Der attraktive Wirtschaftsplatz Schweiz

Weltklasse dank knallhartem Training

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In der Schweizer Wirtschaft läuft es rund, schreibt Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen Schweiz. Trotzdem müsse man auf dem Boden bleiben – weshalb, verrät er in dieser Kolumne.

In der Winzersprache würde man das Wirtschaftsjahr 2018 als Schweizer Spitzenjahrgang bezeichnen. Mit einem Wachstum von gut 2.5 % hat unsere Volkswirtschaft so viel zugelegt wie seit über einer Dekade nicht mehr. Es herrscht Vollbeschäftigung, die Inflation ist tief, die Arbeitslosenquote ebenso, und vom Frankenschock redet kaum jemand mehr. Selbst die arg gebeutelten Zweige der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie können auf ein hervorragendes Jahr zurückblicken. Und auch die Logiernächte haben wieder zugelegt, dies sogar schon seit 2016. 

Bauteile aus Stahl

Auch die arg gebeutelte Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie kann auf ein hervorragendes Jahr zurückblicken

Überall, wo ich in der Schweiz mit Leuten aus der Wirtschaft spreche – ich meine damit Unternehmerinnen und Unternehmer und nicht Politiker, Funktionäre oder Analysten –, bestätigen die mit Genugtuung, dass es aktuell rundläuft in der Wirtschaft. Das ist zweifellos erfreulich, Euphorie will aber keine aufkommen. Und das ist auch gut so. Wir müssen auf dem Boden bleiben. Denn auch wenn wir vieles richtig machen, vor allem aber vieles besser als andere Volkswirtschaften, profitieren wir davon nicht mehr wie früher.

 

Ausgeliefert wegen hoher Exportquote

Die Schweiz ist mehr und mehr Teilhafterin für die Fehler, die in anderen Staaten begangen werden. Und diese Fehler häufen sich leider. Als kleine offene Volkswirtschaft mit einer der höchsten Exportquoten der Welt sind wir auf Gedeih und Verderb anderen ausgeliefert. Und wenn bei denen etwas schiefläuft, haben wir hierzulande meist gleich ein doppeltes Problem.

Beispiele gefällig? Die Finanzkrise, bei der unsere Grossbanken zwar auch kräftig mitgemischt haben, aber deren Folgen wir dennoch rascher bewältigt haben als andere Industrienationen. Die Griechenlandkrise, die dazu führte, dass unsere Währung plötzlich so gesucht war wie nie zuvor. «Kleinere» Schocks wie die Annektierung der Ukraine, Atomraketen in Nordkorea, Wahlen in Europa mit ungewissem Ausgang, eine völlig verkorkste Regierungsbildung in Deutschland – unserem Haupthandelspartner –, der Handelskonflikt der USA mit China.

 

Am Franken zeigt sich die Stimmung

Egal was passiert, der Franken ist sofort wieder gesucht. Es reicht schon, dass die Börsen zittern, obwohl niemand recht weiss, warum, und prompt fliehen Investoren in den Franken. Der Schweizer Franken ist zum Seismografen der Stimmung an den globalen Finanzmärkten und der geopolitischen Unsicherheiten geworden. Eine starke Währung ist für eine Volkswirtschaft zweifellos ein Gütesiegel. Wenn sie aber zu stark wird, droht sie ein Land zu erdrücken. Vor allem ein Land wie die Schweiz, dessen Wohlstand am Tropf von Güter- und Dienstleistungsexporten hängt.

Der Wechselkurs bewegt zwar chronisch die Gemüter, das Jahr 2018 rief aber in aller Deutlichkeit in Erinnerung, dass er nicht das Mass der Dinge für unsere Exportzweige ist. Das Wachstum in den Abnehmerländern unserer Produkte und Dienste hat einen mehrfach höheren Einfluss auf die Exportperformance der Schweiz als der Wechselkurs. Das zeigen verschiedene Elastizitätsberechnungen, welche die Effekte einer Wachstumsbelebung (Verlangsamung) im Ausland den Effekten einer Abwertung (Aufwertung) des Frankens gegenüberstellen.

 

Schweiz läuft Weltrekord

Eindrücklich zeigt sich das beispielsweise im Tourismusgewerbe. 2016, ein Jahr nach dem Frankenschock, fassten die Übernachtungszahlen von Ausländern in der Schweiz wieder Fuss. Zwar notierte der Franken das ganze Jahr mehrheitlich unter 1.10 zum Euro, und doch kamen wieder vermehrt ausländische Gäste in die Schweiz, auch aus Europa. Dass sich der Euro dann bis ins Frühjahr 2018 sukzessive etwas erholte, war eine willkommene Zugabe, aber die grössten Impulse sandte die wiederbelebte europäische Konjunktur.

Gibt es zu dem jetzt Gesagten auch ein Fazit? Klar. Es lautet: Wir sind weit oben in der Exportweltrangliste dank eines harten Währungskonditionstrainings. Und wir laufen Weltrekord, wenn die Bedingungen wie 2018 optimal sind.

Zur Person Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Chefökonom Martin Neff

Martin Neff gehört zu den führenden Immobilienexperten in der Schweiz. Er ist seit Anfang 2013 bei Raiffeisen Schweiz. Neff studierte Volkswirtschaft an der Universität Konstanz. Von 1988 bis 1992 arbeitete er beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV) in Zürich, bevor er in die CS eintrat, dort das «Schweiz Research» aufbaute und seit 2008 Chefökonom war.