Vorsorgeberatung: Gute Planung ist die halbe Zukunft!

Herausforderungen Vorsorgesystem Schweiz

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Demografischer Wandel, ein sich verändernder Arbeitsmarkt und moderne Ansprüche an die Lebensführung stellen das Vorsorgesystem der Schweiz in den nächsten Jahren vor grosse Herausforderungen. Wo die Schweiz sich aktuell im internationalen Vergleich einordnet, wie Institutionen und Versicherungsnehmer den anstehenden Aufgaben adäquat begegnen können und welche Chancen sich aus dem Wandel ableiten lassen – grosse Fragen, die uns die strategische Beraterin Monika Biehle mit fundierter Fachkenntnis beantwortet.
 

Monika Biehle: Wie gesund ist unser Vorsorgesystem?

Das schweizerische Vorsorgesystem bietet mit seinem  Drei-Säulen-Prinzip einen guten Mix aus Umlagefinanzierung (AHV), Kapitaldeckungsverfahren (Pensionskasse) und individuellem Sparen (Säule 3a). Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, um die Herausforderungen der ständig steigenden Lebenserwartung, der anhaltenden tiefen Zinsen und der zunehmenden finanziellen Belastungen durch demografische Entwicklungen zu meistern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Schweizer Vorsorgesystem im internationalen Vergleich gut abschneidet und im Melbourne Mercer Global Pension Index 2017 den 8. Platz* belegt. Trotzdem muss dem System Sorge getragen und den Herausforderungen mittels Reformen begegnet werden, damit es nicht in Schieflage gerät.

* Der Melbourne Mercer Global Pension Index wird vom Beratungsunternehmen Mercer bereits zum zehnten Mal und in Kooperation mit dem Australian Centre for Financial Studies erstellt. Es werden insgesamt 30 Ländern bewertet, 2016 lag die Schweiz noch auf Platz 6.
 

M. B.: Welche weiteren Entwicklungen bei AHV und Pensionskasse erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Monika Biehle
Monika Biehle

Nach der gescheiterten Abstimmung zur Altersvorsorge 2020 herrschte Stillstand. Die Abstimmung zeigte auf, wie unterschiedlich die Positionen zu den anstehenden Fragen in der Altersvorsorge sind. Mit der zunehmenden Lebenserwartung und damit längeren Bezugsdauer darf das Rentenalter kein Tabuthema sein. Wir leben gesünder, werden älter und werden in Zukunft nicht darum herum kommen, auch länger zu arbeiten. Dazu kommt die demografische Entwicklung, die sich im Bereich der umlagefinanzierten ersten Säule besonders stark bemerkbar macht.

Ein Fachgespräch mit Frau Monika Biehle, langjährig und international erfahrene Beraterin zu Fragen rund um die Schweizer Pensionskassen.

M. B.: Funktioniert die AHV auch für die nächste Generation noch? Und wenn ja, wie verändert sich das Gleichgewicht?

Bei der Einführung der AHV standen einem Altersrentner 6,5 Beitragsleistende gegenüber (Alters-Ouotient von 15.4). 2010 waren es noch gerade 3.5 (Alters-Quotient von 28.4) und wenn die Statistiken richtig liegen, werden 2040 die Rentenbezüger knapp einen Drittel, zehn Jahre später sogar mehr als einen Drittel der Bevölkerungsgruppe der über 20-Jährigen ausmachen (2040 47.6/ 2050 52.2). Vereinfacht würde dies heissen, dass auf zwei Beitragszahler ein Rentenbezüger kommt**. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hat die Entwicklung der Erwerbsquote, d.h. wie gross der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung sein wird. Wie hoch wird beispielsweise künftig der Anteil der erwerbstätigen Frauen sein? Darüber hinaus verändert sich unser Arbeitsmarkt. War es bis vor einigen Jahren noch üblich, sein ganzes Erwerbsleben ein Einkommen zu erzielen, so sind heute Auszeiten für Weiterbildungen, Reisen oder familiäre Verpflichtungen von mehreren Monaten oder gar Jahren nicht selten. Auch in diesem Bereich müssen wir das System flexibler gestalten und dennoch eine ausreichende Altersvorsorge ermöglichen. 

Die Alterung der Gesellschaft bringt die AHV in Schieflage. So standen den Einnahmen der AHV von rund 44,4 Mia. Franken 2017 Ausgaben von 43.3 Mia. Franken gegenüber. Allerdings leisteten die Versicherten und Arbeitgeber gerade einmal einen Beitrag von 31.1 Mia. Franken. Der Bund und die Erträge aus Mehrwertsteuer und Spielbanken beliefen sich auf rund 19.5 Mia. Franken und damit auf knapp 44 % der Einnahmen*. Dazu kamen rund 2 Mia. Franken Kapitalerträge.

