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Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen, die auf ISO 20022 umstellen?

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Am 30. Juni 2018 wird der Zahlungsverkehr in der Schweiz umgestellt. Die Proffix Software AG und SelectLine Software AG gehören zu jenen Softwareanbietern, die ihre Systeme frühzeitig auf den ISO-20022-Standard umgestellt und ihren Kunden damit die rechtzeitige Migration ermöglicht haben.

Im Interview geben Remo Kalberer und Kevin Matanovic Tipps für all jene Unternehmen, die das Projekt noch nicht in Angriff genommen haben.

 

Die Schweiz wird in Kürze den Zahlungsverkehr umstellen. Betroffen sind davon alle. Unternehmen welcher Grösse nutzen vordergründig Ihre Software?

Remo Kalberer (Proffix): Unsere Software ist für KMU-Betriebe aus den unterschiedlichsten Branchen mit einem bis zu 50 Benutzern ausgelegt. Unser Kundenstamm umfasst zurzeit über 3000 Unternehmen.

Kevin Matanovic (SelectLine): Bei uns ist der Range noch etwas weiter. Wir bedienen Firmenkunden in der Grössenordnung von einem bis zu 100 Anwendern. Gegenwärtig arbeiten in der Schweiz rund 18 500 Unternehmen mit Selectline.

 

Wie viele Ihrer Kunden haben die Umstellung des Zahlungsverkehrs nach ISO 20022 schon vorgenommen?

K. Matanovic: Das können wir leider nicht genau sagen, da die effektive Umstellung bei den Kunden über unsere Partner, also Drittfirmen laufen. Was wir mit Bestimmtheit sagen können: All diese Partner sind gegenwärtig mit Hochdruck an der Realisierung von Updates und der Einführung des neuen Zahlungsstandards.

R. Kalberer: Auch bei uns gibt es keine konkreten Zahlen zu den bereits erfolgten Umstellungen. Da wir keine Daten über verwendete Schnittstellen unserer Kunden haben, wissen wir auch nicht, welche von ihnen tatsächlich schon umgestellt haben.

 

Das heisst aber auch, dass die Selbstverantwortung, aktiv zu werden, bei Ihren Kunden selbst liegt. Welche Vorarbeiten sollten diese leisten, bevor sie in Kontakt mit Ihnen treten?

R. Kalberer: Aus meiner Sicht macht es Sinn, sich zuerst mit dem Bankberater auszutauschen. Da die Bank in der Regel bereits mit dem Softwareanbieter in Kontakt steht, kann sich der Kunde so zum aktuellen Stand aufdatieren. Um für die Migration auf ISO 20022 gerüstet zu sein, sollte danach zwingend die aktuellste Software-Version des jeweiligen Anbieters heruntergeladen werden. Ein Vorteil ist natürlich, wenn der Softwareanbieter entsprechend früh dran ist. Wir zum Beispiel haben schon 2009 begonnen, uns mit dem Thema ISO 20022 auseinander zu setzen.

K. Matanovic: Ich stimme absolut zu, dass es für Kundenfirmen wie für Softwareanbieter von zentraler Bedeutung ist, möglichst frühzeitig auf die Umstellung vorbereitet zu sein. Für alle, die dies bislang versäumt haben, gibt es daher nur einen Rat von mir: Jetzt sofort beginnen. So müssen zum Beispiel die Stammdaten schon im Vorfeld der Migration auf die neuen Standards angepasst werden. Beispielsweise indem durchs Band nur IBAN-Kontonummern erfasst sind.

 

Welche Herausforderungen und Unwägbarkeiten können lauern?

R. Kalberer: In der Regel ist die ZV-Umstellung im Zeitrahmen von ein bis drei Monaten ohne grössere Probleme machbar. Sollte ein Unternehmen jedoch Geschäftsbeziehungen mit mehreren Banken unterhalten, die ihrerseits mit der Umstellung ganz unterschiedlich weit vorangeschritten sind, verzögert sich der Prozess automatisch. Dessen sollten sich alle Unternehmen bewusst sein, welche dieses Interview hier lesen und noch zuwarten möchten.

K. Matanovic: Das gleiche gilt im Übrigen auch für Unternehmen, die mehrere Softwares im Einsatz haben, welche alle umgestellt werden müssen. In diesem Fall sind die Unternehmen dann wiederum auf deren Tempo angewiesen. Softwareunternehmen, die jetzt im Moment noch die Umstellung des kompletten Zahlungsverkehrs vor sich haben, werden vermutlich in Zeitdruck geraten. Stichtag ist der 30. Juni 2018. Das ist bald.

 

Inwiefern unterscheidet sich die ZV-Umstellung bezüglich der konkreten Veränderungen zwischen grösseren und kleineren Unternehmen?

K. Matanovic: Bei den grösseren Unternehmen in unserem Kundenstamm sind Themen wie die Überweisung mit automatischem Filetransfer, die automatische Abstimmung von Kontobewegungen oder eine automatische Verbuchung in der Finanzbuchhaltung von zentraler Bedeutung. Bei ihnen wird ISO 20022 vornehmlich den Elektronischen Zahlungsauftrag (EZAG) der Postfinance sowie das Datenträgeraustauschverfahren (DTA) der Banken ablösen und ein neues Lastschriftverfahren etablieren. Von einem realistischen Zeitrahmen für die Umstellung zwischen ein bis drei Monate würde auch ich sprechen.

R. Kalberer: Firmen, die ihre Buchhaltung nicht mit dem Bankensystem verbunden haben, werden auch weiterhin die die manuelle Überweisung im E-Banking nutzen und Einzahlungsscheine verwenden. Für sie wird sich im Umfeld der ISO-20022-Umstellung wenig verändern. Die Ablösung der alten Kontonummern durch IBAN sowie der Einzahlungsscheine durch die neue QR-Rechnung wird am meisten Veränderung bringen.

 

Wagen Sie eine Prognose: Wie viele der von Ihnen betreuten Unternehmen werden den Zahlungsverkehr zum Stichtag 30. Juni 2018 realistischerweise umgestellt haben?

R. Kalberer: Ich hoffe alle. Denn es wäre echt schade, wenn gewisse Kunden ihre Rechnungen und den gesamten Zahlungsverkehr ab der zweiten Jahreshälfte 2018 wieder umständlich von Hand bearbeiten müssten.

K. Matanovic: Wir setzen uns mit voller Kraft dafür ein, dass es die allermeisten Kunden bis zum Stichtag schaffen und werden auch weiterhin eine aktive Kommunikation betreiben. Eine konkrete Prognose wage ich indes nicht.

Kevin Matanovic, SelectLine Software AG
Kevin Matanovic, SelectLine Software AG

Matanovic Kevin - Selectline Software AG

Seit 2015 ist Kevin Matanovic (25) Produkt Manager bei der SelectLine Software AG und hatte zuvor nach einer Berufsmatura den Bachelor in Business Administration an der Fachhochschule St. Gallen absolviert. Den beruflichen Einstieg machte er vor Jahren mit einer Lehre als Kaufmann bei der Gebäudeversicherungsanstalt des Kanton St. Gallen.

www.selectline.ch

Remo Kalberer, PROFFIX AG
Remo Kalberer, PROFFIX AG

Remo Kalberer, PROFFIX AG

Remo Kalberer (51) ist seit 2010 bei der PROFFIX Software AG tätig, wo er im März 2017 die Leitung des Produktmanagements übernahm. Der gelernte Physiklaborant arbeitet seit 1984 in der ICT-Branche und interessiert sich sehr für Themen wie Enterprise-Resource-Planning (ERP) sowie alle neuen Technologien.

www.proffix.net

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