News
- Medienmitteilung
- Unternehmertum
Ölkrise 1973 und heute: Was sich in 50 Jahren verändert hat
- Ölkrise 1973 löste tiefe Rezession, massive Inflation und Strukturwandel aus
- Schweiz heute dank jahrzehntelanger Strukturanpassung widerstandsfähiger und weltweit im Spitzenfeld bei Energieeffizienz
- Schweizer Wirtschaft kommt selbst bei anhaltend hohen Energiepreisen nicht zum Erliegen
- Abhängigkeit von Erdgas und Erdöl beim Energieverbrauch immer noch bei 58 Prozent
St.Gallen, 12. Mai 2026. Die aktuelle Energiekrise erinnert in vielerlei Hinsicht an die Ölkrisen der 1970er Jahre. 1973 traf ein plötzlicher Ölpreisschock eine damals völlig unvorbereitete Schweiz, die stark von Erdöl abhängig, energieintensiv und schlecht diversifiziert war. Die wirtschaftlichen Folgen waren einschneidend und nachhaltig. Eine neue Analyse von Raiffeisen Economic Research zeigt: Die Schweiz steht heute strukturell weitaus stärker da und kann mit einer erneuten Ölkrise deutlich besser umgehen. Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen bleiben aber bestehen. «Die Ölkrise von 1973 traf die Schweizer Wirtschaft überaus hart. Heute ist die Ausgangslage dank jahrzehntelangem Strukturwandel viel weniger brisant», erläutert Fredy Hasenmaile, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz.
1973: Ausgeprägte Öl-Abhängigkeit und harter Einbruch
Anfang der 1970er‑Jahre deckte Erdöl rund 80 Prozent des Schweizer Endenergieverbrauchs. Öl galt als nahezu unbegrenzt verfügbar, der Verbrauch hatte sich hierzulande zwischen 1950 und 1970 verzehnfacht. Der Preisschock von 1973, ausgelöst durch ein Ölembargo der OPEC-Staaten, führte zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) schrumpfte 1975 um rund sieben Prozent, die Inflation erreichte mit knapp zehn Prozent historische Höchstwerte und im Industriesektor gingen zwischen 1970 und 1980 rund 244’000 Arbeitsplätze verloren. Die Krise löste einen abrupten Strukturwandel aus und prägte sowohl die Schweizer als auch die internationale Energiepolitik über Jahrzehnte.
2026: Hohe Energieeffizienz dämpft die Kriseneffekte
Mehr als fünfzig Jahre später ist die Ausgangslage grundlegend anders. Der Öl-Anteil am Energieverbrauch liegt heute bei rund 46 Prozent und die Energieintensität der Schweizer Wirtschaft hat sich seit den 1970er‑Jahren mehr als halbiert. Dadurch hat sich der Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Trotz einer Verdoppelung der Bevölkerung und einer Vervierfachung des realen BIP ist der absolute Energieverbrauch rückläufig. Heute zählt die Schweiz zu den energieeffizientesten Volkswirtschaften weltweit und benötigt deutlich weniger Energie für einen Franken Wirtschaftsleistung als der globale wie auch der europäische Durchschnitt. Entsprechend reagieren Wirtschaft und Preise heute weniger empfindlich, obwohl der durch den Iran-Krieg verursachte Ölangebotsschock grösser ist als derjenige in den 70er-Jahren. Ein Ölpreisanstieg von zehn Prozent dämpft das BIP-Wachstum der Schweiz nur noch um etwa 0,05 Prozent und entfaltet damit lediglich ein Zehntel der Wirkung von 1973. Auch der Inflationseffekt fällt deutlich geringer aus als damals.
Rezession droht trotz Energiekrise nicht
Für den weiteren Verlauf der aktuellen Krise hat Raiffeisen Economic Research mehrere Szenarien berechnet. Je nach Entwicklung und Dauer erhöhter Ölpreise wird für das Jahr 2026 weiterhin ein reales BIP‑Wachstum von rund 0,5 bis 1,0 Prozent erwartet. Selbst im ungünstigsten Szenario bleibt der Wachstumspfad positiv und damit deutlich robuster als während der Ölkrise der 1970er‑Jahre. «Trotz der aktuellen Ölkrise bleibt die Schweizer Wirtschaft auf Wachstumskurs. Unsere Szenarien zeigen, dass selbst bei anhaltend hohen Energiepreisen ein gebremstes, aber immer noch leicht positives Wachstum möglich ist», führt Fredy Hasenmaile aus.
Strukturwandel wirkt und verlagert Abhängigkeiten
Die Analyse zeigt aber auch, dass weiterhin Abhängigkeiten bestehen und die Transformation zu einer energieautarkeren Schweiz noch unvollendet bleibt. Die Eidgenossenschaft importiert nach wie vor 68 Prozent der genutzten Energie, vor allem Erdöl und Erdgas. Während die Wirtschaft und insbesondere die Industrie ihre Ölabhängigkeit durch Effizienzgewinne und strukturelle Verschiebungen markant reduziert haben, bleibt der fossile Energieverbrauch bei Haushalten und insbesondere im Verkehr hoch. Rund drei Viertel des gesamten Ölverbrauchs entfallen heute auf den Verkehr, der Rest geht zu einem grossen Teil auf Ölheizungen zurück.
Gleichzeitig hat sich der Exportanteil am BIP seit 1970 fast verdoppelt, wodurch die Schweiz heute wesentlich stärker von der globalen Konjunktur abhängig ist. Ein weltweiter Wirtschaftsabschwung kann die Schweiz daher auch dann treffen, wenn die Energiepreise für die inländische Produktion grundsätzlich verkraftbar sind. Ein Teil der Abhängigkeit ist demnach geblieben und hat bloss die Form gewechselt.
Krisengewinner und Chancen für Transformation
Die aktuelle Energiekrise bringt auch potenzielle Gewinner hervor. In der Schweiz ist dies insbesondere der Rohstoffhandel. Drei der weltweit führenden Rohstoffhändler haben ihren Sitz in der Schweiz. Sie profitieren von erhöhter globaler Volatilität und haben dies bereits in früheren Krisen unter Beweis gestellt. Zwar macht der Sektor nur einen kleinen Teil der Gesamtbeschäftigung aus, in einzelnen Regionen trägt er jedoch spürbar zu höheren Steuereinnahmen bei. Zudem kann er in Krisenzeiten eine stabilisierende Wirkung auf das BIP ausüben.
Die heutige Schweiz ist energieeffizienter, diversifizierter und institutionell stabiler. Trotzdem ist sie vor neuen Energiekrisen nicht völlig gefeit, wie der Beginn des Ukrainekriegs 2022 gezeigt hat. Auch die aktuelle Krise kann wie die Ölkrisen der 70er-Jahre als Anlass dienen, die Transformation weiter zu treiben und die Schweiz noch unabhängiger, energieeffizienter und resilienter aufzustellen.