Ohne Grenzen – Der wachsende US-Schuldenberg

Im Fokus: USA gegen China – Mehr als (nur) ein Handelskrieg

Die Auseinandersetzung zwischen den USA und China ist in den letzten Wochen weiter eskaliert. Eine schnelle Einigung wird immer unwahrscheinlicher, denn der Konflikt ist mehr als (nur) ein Handelskrieg. Schon heute ist klar, dass der Schlagabtausch in diesem Jahr auf beiden Seiten Wirtschaftswachstum kosten wird.

Das Thema der Stunde – Der «Handelskrieg» ist in aller Munde

Was im Januar 2018 mit scheinbar harmlosen Zöllen auf Waschmaschinen und Solarmodule begann, hat sich inzwischen zu etwas deutlich Grösserem ausgeweitet. Was folgte waren nämlich nicht nur weitere (Straf-)Zölle der USA auf Stahl- und Aluminiumimporte aus aller Herren Länder. Vielmehr begann US-Präsident Donald Trump – selbsternannter «Zoll Sheriff» («tariff man») – ab Sommer letzten Jahres damit, eine regelrechte Zoll-Spirale aufzuziehen.

Google-Trend («trade war»)*

*Relatives Suchinteresse, 100 = höchste Suchaktivität Quelle: Google, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Im Visier der Vereinigten Staaten ist seitdem fast ausschliesslich ihr zugleich grösster Wirtschaftsrivale: China. Nach elf Verhandlungsrunden riss Trump Anfang Mai (erneut) der Geduldsfaden. Da die Chinesen bei vormals gemachten Zusagen zurückkrebsten, erhöhten die USA die Strafzölle auf Importe aus China im Wert von 200 Milliarden US-Dollar von 10 auf 25 %. Die Reaktion Chinas folgte unverzüglich. Seit diesem Monat sind nun nahezu alle US-Exporte nach China (rund 160 Milliarden US-Dollar) mit Strafzöllen von durchschnittlich knapp 17 % belastet. Die (Handels-) Auseinandersetzungen zwischen den beiden Riesenmächten haben damit zuletzt eine neue Eskalationsstufe erreicht. Kein Wunder, dass der «Handelskrieg» derzeit das Thema der Stunde ist.

Nur scheinbar ein Erfolg – Strafzölle füllen die Staatskasse

Dass ein solcher Handelskrieg in der Regel keinen Gewinner, sondern vielmehr Verlierer auf beiden Seiten hervorbringt, ist eigentlich nichts Neues. Dies insbesondere in der heutzutage stark globalisierten (Wirtschafts-)Welt, in der die Produktionsketten eng miteinander verzahnt und rund um den Globus verteilt sind. Auf den ersten Blick mag es zwar so aussehen, als ob der US-Präsident seinen Wählern die Trump‘sche «Handelsstrategie» tatsächlich als Erfolg verkaufen könnte.

US-Staatseinnahmen durch Zölle

Quelle: US Bureau of Economic Analysis, Raiffeisen Schweiz CIO Office.

Denn tatsächlich nehmen die Vereinigten Staaten durch die erhöhten Zölle massiv mehr Geld ein: Im ersten Quartal beliefen sich die Zolleinnahmen auf rund 75 Milliarden US-Dollar, doppelt so viel wie nur zwei Jahre zuvor – und inzwischen immerhin 3.6 % aller Staatseinnahmen. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Einschätzung als Trugschluss. Verschiedene kürzlich veröffentlichte Studien dokumentieren nämlich, dass allein die Konsumenten und Unternehmen in den USA die Zeche für die Strafzölle zahlen.

Die chinesischen Exporteure haben ihre Preise hingegen nicht spürbar gesenkt. Und nicht nur dies – auch bei eigentlich gar nicht von Zöllen belasteten Produkten gab es zum Teil Preiserhöhungen. Das Paradebeispiel ist hier wiederum die Waschmaschine: Nicht nur deren Preis wurde im Schnitt um 12 % erhöht, sondern im gleichen Mass auch der Preis für den meist gleichzeitig verkauften Wäschetrockner.

