Macht Wohneigentum glücklich?

Artikel 108 unserer Verfassung verpflichtet den Bund zur Förderung des selbstgenutzten Wohnungs- und Hauseigentums. Trotzdem leben gerade einmal 38% der Einwohner hierzulande in ihren eigenen vier Wänden. Mit dieser tiefen Wohneigentumsquote markiert die Schweiz das Schlusslicht in Europa – und zwar mit Abstand. Dank der tiefen Zinsen ist Kaufen heute viel günstiger als das Wohnen zur Miete. Trotz der attraktiveren Wohnkosten verharrt die Schweizer Eigentumsquote aber seit Jahren auf ihrem tiefen Niveau.

Lohnt es sich Wohneigentum zu fördern?

Dass Kaufen günstiger ist als Mieten ist aber kein Naturgesetz. Die ökonomische Lehrmeinung ist hier eigentlich ganz klar: In der langen Frist ist es für die Wohnkosten irrelevant, ob jemand mietet oder kauft. Denn auch für das Gut Wohnen gilt langfristig das Gesetz des einheitlichen Preises.

Auch volkswirtschaftlich spricht eigentlich wenig dafür, Wohneigentum gezielt zu fördern. Im Gegenteil: Diverse Studien deuten darauf hin, dass Länder mit hoher Eigentumsquote anfälliger sind für Immobilienblasen. Auch die Finanzstabilität sehen viele Ökonomen durch hohe Verschuldung von Eigenheimbesitzern stets gefährdet. Weiter lässt sich argumentieren, dass Mieten eigentlich die effizientere Form der Breitstellung von Wohnraum ist als Eigentum. Denn eine Pensionskasse mit hunderten Wohnungen kann dank Skaleneffekten und Professionalisierung Wohnungen natürlich günstiger verwalten und instand halten als ein Privater.

 

Studien deuten darauf hin, dass Länder mit hoher Eigentumsquote anfälliger sind für Immobilienblasen.

Das Bruttonationalglück

Warum ist Wohneigentumsförderung angesichts dieser erdrückenden ökonomischen Beweislast gegen eine hohe Eigentumsquote trotzdem wünschenswert und wieso hat sie es sogar in der Bundesverfassung geschafft?

Die Antwort darauf liefert die Glücksforschung und ist ganz einfach: Wohneigentum macht glücklich. Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen einen eindeutigen und hochsignifikanten Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und dem Besitz der eigenen vier Wände. Auswertungen von sogenannten Paneldaten, welche die gleichen Personen über eine längere Zeitperiode immer wieder befragen, zeigen, dass der Zusammenhang ursächlich ist, und nicht nur eine blosse Korrelation. Personen bei denen sich nichts an ihren Lebensumständen ändert, ausser dass sie von einer Miet- in eine Eigentumswohnung ziehen, sind nach dem Umzug nämlich glücklicher und zwar anhaltend.

Eine höhere Eigentumsquote steigert also vielleicht nicht das im isolierten Fokus der Ökonomen stehende Bruttonationalprodukt, sondern, und das ist viel wichtiger, das Bruttonationalglück.

Fragen Sie den Chefökonom

Ihr Formular ist bei uns angekommen. Vielen Dank!

Die Verarbeitung des Formulars ist fehlgeschlagen. Bitte versuchen Sie zu einem späteren Zeitpunkt nocheinmal, das Formular abzuschicken.

Ihr Formular ist bei uns angekommen. Vielen Dank! Jedoch konnte leider die Empfangsbestätigung an Ihre Email-Adresse {0} aufgrund eines technischen Fehlers nicht versandt werden.

 

 

Über den Autor

Francis Schwartz

Francis Schwartz

Francis Schwartz ist Immobilienmarktexperte bei Raiffeisen Schweiz. Er ist seit 2018 im Economic Research tätig und analysiert im Team von Chefökonom Martin Neff Entwicklungen und Trends im Schweizer Immobilienmarkt. Schwartz studierte an der Universität Zürich und war vor seiner Tätigkeit bei Raiffeisen für die Graubündner Kantonalbank in Chur und am Swiss Real Estate Institut der Hochschule für Wirtschaft in Zürich tätig.