«Wir sind uns der Verantwortung auch ohne neues CO2-Gesetz bewusst»

Das neue CO2-Gesetz wurde am 13. Juni 2021 vom Stimmvolk abgelehnt. Damit läuft das bisherige, Anfang 2013 in Kraft getretene Bundesgesetz über die Reduktion der CO2-Emissionen weiter. Nach dem Nein an der Urne ist aber auch klar: freiwillige Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgase werden künftig noch wichtiger.

Die Überraschung und Ernüchterung nach dem Abstimmungswochenende zum geplanten 3. CO2-Gesetz waren gross. Politik und Wirtschaft sind sich nach dem Volksnein einig darin, dass es nun Alternativen zum CO2-Gesetz geben muss, wobei vor allem noch mehr politischer Realismus gefordert ist. Im Kampf gegen den Klimawandel sind mehr denn je mehrheitsfähige Kompromisse gefragt. Denn es ist genauso unbestritten, dass für eine Neuausrichtung der Schweizer Klimapolitik wenig Zeit bleibt. Einen Stillstand im Klimaschutz kann sich die Schweiz nicht leisten.

Auch für die Raiffeisen Gruppe, die sich zum Pariser Klimaabkommen bekennt, ist klar: das Thema Klimawandel bleibt hoch aktuell. Und der Weg bis hin zu einer klimaneutralen Schweiz wird steiniger: «Das CO2-Gesetz hätte der Schweiz geholfen, die Ziele bis 2030 zu erreichen», erklärt Roland Altwegg, Leiter Neue Geschäftsmodelle und Ökosysteme bei Raiffeisen Schweiz. Lesen Sie im Interview mit ihm, welche Ambitionen Raiffeisen für einen nachhaltigen Gebäudepark hat und wie Raiffeisen ihre Kundinnen und Kunden dabei unterstützt.

Nachgefragt bei Roland Altwegg, Leiter Neue Geschäftsmodelle & Ökosysteme

Interview: Pius Schärli

 

Das CO2-Gesetz wurde an der Urne verworfen, was heisst das jetzt für Besitzer von Wohneigentum?

Roland Altwegg: Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen bis 2030 zu halbieren und bis 2050 Netto-Null zu erreichen – diese Ziele bleiben auch mit Ablehnung des neuen CO2-Gesetzes bestehen. Das CO2-Gesetz hätte der Schweiz geholfen, die Ziele bis 2030 zu erreichen; jetzt werden wir aller Voraussicht nach nicht einmal die bis 2020 gesetzten Ziele erreichen. Deshalb dürfte der Bund nun vermehrt auf die Sensibilisierung und Freiwilligkeit der Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer setzen müssen, was aber auch Chancen bietet. Die Geschichte lehrt uns, dass nach einer Ablehnung einer Vorlage der Weg trotzdem weiterverfolgt wird und unter Umständen über andere Instrumente sogar noch konsequenter.

  

Was bedeutet die Ablehnung für Raiffeisen: Fährt die Bankengruppe jetzt die Anstrengungen für eine CO2-Reduktion des Gebäudeparks zurück?

Nein, keinesfalls. Nur wer kurzfristig denkt, lässt sich von der langfristigen Tragweite ablenken. Der Gebäudepark in der Schweiz hat mit rund 30 Prozent einen wesentlichen Anteil am CO2-Ausstoss. Mit 900'000 fossilen Heizungen im Einsatz ist das Potenzial für Erneuerung gross und saniert werden muss ohnehin. Was vielen zu wenig bewusst ist: eine nachhaltige Immobilie ist im Wert beständig, sie hat einen grossen Wohnkomfort und tiefere Energiekosten. Auch ohne das neue CO2-Gesetz macht unsere strategische Stossrichtung Sinn. Wir werden diese sogar verstärkt weiterverfolgen.

  

Nimmt Raiffeisen jetzt (nach der Abstimmung) im Thema Klimawandel und klimaneutrale Schweiz erst recht ihre Verantwortung wahr?

Wir sind uns der Verantwortung auch ohne neues CO2-Gesetz bewusst, denn wir haben uns ja zum langfristigen Ziel einer klimaneutralen Schweiz bis 2050 bekannt. Jetzt ist der Weg zur Zielerreichung etwas holpriger und schwieriger. Schade ist, dass in der Revision des Gesetzes rund fünf Jahre Arbeit stecken und es ja lange danach aussah, als käme ein typisch schweizerischer, mehrheitsfähiger Kompromiss zustande. Aber grundsätzlich sieht Raiffeisen die vielen Chancen – gerade bei der energetischen Modernisierung des Gebäudeparks. 

 

Wie unterstützt denn Raiffeisen Kundinnen und Kunden bei den Bemühungen für energieeffizientes Wohnen? 

Der Fokus liegt auf frühzeitige Sensibilisierung und vorausschauende Planung. Wer weiss, wie er sein Objekt langfristig nutzen möchte, den aktuellen Zustand kennt, davon abgeleitet eine langfristige Modernisierungs- und Finanzierungsplanung vornimmt, kann Massnahmen umsetzen und Risiken reduzieren. Wir wollen dies mit unseren Partnern und Kunden einfach ermöglichen, damit sie für sich individuell eine gute Entscheidungsgrundlage haben. Sie sollen bessere Entscheidungen treffen können.

 

Wie erlebt Raiffeisen im Kundenalltag die Einstellung der Bevölkerung zu einer klimaneutralen Schweiz?

Ich kann nur für mich sprechen und darüber, was ich seitens Bank wahrnehme. Es ist ein bisschen wie beim Arzt. Kunden kommen zunehmend sensibilisierter und mit klareren Vorstellungen zu uns. Wurde das Thema vor Jahren noch stiefmütterlich behandelt, ist dieses nun in der Breite angekommen. Ich merke, dass viele Kunden heute bereit sind, energetisch zu modernisieren und somit auch etwas für die Umwelt zu tun. Sorgen bereiten ihnen die höheren Anfangsinvestitionen und die «Komplexität» bei den einzelnen Vorhaben. Hierbei können wir durch eine frühzeitige Planung unterstützen.

 

Raiffeisen betreibt selbst einen Gebäudepark. Wie nachhaltig ist dieser?

Die Gebäudeenergie ist der wichtigste Treiber für die CO2-Emissionen unseres Gebäudeparks. Der Heizungsersatz durch erneuerbare Energien steht bei Raiffeisen Schweiz neben der Eigenproduktion von Strom mit Photovoltaik im Fokus des betrieblichen Umweltmanagements. Die einzelnen Raiffeisenbanken werden bei der energetischen Modernisierung durch einen internen Klimafonds und durch eine dreisprachige Bauherrenberatung gezielt unterstützt.

Bis 2020 verfolgte Raiffeisen auf Gruppenebene das Klimaziel, die betrieblichen CO2-Emissionen im Vergleich zu 2012 um 30% zu reduzieren. Dieses Ziel haben wir erreicht. Neu will Raiffeisen im Betrieb bis 2030 Netto-Null erreichen. Netto-Null bedeutet, den CO2-Ausstoss so stark wie möglich zu reduzieren und den verbleibenden Ausstoss direkt aus der Atmosphäre entziehen zu lassen - auf natürliche oder technische Weise.

 

Zur Person

Roland Altwegg, Leiter Neue Geschäftsmodelle und Ökosysteme bei Raiffeisen Schweiz