Chinesischer Käuferstreik … lässt den Preis für Sojabohnen purzeln

Besonders sichtbar sind die Auswirkungen des Handelskriegs schliesslich bei den Agrarrohstoffen: Da China als Käufer nahezu komplett vom Markt verschwunden ist, fiel der Preis für Sojabohnen zuletzt auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren. Selbst wenn der Konflikt mit China nicht noch weiter eskalieren sollte, dürfte er die US-Wirtschaft dieses Jahr rund 0.2 %-Punkte an Wirtschaftswachstum kosten. Mindestens in der gleichen Grössenordnung wird der Verlust auf chinesischer Seite ausfallen. Dies aber auch nur, weil die Regierung im Reich der Mitte erneut diverse Stimulierungsmassnahmen ergriffen hat und eigentlich geplante Reformmassnahmen abschwächen wird.

Im Vergleich zu den USA ist China nämlich deutlich stärker vom Aussenhandel abhängig und somit anfälliger. Und auch im Rest der Welt hinterlässt der Handelskonflikt seine Spuren. Die Stimmung in den Führungsetagen der Unternehmen sinkt, ebenso wie die Bereitschaft für neue Investitionen. Derweil steigt bei allen Wirtschaftsakteuren die Unsicherheit, ebenso wie die Risikoaversion bei den Händlern an den Finanzmärkten.

Die Entwicklung der Märkte steht und fällt in den kommenden Wochen mit dem Potential für einen «Deal» zwischen den zwei weltgrössten Volkswirtschaften. Nahezu ausgeschlossen ist aus unserer Sicht inzwischen aber, dass es bald einen Kompromiss geben wird, der für beide Seiten befriedigend ist und der alle bisherigen Stolpersteine – von erzwungenem Technologietransfer, über die Subventionierung chinesischer (Staats-)Unternehmen bis hin zu Sanktionierungsmechanismen beim Verstoss gegen die getroffenen Abmachungen – beseitigt.

Preis für den Terminkontrakt auf Sojabohnen in US-Dollar

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office.

China holt auf – Vormachtstellung der USA in Bedrängnis

Denn Donald Trump hält die US-Wirtschaft für stark genug um «seinen Krieg» zu gewinnen. Wer darauf setzte, dass er beim Versprechen der Chinesen mehr Sojabohnen und Boeings zu kaufen schnell einknickt, wurde bisher enttäuscht. Angesichts der bevorstehenden US-Wahlen 2020 nimmt selbst von demokratischer Seite her der Druck zu, weiter Härte gegen China zu zeigen.

Im Reich der Mitte hat der Konsens in den letzten Wochen ebenfalls gedreht. Den Anschein, dass man sich von den USA in die Ecke drängen lässt, möchte man tunlichst vermeiden. Immer offensichtlicher wird zudem, dass es um mehr als (nur) einen Handelskrieg geht und es eine Illusion wäre, in absehbarer Zeit eine «Lösung» zu erwarten.

China hat in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich und militärisch stark aufgeholt und stellt die geopolitische und wirtschaftliche Vorherrschaft der USA in Frage. Der chinesische Staat hat das Ziel ausgegeben in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, Telekommunikation und Biotechnologie in wenigen Jahren weltweit führend zu sein und versucht zudem den Einfluss im pazifischen Raum stetig auszubauen. Die USA wollen dieser Entwicklung nun ernsthaft einen Riegel vorschieben. Unabhängig von den eher kurzfristigen handelspolitischen Fragen dürfte dieses Thema das kommende Jahrzehnt stark prägen.

Wirtschaftsleistung Chinas im Verhältnis zu den USA

Quelle: Bloomberg, IWF, Raiffeisen Schweiz CIO Office.

Der CIO erklärt: Was heisst das für die Schweiz?

Der Handelskonflikt betrifft die Schweiz bisher vor allem indirekt. «Als kleine, stark exportorientierte Volkswirtschaft sind wir allerdings in einem erheblichen Masse auf offene Märkte und freien Handel angewiesen. So versucht der Bundesrat zurzeit sowohl mit China als auch den USA in Verhandlungen zu neuen Freihandelsabkommen einzutreten. Diese Strategie ist richtig: Nach Deutschland als wichtigstem Handelspartner gingen 2018 16.3 % der Ausfuhren in die USA, China folgt mit einem Anteil von 5.2 % bereits an fünfter Stelle. Diverse Schweizer Unternehmen haben zudem in den letzten Jahren viel in China investiert und Produktionsstätten aufgebaut. Die Direktinvestitionen beliefen sich per Ende 2017 auf insgesamt 22.3 Milliarden Franken und nehmen weiter stark zu. Aufgrund der engen globalen Verflechtung würde eine Eskalation im Handelskonflikt (inklusive Ausweitung auf Europa) die Schweiz entsprechend stark negativ tangieren», erklärt Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz.

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz