Interviews & Erfahrungsberichte zum Thema Unternehmensnachfolge

«Nachfolge fängt im Kopf an»

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Raimund Staubli, Nachfolgebegleiter im Raiffeisen Unternehmer Zentrum (RUZ) in Gossau über die hohe Kunst des Loslassens und den Wert eines neutralen Gesprächspartners.

Interview mit Raimund Staubli

Nachfolge fängt im Kopf an

Raimund Staubli im Unternehmergespräch.

Herr Staubli, welches ist für Sie das zentrale Thema, wenn Sie sich mit einem Unternehmer ans Thema Nachfolge machen?

Ganz klar der Unternehmer selbst und nicht sein Unternehmen. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass jemand zum ersten Gespräch seine Jahresabschlüsse mitgebracht hat und dann erstaunt war, dass wir darüber nicht sprachen.
 

Worüber denn sonst?

Über Dinge wie seine persönlichen Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen und Bedürfnisse. Für mich dreht sich alles um den Menschen im Unternehmer. Sind solche oft rein emotionalen Aspekte zum Thema Nachfolge geklärt, ist der Weg dann auch meist frei für eine nachhaltig erfolgreiche Nachfolgeregelung.
 

Nachhaltig erfolgreich – klingt gut. Was bedeutet es?

Dass die Nachfolgeregelung am Ende für alle stimmt. Das wiederum bedingt, dass alle Betroffenen einbezogen und erst einmal Aspekte wie Erwartungen geklärt werden. Ich hatte gerade kürzlich einen Unternehmer hier, der mir sagte, «Sie sind der erste, der mit mir über mich, meine Wünsche und Bedürfnisse gesprochen hat, alle anderen davor haben mir Zahlen und Bewertungen auf den Tisch gelegt».
 

Am Ende geht es doch um Daten und Fakten.

Am Ende ja. Und es gehört selbstverständlich dazu mit Hilfe von Experten das Unternehmen zu analysieren und zu bewerten, juristische Fragen und zu klären und so weiter. Das ist die technische Abwicklung einer Nachfolgeregelung – und meist der kleinste Teil. Der grosse Brocken sind die Menschen mit ihren Wünschen und Erwartungen, mit ihren unausgesprochenen Sorgen und Ängsten.
 

Wie gehen Sie den grossen Brocken an?

Indem ich Unternehmer zuerst einmal dabei unterstütze, den Mut aufzubringen, sich mental zu lösen von seiner Rolle und sich in die Zukunft zu denken. Oder bildlich gesprochen: Indem ich Unternehmer auffordere, sich mit mir auf die Tribüne zu setzen und das Spielfeld (seine Rollen, sein Unternehmen, sein Umfeld, etc.) einmal von oben anzuschauen und zu sehen, wo und wie sie da drin stehen. Und sich dann in die Situation zu versetzen, ab dem nächsten Tag nicht mehr dabei zu sein und darauf zu achten, was das auslöst.
 

Und was löst das aus?

Die meisten sind erst einmal sehr überrascht. Unternehmer, die ihr ganzes Leben in den Dienst ihres Unternehmens gestellt haben, identifizieren sich ganz und gar mit dieser Rolle und oft auch mit dem damit verbundenen gesellschaftlichen Status. Sich da heraus zu nehmen und sich eine Zukunft ohne all das vorzustellen, ist nicht einfach, aber sehr hilfreich beim Loslassen. Nachfolge beginnt im Kopf.
 

Heisst: Loslassen ist die Herausforderung Nummer 1?

Ja. Sich von der Identität des Unternehmens zu lösen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Diesen Schritt zu machen, ist die grosse Herausforderung, nicht für mich, sondern für den Unternehmer. Oftmals handelt es sich um ein Lebenswerk und man war bislang der einzige, der es konnte. Kommt dazu, dass bei diesem Prozess oftmals ganz verschiedene Menschen mit betroffen sind, Partner, Kinder, Ehefrau zum Beispiel. Auch sie haben ihre Erwartungen. Denen gerecht zu werden, ist oftmals schwierig.
 

Muss ein Unternehmer denn allen Erwartungen gerecht werden?

Er kann es gar nicht. Und es ist meine Aufgabe, ihn dahin zu führen, dass er das erkennt und sich davon auch befreit. Ein Beispiel: Ich hatte kürzlich ein älteres Ehepaar hier, beide 68. Sie sind zu mir gekommen mit der klaren Aussage, der Junior – bereits über 30 Jahre alt – sei nicht in der Lage, die Firma zu führen. Ich habe mit dem Sohn geredet und bald herausgefunden, dass das Problem ein ganz anderes war. Es kam zu Gesprächen mit allen Beteiligten. Heute führt der Junior das Unternehmen und zwar gut.
 

Welches sind die grössten Herausforderungen für Sie als Nachfolgebegleiter?

Die Geduld aufbringen, die beteiligten Personen als Begleiter und Sparringpartner in allen Themen und Phasen der Nachfolge wohlwollend kritisch und neutral zu begleiten.
 

Wohlwollend kritisch? Neutral?

