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Glimpflicher Ausgang der Ölkrise dank Energieeffizienz
- Der Iran-Konflikt verzögert die erhoffte Industrieerholung, bremst die Schweizer Wirtschaft aber nur wenig
- Dank stabiler Beschäftigungsentwicklung im Dienstleistungssektor und moderat steigender Reallöhne bleibt der inländische Konsum eine solide Wachstumsstütze
- Geringerer Energiekostenanteil und starker Franken lassen Inflation nur moderat steigen, Bruttoinlandprodukt dürfte 2026 um 0,8 Prozent wachsen
- Schweizer Wirtschaft ist dank hoher Energieeffizienz, weniger energieintensiver Produktion und hoher Kaufkraft weniger stark von der globalen Energiekrise betroffen
St.Gallen, 2. Juli 2026. Die Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz reduziert die Konjunkturrisiken für die Schweizer Wirtschaft. Sollten die Verhandlungen in eine dauerhafte Beilegung des Konflikts münden, eröffnen sich Chancen, dass die Schweiz die jüngste Ölkrise glimpflich überstehen kann. Nach einem guten ersten Quartal, in dem das Sportevent-bereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Quartalsvergleich überdurchschnittlich um 1,8 Prozent auf Jahresbasis zulegte und insbesondere das sonstige Verarbeitende Gewerbe nach dem Abschluss des US-Zoll-Deals mit einem Exportschub aufwartete, trübte der Iran-Krieg die Exporterwartungen erneut. Eine Mehrheit der Unternehmen berichtet von einer ungenügenden Nachfrage. «Gerade als es erste belastbare Anzeichen für das seit langem erhoffte Ende der europäischen Industrieflaute gab, sorgte der Iran-Krieg für eine abermalige Verschiebung der Erholung. Die jüngste Entspannung erhöht nun jedoch die Chancen, dass die Industrie in der zweiten Jahreshälfte doch wieder Tritt fasst», sagt Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile.
Binnennachfrage stottert, bleibt aber solide Wachstumsstütze
Die Schweizer Binnennachfrage startete insgesamt wenig dynamisch ins Jahr. Der private Konsum stagnierte. Nach einer zuvor dynamischen Entwicklung machten sich insbesondere Korrekturen im Detailhandel und im Gastgewerbe bemerkbar, nicht zuletzt beeinflusst vom Tourismus. Nach deutlichen Zuwächsen bis zum Jahreswechsel ist die Zahl der Logiernächte zuletzt sowohl bei inländischen als auch bei ausländischen Gästen saisonbereinigt gesunken. Dabei spielten teilweise ungünstige Witterungsverhältnisse für den Skitourismus eine Rolle, doch auch für die Sommersaison bleibt der Ausblick zurückhaltend. Der Iran-Konflikt dürfte zwar wieder für mehr Urlaub von Schweizerinnen und Schweizern im eigenen Land sorgen, doch es ist damit zu rechnen, dass gleichzeitig kaufkräftige Touristen aus der Golfregion und aus Asien wegfallen.
Robuste Kaufkraft stützt Konsum
Darüber hinaus zeigen sich die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten besorgter um ihren Arbeitsplatz. Der moderate Anstieg der Arbeitslosigkeit setzt sich mit der verzögerten Industrieerholung einstweilen fort. Die bisherigen Zahlen zu den Detailhandelsumsätzen und den Neuzulassungen von Personenwagen lassen für das zweite Quartal aber keine weitere Verlangsamung der Konsumdynamik erkennen. Die Umsatzerwartungen der Detailhändler haben sich jüngst sogar erholt – und dies bereits vor Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen den USA und dem Iran. Dank einer Stabilisierung des Beschäftigungsausblicks im Dienstleistungssektor kann zudem die Beschäftigung wieder etwas zulegen. Zusammen mit einem moderaten Anstieg der Reallöhne dürfte der Konsum im weiteren Jahresverlauf daher eine wichtige Wachstumsstütze bleiben. Die Schweizer Konsumentenpreise steigen trotz des Energiepreisschubs nur massvoll an. Obwohl gleichzeitig die Lohndynamik durch den schwächeren Arbeitsmarkt gedämpft wird, kann sich nach Einschätzung der Raiffeisen-Ökonomen die Kaufkraft weiter positiv entwickeln. Der begrenzte Preisdruck lässt bei der Schweizerischen Nationalbank kaum Inflationssorgen aufkommen. Sie verortet das Hauptrisiko in der globalen Nachfrage und beim Wechselkurs. «Eine Abkehr von der stützenden Nullzinspolitik steht damit nicht so schnell auf der Agenda» ist sich Fredy Hasenmaile sicher und ergänzt: «Die tiefen Zinsen bleiben ein wichtiger Stabilitätsfaktor für die Schweizer Wirtschaft. In anderen Ländern hingegen ist der Handlungsdruck auf die Notenbanken viel grösser.»
Energieeffizienz als unterschätzter Stabilisator
Einmal mehr kommt die Schweizer Wirtschaft einigermassen glimpflich durch eine von aussen aufgezwungener Krise. Die negativen Auswirkungen der Ölkrise fallen erneut spürbar schwächer aus als in den meisten anderen Ländern. Dies liegt an der im internationalen Vergleich aus mehreren Gründen sehr hohen Energieeffizienz der hiesigen Wirtschaft. Erstens zwingt der chronisch starke Franken das Verarbeitende Gewerbe zu einer kontinuierlichen «Fitnesskur», die nebenbei auch den Energieeinsatz optimiert. Zweitens konzentriert sich die Schweizer Industrie seit längerem vermehrt auf die Herstellung weniger energieintensiver Produkte.
Dagegen verbrauchen die Schweizer Haushalte im Vergleich nicht weniger fossile Brennstoffe und beim Heizen schneiden die südeuropäischen Länder aufgrund der klimatischen Bedingungen sogar besser ab. Auch im Verkehrsbereich sind die Schweizer nicht sparsamer. Zwar wird hierzulande wesentlich mehr mit dem Zug verkehrt, doch eine im Durchschnitt übermotorisierte Automobilflotte macht die Energieeinsparungen des öffentlichen Verkehrs wieder zunichte. Obwohl die Haushalte nicht weniger Energie verbrauchen, machen die Energiekosten aufgrund des höheren Schweizer Preis- und Wohlstandsniveaus insgesamt einen wesentlich geringeren Anteil an den Konsumausgaben aus. Daher wirkt sich ein globaler Energiepreisschock weniger stark auf die Kaufkraft aus.
Auch wenn der erneute Energiepreisschub hierzulande also weniger stark ins Gewicht fällt, dürfte er den Trend zu mehr Energieeffizienz weiter fördern. Dazu trägt unter anderem die weniger interventionistische Schweizer Wirtschaftspolitik bei, während in anderen Ländern Energiekosten verstärkt subventioniert werden. Infolgedessen gehört die Schweiz gemäss den Raiffeisen-Ökonomen zu den Ländern mit den höchsten Industriestrompreisen in Europa, was den Strukturwandel hin zu weniger energieintensiven Tätigkeiten weiter vorantreibt.