Ratgeber und Interviews zu Vorsorgefragen für KMU

Berufliche Vorsorge – Wo stehen Schweizer KMU?

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Die Schweiz wird für ihr auf die drei Säulen AHV/IV, Pensionskasse und private Vorsorge abgestützte Altersvorsorge weltweit bewundert. Grosse Anerkennung gibt's im Ausland aber auch für unsere KMU, die äusserst wettbewerbsfähig und innovativ sind. Wie ernst meinen es aber die KMU mit der beruflichen Vorsorge?

 

Die Schweiz ist in der Altersvorsorge nach wie vor gut unterwegs. Sie hat ein gutes, fortschrittliches und stabiles Vorsorgesystem, das zu den besten in der Welt zählt. «Gewisse skandinavische Länder sind uns aber bezüglich Rentenalter voraus», weiss Nils Ohlhorst. Wir wollen vom Experten Nils Ohlhorst wissen, wie es um die Vorsorge bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Schweiz bestellt ist. Er kommt zu einem ernüchternden Schluss: Für vier von fünf Unternehmen ist das Thema Vorsorge eher lästig.

Nils Ohlhorst, Partner und Geschäftsführer Vorsorge Partner AG

Nils Ohlhorst, Partner und Geschäftsführer der Vorsorge Partner AG

 

Sie kennen die Schweizer Firmenlandschaft exzellent. Wie gut resp. erfolgreich sind die KMU hierzulande bei der beruflichen Vorsorge unterwegs?

Gestützt auf meine Erfahrung in der Beratung von Unternehmen, stelle ich fest, dass rund 70 % der Unternehmen ein gutes Vorsorgekonzept für ihre Mitarbeiter besitzen – dies bedeutet, dass die Mitarbeitenden mehrheitlich ausreichend versichert sind.
 

Was ist mit dem Rest?

Zum Teil stossen wir auf grosse Leistungslücken - vor allem bei Leistungsträgern mit einem höheren Einkommen. Unternehmer nutzen selten die steuerlichen Möglichkeiten, welche ihnen die Vorsorge in der Schweiz bietet. Wir stossen aber auch immer wieder auf grosse finanzielle Risiken, welche die Unternehmer eingehen, deren sie sich aber nicht bewusst sind.
 

In der Beratung von KMU orten Sie aber auch in neun von zehn Fällen Optimierungspotenzial.

Ja, das ist so. Vor allem wenn ich Neukunden berate, dann finde ich in fast allen Fällen Möglichkeiten zur Optimierung. Ich stosse zum Teil auf grobe Fehler wie beispielsweise die fehlende Meldung des Bonus, obwohl gemäss Vorsorgereglement die gesamte AHV-Lohnsumme versichert wäre. Das kann ganz schön ins Geld gehen, wenn ein Arbeitnehmer deswegen klagt. Oft sind die Risiken latent vorhanden und manchmal fehlt den KMU auch ganz einfach der Durchblick, was angesichts der Komplexität des Themas durchaus verständlich ist.
 

Welchen Stellenwert geniesst das Vorsorgethema generell bei KMU-Chefs?

Münzen aufstapeln
Für einen Grossteil der KMU ist Vorsorge ein eher lästiges Thema.

Für etwa ein Fünftel der KMU ist dies wichtig, dem Rest ist das Thema eher lästig. Generell ist beobachtbar, dass es Leuten im Alter von 25 bis sagen wir mal 45 viel wichtiger ist, am Ende viel Geld auf dem Lohnkonto zu haben. Erst Mitte vierzig beginnt man sich um die Vorsorge zu kümmern – viele tun dies sogar erst mit 55 Jahren. Und die Unternehmer ticken in diesem Thema nicht viel anders. Damit verpassen sie Chancen und Möglichkeiten.

Sind im Wettbewerb erfolgreiche KMU auch in Vorsorgelösungen besser als der Durchschnitt?

Das Gegenteil ist eher der Fall. Ein erfolgreiches KMU kümmert sich wenig darum, ob es in der Vorsorge Geld einsparen kann. Der klassische Unternehmer will in erster Linie seinen Maschinenpark abzahlen, möglichst wenig Kredite haben und Reserven bilden. An die eigene Vorsorge denkt er zuletzt.
 

Sind KMU dem Thema Vorsorge gegenüber also gleichgültig?

Ich würde nicht von Gleichgültigkeit sprechen. Es ist bei vielen KMU einfach lange Zeit überhaupt kein Thema.
 

Ist die die Qualität der Vorsorgelösung nicht auch branchenabhängig?

Das ist so. In der Regel haben KMU in den Bereichen Finanzen und Pharmazie, aber auch Anwälte gute bis sehr gute Vorsorgelösungen. Und je höher der Lohn, desto besser ist in der Tendenz auch die Vorsorgelösung.
 

Eine Studie der Uni Zürich kam 2008 zum Schluss, dass die berufliche Vorsorge bei der Stellenwahl keine grosse Rolle spielt. Ist das heute immer noch so?  