Das Umlageergebnis, also die Einnahmen ohne Kapitalerträge, Zinsgutschriften der IV und Kapitalveränderungen, ist seit 2014 im negativen Bereich und belief sich 2017 auf rund 1 Mia. Franken. Das BSV geht davon aus, dass ab 2020 das aktuelle System nicht mehr in der Lage sein wird, den zusätzlichen Finanzierungsbedarf zu decken. Massgeblich wird sein, wie sich der Strukturwandel in der Schweiz und die Erwerbsquote entwickelt und wie hoch die Zuwanderung von ausländischen Arbeitnehmern sein wird. Einig sind sich die Experten aber, dass die AHV neue Finanzierungsquellen benötigt, damit sie auch in 30 Jahren noch in der Lage ist, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

* Quelle: BSV Finanzielle Lage und Perspektive der AHV

** Quelle: Verhältnis der Bevölkerungsgruppe der über 64/65-Jährigen zur Bevölkerungsgruppe im Alter zwischen 20 und 63/64 Jahren, Bundesamt für Statistik, 15.6.2018
 

M. B.: Was braucht es, damit die AHV ihren Auftrag auch in 30 Jahren noch erfüllen kann?

Um die Herausforderungen meistern zu können, wird eine Massnahme alleine nicht ausreichen. Benötigt wird ein Bündel von Anpassungen, welche jede für sich einen Beitrag für ein auch künftig stabiles und sicheres Vorsorgesystem leisten. Die Abstimmung über die Altersvorsorge 2020 aus dem Jahr 2017 hat aber gezeigt, dass ein sorgfältiges Abwägen der unterschiedlichen Interessen und Ausbalancieren der Massnahmen erforderlich ist, um dies politisch umzusetzen. Allerdings müssen sich alle Beteiligten darüber im Klaren sein, dass von jeder Seite Opfer verlangt werden, damit das System in einem Gleichgewicht gehalten werden kann. Nur so werden am Ende wir alle profitieren und einen sorgenfreien und sicheren Lebensabend geniessen dürfen.
 

M. B.: Schweizweit senken Pensionskassen ihre Umwandlungssätze. Bekommen wir in 30 Jahren überhaupt noch eine Rente?

Die sinkenden Umwandlungssätze hängen einerseits mit der steigenden Lebenserwartung und andererseits mit den tiefen Zinsen zusammen. Beide Faktoren wirken sich negativ auf den Satz aus, der einer lebenslänglichen Rente zugrunde liegt. Ein technisch «korrekter» Umwandlungssatz für einen 65-jährigen Mann bei einem technischen Zins von 2% liegt derzeit bei rund 5 %*. Massgeblich wird in Zukunft also sein, wie lange wir künftig arbeiten, wie sich langfristig die Ertragslage der Pensionskassen entwickeln wird, wieviel wir in Zukunft für die Altersvorsorge zurücklegen wollen und wie flexibel wir die Altersvorsorge gestalten. 

* BVG 2015, 2 %, Periodentafel, 5,2 %; Generationentafeln 4,88 %; unter Berücksichtigung einer Hinterlassenenrente von 60 % der Altersrente

M. B.: Liegt die Verantwortung der Altersvorsorge Ihrer Meinung nach beim Staat oder in der Privatwirtschaft?

Das Schweizer System erfordert ein dynamisches Zusammenspiel der verschiedenen Säulen, welche einerseits staatlich und andererseits durch die Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen und geprägt sind. Der Staat hat mit dem BVG und den damit verbundenen steuerlichen Anreizen die Rahmenbedingungen für eine funktionierende zweite Säule geschaffen. Weitaus der grösste Teil der Schweizer Arbeitgeber leistet allerdings einiges mehr als nur die gesetzlich vorgeschriebenen Beiträge an die Pensionskasse. 

So wünschenswert Transparenz und Regulierung sind, so darf dies nicht dazu führen, dass die Kosten in der zweiten Säule kontinuierlich steigen und eine Führung der Pensionskassen im Milizsystem und durch eine paritätische Verwaltung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber immer schwieriger oder gar verunmöglicht wird. Eine der grössten Stärken der zweiten Säule ist deren Flexibilität und die Möglichkeit, den Vorsorgeplan mit Leistungen und Beiträgen, aber auch die Anlagepolitik und die Verwaltung auf die Bedürfnisse des einzelnen Betriebes und seiner Arbeitnehmer abzustimmen. Mit immer mehr und komplexeren Regelungen verspielen wir diesen Vorteil.
 

M. B.: Welches Potential bietet gerade heute die dritte Säule?

Gerade im Hinblick auf die mittel- und längerfristige Entwicklung bietet es sich an, auch im Bereich der 3. Säule vorzusorgen. Sie stellt eine sinnvolle Ergänzung zu den beiden ersten Säulen dar und kann ganz nach den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen angepasst werden. Zudem kann durch die Wahl entsprechender Anlagelösungen eine auf die individuelle Risikobereitschaft und -möglichkeit zugeschnittene Vorsorge erfolgen, welche in guten Anlagejahren massgebliche Erträge zu den künftigen Altersleistungen beisteuern kann.
 

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