Warum werden immer weniger Badezimmer gebaut?

Bis zu Vergabe einer Baubewilligung müssen diverse gesetzliche Vorgaben und Reglemente eingehalten werden. Zum Thema Badezimmer gibt es vergleichsweise mit anderen Räumen weniger Vorschriften. Umso mehr erstaunt es, das die Anzahl der Badezimmer pro Wohnungen immer weniger wird.

Gesetze und Reglemente

Bauherren müssen heute bei der Planung von Wohnungs-Neubauten eine schier unüberblickbare Vielzahl gesetzlicher Vorgaben einhalten, wollen Sie vom Staat eine Baubewilligung für ihr Vorhaben erhalten. Scheinbar jede Kleinigkeit ist bis ins letzte Detail genauestens reglementiert. Über Details, die das stille Örtchen betreffen, schweigt sich der Gesetzgeber (bisher) jedoch weitgehend aus. Entsprechend geniessen Bauherren vollkommene Freiheit, wenn es um die Frage geht, wie viele Badezimmer und WCs es denn in einer Wohnung sein sollen. Völlig wertfrei steht der Staat der Frage nach der richtigen Anzahl Sanitärräume pro Wohnung jedoch nicht gegenüber. Mit Hilfe des Wohnungsbewertungssystems (WBS) des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) kann die Qualität einer Wohnung eingeschätzt werden. Die „Anzahl Sanitärbereiche“ ist dabei in einem der 25 Kriterien zur amtlichen Qualitätseinschätzung berücksichtigt. Gemäss WBS sollte eine Wohnung ab vier Zimmern mindestens zwei Nasszellen haben, ab sieben Zimmern mindestens drei. Auf die sehr subjektive und doch eher normative Frage nach der richtigen Anzahl Badezimmer soll im Folgenden jedoch nicht weiter eingegangen werden, vielmehr auf harte Zahlen.

 

Klarer und interessanter Trend: Es werden immer weniger Badezimmer pro Wohnung gebaut.

Klarer und interessanter Trend: Es werden immer weniger Badezimmer pro Wohnung gebaut.

Noch im Jahr 2000 hatten beispielsweise nur rund 3% der neu erstellten 3- bis 3.5-Zimmer-Eigentumswohnungen lediglich eine Nasszelle. 20 Jahre später wird bereits bei der Hälfte aller Wohnungen mit dieser Zimmerzahl nur ein Badezimmer erstellt. Auch bei den grösseren Wohnungen zeigt sich diese Entwicklung. Praktisch alle 4- bis 4.5-Zimmer und 5- bis 5.5-Zimmerwohnungen wurden zur Jahrtausendwende mit mehr als einer Nasszelle erstellt. Heute wird ein Fünftel der 4 bis 4.5-Zimmer-Eigentumswohnungen mit nur einem Sanitärbereich ausgestattet. Bei den grossen 5 bis 5.5-Zimmerwohnungen sind es mittlerweile bereits etwa 12%. Wie erklärt sich diese neue Genügsamkeit?

 

Individualisierung als Megatrend

Einerseits reagiert der Markt damit auf den Megatrend der Individualisierung, der seit 150 Jahren zu immer kleineren Haushalten führt. Die äusserst zügige Reduktion der Anzahl Nasszellen in Neubauwohnungen innert zwei Jahrzehnten hat aber akutere Gründe als die doch eher geduldige und längst antizipierte Demografie. Und diese Gründe sind finanzieller Natur. Der Verzicht auf ein zweites oder drittes Badezimmer ist eine der wenigen Stellschrauben für Bauherren die Kosten für Neubauten zu reduzieren. Angesichts der Eigentumspreise, die seit über zwei Jahrzehnten deutlich schneller als die Einkommen steigen, müssen immer mehr Bauherren diesen Hebel betätigen und ein Badezimmer aus ihren Bauplänen streichen. Um heute noch marktfähige Eigentumswohnungen realisieren zu können, die unter den restriktiven Eigenkapital und Tragbarkeitshürden auch finanzierbar sind, werden solche Massnahmen mehr und mehr nötig. Wer heute noch ein Eigenheim erwerben will, muss an diversen Stellen Kompromisse eingehen. Sei es bei der Lage, der Grösse, dem Zustand – oder eben auch bei der Badezimmerzahl. 

 

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Über den Autor

Francis Schwartz

Francis Schwartz

Francis Schwartz ist Immobilienmarktanalyst bei Raiffeisen Schweiz. Er ist seit 2018 im Raiffeisen Economic Research tätig und analysiert Entwicklungen und Trends im Schweizer Immobilienmarkt. Francis Schwartz studierte an der Universität Zürich und war vor seiner Tätigkeit bei Raiffeisen für die Graubündner Kantonalbank in Chur und am Swiss Real Estate Institut der Hochschule für Wirtschaft in Zürich tätig.