie die Umfrageergebnisse der letzten acht Jahre überblicken?

Die Ansichten sind über all die Jahre recht stabil, und auch das Verhalten ändert sich relativ langsam. Das hängt in meinen Augen damit zusammen, dass viele Entscheidungen im Energiebereich nicht nur auf rationalen, sondern auch auf emotionalen Überlegungen basieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. In den jüngsten Befragungen versuchen wir deshalb vermehrt zu verstehen, wie das Zusammenspiel von Kopf und Bauch ist.

 

Rechnen Sie für die diesjährige Auswertung damit, dass der Rekordhitzesommer 2018 einen Einfluss auf die Ergebnisse der Befragung hat?

Tragische Ereignisse wie Fukushima 2011 oder der Bergsturz in Bondo 2017 lösen unmittelbar Betroffenheit aus. Wenn dann die Politik reagiert und Entscheide trifft, kann vieles passieren. Auf der anderen Seite haben solche Ereignisse eine erstaunliche Halbwertszeit. Das war schon beim Reaktorunfall in Tschernobyl der Fall. So wird es auch mit dem letztjährigen Hitzesommer sein. Wir haben einen Winter mit viel Schnee hinter uns. Da kann schnell das Gefühl aufkommen, dass alles wieder normal ist.

 

Die ganze Gesellschaft sollte zum Klimaschutz beitragen. Inwieweit kommen Banken ihrer Pflicht denn nach?

Die Erkenntnis, etwas tun zu müssen, wächst auch in der Finanzwelt. Doch viele Banken kämpfen mit anderen Herausforderungen. Ich wünschte mir, dass das Thema in der Prioritätenliste weiter oben aufscheint.

 

Wie würden Sie das Engagement von Raiffeisen beschreiben?

Raiffeisen ist ein langjähriger, verlässlicher Partner unserer Studie. Die Bank hat das Thema in all den Jahren nicht vom Radar verloren. Besonders spannend bei Raiffeisen ist die dezentrale Struktur, was Innovationen an ganz verschiedenen Orten zulässt.

Fast 80% der befragten Immobilienbesitzer zeigten sich in der Befragung 2018 offen für Angebote zur Verbesserung der Energieeffizienz. Welche Erwartungen hegen Sie gegenüber den Finanzinstituten?

Die Finanzinstitute sind nicht viel anders als die Konsumenten. Das Bewusstsein ist da, man staunt aber manchmal, wie lange es bis zum konkreten Handeln dauert. In den meisten Fällen ist die Finanzierung von energetischen Sanierungen noch immer ein Nischenprodukt. 

 

Im letzten Jahr fragten Sie, wie Menschen Ersparnisse für Renovationen in Gebäuden einsetzen würden. An erster Stelle figurierte die Wärmepumpe, dann die PV-Anlage und an dritter Stelle bereits eine neue Küche oder Badezimmer. Überrascht Sie dies?

Eigentlich nicht. Hausbesitzer vergleichen nicht nur Solaranlagen mit beispielsweise Wärmepumpen. Sie vergleichen diese mit anderen Investitionen im Haus. Zudem entscheidet beim Immobilienbesitz oft die ganze Familie mit.

 

57% der Befragten äusserten sich in der Umfrage für eine obligatorische Zertifizierung von Gebäuden. Was bringt dies?

geak obligatorisch

In einer Marktwirtschaft ist die Transparenz extrem wichtig. Wenn ich eine Waschmaschine kaufe, dann sehe ich auf den ersten Blick, wie viel Energie diese braucht. Immobilien brauchen viel mehr Energie, aber ohne obligatorische Zertifizierung gibt es für den Käufer heute kaum transparente Informationen. Ich bin überzeugt, dass das Energiebewusstsein beim Kauf von Immobilien noch an Bedeutung zulegen wird.

Zeichnen sich bei Immobilienbesitzern Trends ab zu mehr Sensibilität für Klimaschutzmassnahmen?

Ich sehe noch keinen eindeutigen Trend. Man muss hier zwischen privaten und institutionellen Investoren unterscheiden. Letztere schauen noch immer primär auf die Rendite oder sind vom Thema überfordert. Bei den Privaten ist das Spektrum breit und reicht von Umweltaktiven bis hin zu jenen Menschen, die das Thema überhaupt nicht interessiert. Und dazwischen ist die grosse, oft schweigende Mehrheit, welche wir die Umweltaktivierbaren nennen. Bei diesen gilt es das richtige Angebot zur richtigen Zeit anzubieten, wie beispielsweise den Gebäudeenergieausweis.

«Kundenbarometer Erneuerbare Energien»

In Kooperation mit Raiffeisen Schweiz und seit 2018 mit Energie Schweiz publiziert die Universität St. Gallen am 24. Mai 2019 bereits zum 9. Mal die Ergebnisse der Umfrage «Kundenbarometer Erneuerbare Energien». Die seit 2011 jährlich durchgeführte Befragung ist eine der umfassendsten Untersuchungen der Präferenzen der Schweizer Bevölkerung zu Energie- und Klimathemen.

Zur Person

Prof. Rolf Wüstenhagen
Foto: Judith Walls

Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen (48) leitet seit 2009 den Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen.

Der Lehrstuhl ist der erste seiner Art an einer führenden europäischen Wirtschaftshochschule und befasst sich mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten der Energiezukunft, einschliesslich der Analyse von Investitionsstrategien, Energiepolitik, Geschäftsmodellen und Konsumentenverhalten.

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