Für die Mehrheit dürfte dies noch immer zutreffen. Je älter und je besser qualifiziert ein Arbeitnehmer ist, desto mehr achtet er auf die berufliche Vorsorge. Auch die gesetzlichen Bestimmungen kommen hier zum Tragen. Bei Löhnen ab 84‘600 Franken ist es später einschneidend, wenn keine gute Vorsorgelösung vorhanden ist oder war.
 

KMU haben bei der Wahl des Vorsorgemodells und des Anbieters die Wahlfreiheit. Wie wichtig ist diese Freiheit?

Ich glaube, diese ist sehr wichtig. Die Wahlfreiheit sorgt für Konkurrenz und diese letztlich für Effizienz. So sind die Sammeleinrichtungen in den letzten 20 Jahren viel effizienter geworden. Gleichzeitig hat der Unternehmer die Möglichkeit, die für ihn passende Lösung zu finden und wir können ihm dort eine Lösung massschneidern.
 

Die Angst um die Altersvorsorge steht im Sorgenbarometer gemäss einer Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern zuoberst, auch bei KMU?

Ich erlebe eher das Gegenteil. Den 30-Jährigen interessiert die Vorsorge nicht gross, also hat er auch keine Angst davor. Und wir müssen schon relativieren. Im Vergleich mit den Nachbarländern sind wir hier in der Schweiz hinsichtlich Altersvorsorge viel besser gestellt. In der Schweiz beträgt die durchschnittliche monatliche Rente mit AHV und Pensionskassengeld zwischen 3500 und 5000 Franken, in Deutschland sind es 1560 Euro.
 

Welcher Aspekt geht bei der beruflichen Vorsorge oft vergessen oder wird zu wenig Beachtung geschenkt?

Das kommt sehr auf das entsprechende KMU an. Womit ich fast immer konfrontiert werde, ist die Tatsache, dass die Todesfallleistung schlecht ist. Dabei wäre eine Verbesserung dieser Situation vor allem für Familien mit kleinen Kindern ein leichtes und für das Unternehmen finanziell tragbares Unterfangen. Oft unterschätzen KMU zudem, wie sich der Rentnerbestand über die Zeit verändert und entwickelt. Rentner werden tendenziell immer teurer, ist das Geld dafür aber nicht zurückgestellt, läuft das Unternehmen in ein gröberes Problem. Hier müssten KMU rechtzeitig reagieren.
 

Die Vorsorge Partner AG ist seit bald vier Jahren im Verbund der Raiffeisen Gruppe. Welche Synergien ergeben sich dadurch für KMU?

Ich hole etwas weiter aus. Raiffeisenbanken haben im Gespräch mit den KMU die Möglichkeit, ihnen einen spezialisierten Berater für Vorsorge- und Versicherungslösungen zur Seite zu stellen. Es gibt in der Zwischenzeit schon viele Raiffeisenbanken, die dieses Thema bei ihren Kunden sehr aktiv einbringen. Der KMU-Chef profitiert also von einem breiteren und gleichzeitig im Spezialthema tiefergehenden Know-how «aus einer Hand».
 

Ein Blick in die Zukunft: Worauf müssen sich KMU wappnen?

Ich bin überzeugt, die Einsicht wird reifen, dass sich die Vorsorge noch weiter verbessern muss, aus Sicht des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers. Man wird in Zukunft für die gleiche Altersleistung mehr zahlen müssen und die Anbieter werden Wege finden müssen, den gesetzlichen Umwandlungssatz zu reduzieren, auch wenn das Volk zu diesem Schritt (noch) nicht bereit war. Das Thema wird also weiter an Bedeutung gewinnen, will man auch in Zukunft dem Verfassungsauftrag der «Gewährleistung der gewohnten Lebenshaltung in angemessener Weise zusammen mit den Leistungen der 1. Säule» gerecht werden.

 

Interview: Pius Schärli

 

 

3 Expertentipps zur Vorsorge in KMU

Nils Ohlhorst von Vorsorge Partner AG verrät drei wichtige Tipps zur Vorsorge in Ihrem Unternehmen.

 

Nils Ohlhorst, Partner und Geschäftsleitung Vorsorge Partner AG
Nils Ohlhorst, Gründungsmitglied und Mitinhaber der Vorsorge Partner AG

Nils Ohlhorst (55) arbeitet seit 1989 in der beruflichen Vorsorge und ist Geschäftsführer der Raiffeisen Pensionskasse mit fast 11'000 Versicherten und einem Vorsorgekapital von über 3 Mia. Franken. Ohlhorst ist Gründungsmitglied und Mitinhaber der Vorsorge Partner AG, einer der führenden Schweizer Anbieter für Vorsorgeberatung und Vorsorgelösungen für Unternehmen und Unternehmer. Seit 2014 ist die Raiffeisen Gruppe an der Vorsorge Partner AG – mit aktuell über 450 KMU-Kunden und Standorten in St. Gallen, Bern, Baar und Zürich – massgeblich beteiligt.