Industrie 4.0 verstehen und umsetzen

Eine starke Partnerschaft für den Schweizer Wirtschaftsplatz

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Die MEM-Industrie ist eine der wichtigsten für den Wirtschaftsplatz Schweiz. Matthias Waibel, Geschäftsführer RUZ Schweiz, erzählt im Interview, weshalb das RUZ Partner von Swissmem ist, wieso die MEM-Branche überdurchschnittlich vom Fachkräftemangel betroffen ist und wie die World Skills, die internationale Berufsmeisterschaft der MEM-Berufe, den Kampf gegen den Fachkräftemangel unterstützen kann.
 

Matthias P. Weibel, Geschäftsführer RUZ Schweiz

Matthias P. Weibel, Geschäftsführer RUZ Schweiz

Matthias Weibel, warum ist das RUZ Partner der Swissmem, wenn es um die Selektionsverfahren und Vorbereitungsarbeiten für die World Skills geht?

Matthias Weibel: Das RUZ engagiert sich dafür, dass industrielle Berufsbilder wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten, gerade bei Jugendlichen. Eine Berufslehre in der MEM-Industrie (MEM = Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie) muss den Vergleich mit einer akademischen Ausbildung nicht scheuen. Sie kann der ideale Start in eine unternehmerische Laufbahn sein. Gerade in kleineren und mittleren Industrie-Unternehmen, die seit mehreren Generationen durch Familienmitglieder geführt werden, können auf diesem Weg die Kinder für die Nachfolge begeistert werden. Die World Skills sprechen den Ehrgeiz und die Emotionen junger Berufsleute an. Damit unterstreichen sie die Einzigartigkeit unseres dualen Berufsbildungssystems und die ausgezeichneten Karrierechancen nach einer Berufslehre in der Schweiz. Darum sind wir Partner von Swissmem.

 

Sprechen wir den Fachkräftemangel in der Schweiz an. Wie stark sind die Berufe in der MEM-Branche davon betroffen?

M.W.: Die MEM Branche ist überdurchschnittlich stark vom Fachkräftemangel betroffen. Der demographische Wandel verschärft die Situation. Es gilt daher auf verschiedenen Ebenen aktiv zu werden: Zum einen wie erwähnt beim Berufsbild, das Jugendliche für Industrieberufe begeistern soll, aber auch – und das ist genauso wichtig – bei der Entwicklung aller anderen Altersstufen. Bei Swissmem arbeitet man mit Hochdruck an Umschulungsinitiativen, die Erwachsene mit einer abgeschlossenen Erstausbildung eine Zweitausbildung in einem neuen Berufsfeld ermöglichen (MEM-Passarelle). Darüber hinaus sind im neuen Gesamtarbeitsvertrag der MEM-Industrie verschiedene Massnahmen zur Förderung und Weiterbildung der Mitarbeitenden verankert worden, welche die Attraktivität der MEM-Branche als Arbeitgeberin erhöhen. Dies alles soll mithelfen, dass auch in Zukunft genügend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen und dem Mangel entgegenzuwirken.

 

Welche Berufe in der MEM-Branche sind am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen?

M.W.: Der Fachkräftemangel betrifft Informatiker, Ingenieure und Techniker mit höherer Ausbildung sowie technische Fachkräfte wie beispielsweise Polymechaniker und Konstrukteure. Dies zeigen diverse Erhebungen und Studien der letzten Jahre.

 

Was können die WorldSkills bei dieser Herausforderung bewirken?

M.W.: Dass diese Berufe auch medial eine grosse Aufmerksamkeit bekommen, sensibilisiert die Bevölkerung für die Wichtigkeit der Berufslehre und stachelt die jungen Berufsleute in ihrem Ehrgeiz an. Die ursprüngliche Idee in den 40er Jahren der damaligen «internationalen Berufsmeisterschaften» war, neue Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen in einigen der vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Volkswirtschaften zu schaffen. Heute sind die Meisterschaften eine von vielen Massnahmen, dem Fachkräftemangel zu begegnen.

