Der attraktive Wirtschaftsplatz Schweiz

Wie sich der sekundäre Sektor wandelt

Drucken

Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff ist über die Entwicklung in der Produktivität des zweiten Wirtschaftssektors erfreut. Der Immobiliencrash in den 90er Jahren hat den Arbeitsmarkt verändert. Die Veränderungen reichen von veränderten Berufsbildern bis zur aufkommenden Wichtigkeit von Dienstleistungen auch im Gewerbe. Wie sich die KMU den Veränderungen gestellt haben, lesen Sie in seiner Kolumne.
 

Der klassische Handwerker

Es war mir schon immer ein Greuel, wenn zu Hause etwas nicht funktionierte. Denn was gibt es Schlimmeres, als Handwerker im Haus zu haben? Freiwillig würde man sie kaum ins Haus bitten, schon gar nicht in aller Herrgottsfrühe. Für einen Morgenmuffel, der ich nun mal bin, ist es schon fast die Höchststrafe. Ab 7 Uhr – manche kommen tatsächlich so früh – fit und munter bereitzustehen und eine möglichst gute Miene zu machen, war noch nie mein Ding.

Und so stehst du da und wartest. Und du wartest und wartest und denkst: Pünktlichkeit ist eine Tugend. Sind sie dann endlich eingetroffen, schleppen sie dir erst mal Dreck in die Wohnung und brauchen eigentlich fast immer länger als angekündigt. Wenn sie beim ersten Termin überhaupt fertig werden, was leider selten der Fall ist, da sie zum Beispiel das falsche Ersatzteil mitgebracht haben oder weil sie plötzlich noch zu einer anderen Baustelle aufbrechen müssen.

 

Wandel auf dem Arbeitsmarkt

Apropos Baustelle: In meiner Studienzeit war ich in den Semesterferien wiederholt als Handlanger auf Baustellen tätig. Mein erster Auftrag lautete stets: Besorgt zu sein, dass genug Bier in der Pausenhütte lagerte. Sie merken schon, hier ist von alten Zeiten die Rede. Heute sieht es ganz anders aus. Im verarbeitenden Gewerbe hat der durch den Immobiliencrash ausgelöste Tsunami der 90er-Jahre massenhaft Stellen gekostet, insgesamt fast 200'000. In der Bauwirtschaft verschwanden rund 40'000 Arbeitsplätze. Etwa genauso viele neue Stellen entstanden in der öffentlichen Verwaltung, im gesamten tertiären Sektor weit über 700'000. Die Industrie wandelte sich derweil von der traditionellen zur Spitzenindustrie. Die Massenindustrie verabschiedete sich endgültig von der Schweiz. Damit stieg auch der Dienstleistungsanteil im verarbeitenden Gewerbe bzw. in der Industrie.

 

Enorme Produktivitätssteigerung im sekundären Sektor

Stellt man den Daten der Beschäftigung die Wertschöpfung der beiden Sektoren gegenüber, bleibt nur ein Schluss: Die Produktivitätsentwicklung im Dienstleistungssektor ist lausig, denn die Produktivität ist mit wenigen Ausnahmen kaum gestiegen. Der sekundäre Sektor dagegen hat enorme Produktivitätsfortschritte erzielt. Selbst die Bauwirtschaft hat ihre Produktivität massiv gesteigert. Ohne Druck von aussen geht offenbar nichts. Wir Ökonomen nennen das exogene Schocks.

Werkzeug

KMU mussten sich anpassen

Der Druck zur Anpassung lastete besonders stark auf den produzierenden KMU. Der personelle Aderlass war entsprechend gross, aber die Betriebe reagierten erstaunlich flexibel. Neben Produktion und Auslieferung traten Beratung, Betreuung und andere Serviceleistungen, sogenanntes After-Sales-Management in den Fokus. Das kann die Kundenzufriedenheit steigern und vermeiden, dass es zu Nachkauf- Dissonanzen kommt. Das Schlimmste, was einem Unternehmen passieren kann, ist ein enttäuschter Kunde, der andere wissen lässt, dass er sich – hätte er geahnt, was ihn erwartet – nie für dieses Produkt oder diesen Anbieter entschieden hätte. Kommt es einmal so weit, ist matchentscheidend, wie schnell und wie Mängel beseitigt werden, ansonsten prangt heute schnell einmal der Kuckuck an der Tür.

Der klassische «Handwerker», der unter anderem bei uns zu Hause hilft, irgendwelche Schäden zu beseitigen, ist heute ein Aushängeschild der Firma. Und in der Tat ist das heute auch sicht- und spürbar. Unlängst musste ich mal wieder früh aus den Federn wegen einer Dunstabzugshaube, die ihren Dienst versagte. Pünktlich um 7:30 Uhr klingelte es. Der Servicefachmann – früher Handwerker – zog ungefragt Plastiküberschuhe an, bevor er die Wohnung betrat. Sodann schritt er zur Arbeit, und – Digitalisierung lässt grüssen – er wusste genau, wo ansetzen, denn er kannte Modell, Seriennummer und wohl auch die häufigsten Mängelursachen. Wenige Handgriffe und ein Ersatzteil brachten die Haube wieder auf Vordermann. 

Das Ganze dauerte keine 20 Minuten. Ich war sehr angetan, so sehr, dass ich dem guten Mann noch einen Kaffee anbot und lobend Feedback gab. Besonders freute mich natürlich, dass die ganze Übung so rasch über die Bühne gegangen war, worauf er entgegnete: «Ich war eigentlich schon kurz nach 7 Uhr bei Ihnen, wollte aber so früh nicht stören.» Was für ein Service, von wegen Handwerk!

 

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen, gehört zu den führenden Immobilienexperten in der Schweiz. Er ist seit Anfang 2013 bei Raiffeisen Schweiz. Neff studierte Volkswirtschaft an der Universität Konstanz. Von 1988 bis 1992 arbeitete er beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV) in Zürich, bevor er in die CS eintrat, dort das «Schweiz Research» aufbaute und seit 2008 Chefökonom war.