Milizarbeit in der Schweiz

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21. Mai 2019

 

Das Milizsystem ist einer der zentralsten Pfeiler im politischen System der Schweiz – und zugleich einer der instabilsten. Denn in den letzten Jahren hat die Anzahl Miliztätiger stetig abgenommen und die Gemeinden klagen zunehmend über Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Gemeindepolitikerinnen und Gemeindepolitiker. Dazu diskutierte Politikwissenschaftler Markus Freitag (Universität Bern) bei der Buchvernissage seines neuen Buches «Milizarbeit in der Schweiz» am Dienstag, 21. Mai 2019 im Raiffeisen Forum Bern mit denjenigen, die es am besten wissen müssten: den Miliztätigen selbst. Moderiert wurde der Anlass von Martin Beglinger, Reporter bei der Neuen Zürcher Zeitung.
 

73 Prozent weniger Miliztätige als 1997 – mit dieser bemerkenswerten Veränderung konfrontiert Markus Freitag das Publikum gleich zu Beginn des Anlasses. Die Bereitschaft, ein politisches Amt zu übernehmen, scheint in der Bevölkerung zunehmend zu schwinden. Als wichtigster Grund nennt Markus Freitag dabei die Zunahme an zeitlicher und inhaltlicher Belastung, doch auch die Unterstützung durch die Arbeitgeber und die finanzielle Entschädigung seien schlecht. Ausserdem erhalte man im Milizamt wenig Anerkennung durch die Gesellschaft. Das bestätigt auch Nationalrätin Priska Seiler Graf, die von mehr und schärferen Angriffen durch die Öffentlichkeit und die Medien spricht. Stefan Müller-Altermatt, Nationalrat und Gemeindepräsident von Herbetswil, wirkt ebenfalls ernüchtert in der Beschreibung seiner Miliztätigkeit. Anfangs hätte er noch Ideen gehabt, wie er die Gemeinde verändern möchte. Die seien aber mit der Zeit versandet, im Gemeinderat gescheitert oder es hätte sich kein Geld zur Umsetzung gefunden. Trotz dieser desillusionierenden Erfahrung beschreibt er die Milizarbeit als sein schönstes politisches Amt.

Was die anwesenden Gemeindepolitikerinnen und Gemeindepolitiker ausserdem gemeinsam haben, ist die Freude an ihrem Amt. Immer wieder betonen sie, wie viel Spass ihnen ihre Arbeit macht und wie wichtig es ist, diese Leidenschaft zu zeigen. Sie identifizieren sich mit ihren Gemeinden und haben sich zum Ziel gesetzt, diese Verbundenheit auch in ihren Mitmenschen zu wecken. Ihnen geht es um das lokale Miteinander – vom Gemeindeblatt bis hin zum Vereinsleben.

Obschon die Gemeinden in den letzten Jahren zunehmend mit Rekrutierungsproblemen zu kämpfen haben, ist niemand bereit, das Milizsystem einfach so aufzugeben. In einer von Markus Freitag zitierten Umfrage hat sich ergeben, dass drei Viertel der Bevölkerung das Milizsystem beibehalten möchten. Auch die anwesenden Gäste bestätigen den Mehrwert, den die Miliztätigen durch ihre verschiedenen beruflichen Hintergründe in ihr Amt mitbringen.

Wie man dieses bereichernde System vor dem Niedergang retten kann, mit dieser Frage hat sich auch das Autorenteam des Buchs zur Milizarbeit befasst. Es wird über Geld gesprochen, denn obschon die Arbeit ehrenamtlich ist, sollen die Miliztätigen für ihren Arbeitsausfall entschädigt werden. Weitere Arten der Anreize werden diskutiert, von Arbeitszertifikaten bis hin zu ECTS-Punkten. Informationen, Veränderungen in der Gemeindeorganisation oder bessere Ausbildungen werden als weitere Lösungsansätze genannt. Nur den Amtszwang wollen die Anwesenden nicht als Ausweg anerkennen, denn das würde die Kapitulation des Milizsystems bedeuten.

Das Buch «Milizarbeit in der Schweiz» sorgt für Klarheit, wer weshalb einer Miliztätigkeit nachgeht, welchen Problemen die Gemeindepolitikerinnen und Gemeindepolitiker dabei begegnen und wie man diese lösen könnte. Es beschreibt Zustand und Zukunft der Milizarbeit in der Schweiz und schlägt Massnahmen zu deren Reform vor. Diese Vorschläge nun umzusetzen und das Milizsystem weiterhin zu erhalten, liegt aber vor allem in der Hand der Gemeinden.

Von Alina Zumbrunn

 

Zur Autorin: Alina Zumbrunn ist Masterstudentin der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern und arbeitet als Hilfsassistentin bei Prof. Dr. Markus Freitag am Lehrstuhl für Politische Soziologie.

Beim Text handelt es sich um eine gekürzte Version des am 23. Mai 2019 im Online-Magazin der Universität Bern publizierten Artikels.