Patrons haben oft kein Gegenüber mit dem Mut, Tacheles zu reden. Als Begleiter bin ich nicht Partei und habe keine persönlichen Interessen am Unternehmen an sich. Ich kann den Beteiligten den Spiegel ohne zu werten hinhalten, andererseits kann jeder Beteiligte alles an mich adressieren und ich kann es einfach mal annehmen. Insbesondere in Familien sind Gespräche oft schwierig, es geht um Tieferliegendes und die Haut darüber ist dünn. Da hilft es, eine aussenstehende, neutrale Person beizuziehen, die klären kann.
 

Was gilt es bei einer Nachfolge zu vermeiden?

Eine Lösung herbei zu zwingen. Ich habe einen Fall erlebt, wie ein Unternehmen fast zugrunde gegangen wäre, nur weil der Patron sich darauf versteift hatte, den Betrieb innerhalb der Familie weiter zu geben, dabei aber von der Qualität des einzigen Sohnes nicht überzeugt war. Der Sohn wurde systematisch vorbereitet und eingesetzt, aber der Patron liess ihn nicht gewähren. Dies artete soweit aus, dass sie sich dann die ganze Zeit bekämpft und vor lauter Streit den Anschluss an den Markt verpasst haben. Der Umsatz brach um 50 Prozent ein und das Unternehmen geriet in eine bedrohliche Schieflage. Unter Druck des Verwaltungsrates wurde ein externer Geschäftsführer eingestellt – eine Bestätigung für den Patron, dass er Recht gehabt hatte.
 

Konnte er dann loslassen?

Am Anfang ja, dann ging es aber wieder von vorne los. Er konnte nicht loslassen und musste einfach beweisen, dass es ohne ihn nicht geht. Auch mit dem Neuen nicht. Während ich das beobachtete, fragte mich immer wieder: Was geht im Kopf dieses Menschen vor?
 

Ihre Antwort?

Er wollte Recht haben. Darauf hat er sehr viel Energie verwendet. Er war dafür sogar bereit, sein Lebenswerk zu zerstören. Diese Erfahrung hat mich übrigens dazu bewogen, mich als Nachfolgecoach noch mehr auf die weichen Faktoren zu konzentrieren.
 

Bringen Sie es als Nachfolgebegleiter immer zu einem guten Ende?

Was ist ein gutes Ende? Für den einen ist es gut, sein Unternehmen innerhalb der Familie weiterzugeben, für einen anderen, es einem Mitarbeiter, oder auf dem freien Markt zu verkaufen. Manchmal ist auch eine geordnete Liquidation das Beste. Ich kenne Unternehmer, die vor diesem Schritt noch ihr halbes Vermögen in ihr serbelndes Unternehmen gesteckt haben, um es künstlich am Leben zu halten. Und das nur, weil sie nicht loslassen oder einen Stopp reissen konnten. Für mich spielt die Nachfolgeform keine Rolle. Entscheidend ist für mich, dass es für alle Beteiligten stimmt und dass die Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden können.
 

Erleben Sie auch, dass eine Nachfolge kein einziges Problem mit sich bringt?

Ja, das habe ich auch schon erlebt. Das Spektrum geht von ganz einfach bis ganz schwierig. Daher gibt es auch nicht die Nachfolgelösung. Es ist immer ein Prozess ...
 

... der gemäss Theorie im Schnitt rund fünf Jahre dauert.

Ja, wenn man zuerst noch die Firma entschlacken muss oder die Steuern optimieren. Ich habe aber auch schon erlebt, dass innert weniger Monate alles geregelt war.
 

Sie haben nun schon unzählige Nachfolgen begleitet. Welches sind Ihre drei wichtigsten Erkenntnisse?

Erstens frühzeitig einen erfahrenen neutralen Nachfolgecoach, als wohlwollend kritischen Sparringpartner beiziehen. Eine nachhaltig erfolgreiche Nachfolgelösung ist komplexer als vielfach angenommen. Zweitens offen sein für alle, auch unkonventionellen Lösungen, denn nicht die erst Beste ist auch die für alle Beteiligten nachhaltig optimale Lösung. Drittens, die Erwartungen und Bedürfnisse aller Beteiligten müssen sehr früh abgeholt und auf einen Nenner gebracht werden.

 

Nachfolgebegleitung beim RUZ

Nachfolgebegleitung RUZ

Einem Nachfolger Platz zu machen, ist eine grosse Aufgabe – und eine facettenreiche. Es geht um entscheidende Fragen wie die Zukunft des Lebenswerks, die Sicherung von Arbeitsplätzen und es geht natürlich auch um Geld und Finanzierung. Erfahrungsgemäss ist die Klärung sogenannt weicher Aspekte wie Bedürfnisse, Wünsche und Befürchtungen von Übergebern und Übernehmern und weiteren direkt Betroffenen aber absolut zentral für einen erfolgreichen Nachfolgeprozess. Hier setzt die RUZ-Nachfolgebegleitung an. Und es endet erst, wenn die Nachfolge für alle erfolgreich abgeschlossen ist und alle Beteiligten zufrieden sind.

 

Nachfolgebegleiter Raimund Staubli
Raimund Staubli, Nachfolgebegleiter RUZ

Raimund Staubli hat bereits unzählige Nachfolgen begleitet. Seine wichtigste Erkenntnis: Für diesen anspruchsvollen Prozess ist es für den Unternehmer wichtig, einen wohlwollenden aber auch kritischen Sparringpartner an der Seite zu haben.