 

Kommen wir zurück zur MEM-Industrie: Welche Bedeutung hat die Branche für den Wirtschaftsstandort Schweiz?

M.W.: Eine sehr hohe! Die MEM-Industrie ist eine facettenreiche und innovative Hightech-Branche. Zahlreiche Schweizer Unternehmen zählen zu den weltweit führenden Anbietern von technologisch hochstehenden Produkten und Dienstleistungen. Mit ihren Lösungen schaffen sie Mehrwert in so unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen wie der Energieerzeugung und -übertragung, im Maschinenbau, der Medizintechnik, aber auch in den Bereichen der Mobilität und Sicherheit. Die MEM-Industrie erwirtschaftet 9-10 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Sie ist die grösste industrielle Arbeitgeberin und beschäftigt weltweit 1 Million Mitarbeitende, davon 320'000 und 20'000 Lernende in der Schweiz. Die Branche leistet mit Ausfuhren im Wert von 66,7 Milliarden Franken fast einen Drittel der gesamten Güterexporte. Sie sehen, ohne MEM-Industrie keine Schweiz.

 

Abgesehen vom Engagement bei den WorldSkills: In welche Themen investiert das RUZ um die MEM-Branche zu stärken?

M.W.: Für uns zählt der Erfolg, den wir Industrieunternehmen durch unser Engagement bringen. Dabei fokussieren wir uns mit unseren Teams auf diejenigen Themen, die für Schweizer KMU letztlich relevant sind: Entwicklung von Strategien und Geschäftsmodellen, Innovationen und Digitalisierung, Optimierungen von Prozessen, Erfolg am Markt und Nachfolge. Schliesslich unterstützen wir Unternehmen auch bei «Querschnittsthemen» wie Führung und Kommunikation und der Anbahnung und Strukturierung konkreter Finanzierunglösungen. Gerade Letzteres ist für viele MEM-Unternehmen ein ganz wichtiges Anliegen: Mit den Branchenverbänden Swissmem und Swissmechanic bieten wir gemeinsame Workshops an, bei denen es auch um die Finanzierung von Industrie 4.0-Projekten oder das Verhältnis zur Bank geht. Wir begleiten die Unternehmer als Schnittstelle zwischen Bank und Unternehmern. Das kommt sehr gut an.

Häufig fehlen bei einer Berufslehre – speziell auch im handwerklichen Bereich – die Perspektiven. Ein möglicher Ansatz wäre das Berufsbild des «Unternehmers» in der Oberstufenschule zu forcieren. Wie sehen Sie das?

M.W.: Ein kürzlich vom RUZ in Auftrag gegebene Diplomarbeit (der eine quantitative Befragung von Unternehmern, Lehrpersonen und Raiffeisen-Vertretern zu Grunde liegt) zeigt, dass in der Oberstufe keine Zeit dafür eingesetzt wird, das Berufsbild des Unternehmers zu stärken. Dies wird insbesondere von KMU-Inhabern kritisiert – weil damit das grosse Potenzial einer Berufslehre nicht aufgezeigt wird. Die befragten Lehrkräfte waren der Meinung, dass es nicht Aufgabe der Schule ist, Unternehmer auszubilden oder die Lernenden an diese Herausforderung heranzuführen. Meine persönliche Meinung ist, dass Jugendlichen aufgezeigt werden muss, was mit einer soliden Berufslehre mit anschliessenden Weiterbildungen alles möglich ist – und dass der Schritt ins Unternehmertum die eigene Persönlichkeit entwickelt und das Leben bereichert. Darum gefällt mir beispielsweise das Engagement des Gewerbeverbands Basel mit dem Unternehmer Campus Basel besonders gut. Hier werden interessierte, motivierte und leistungsbereite junge Menschen an die Aufgabe als Unternehmer/-in herangeführt. Eine spannende Idee, die schweizweit ausgerollt werden müsste. Hier beginnen die «Unternehmer von morgen» ihren Weg in die Zukunft.