Unternehmen und ihre Erfolgsgeschichten

«Wir müssen das Rad stets neu erfinden»

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Was gar nicht so einfach ist – sagt Beat Zaugg. Agil muss man bleiben, ein Unternehmerleben lang. Der Berner Bäckersohn, der das Feld bei Scott Sports und damit 1000 Mitarbeitende anführt, gibt seit 1986 den Takt vor. Es rollt gut im Moment, aber wer zu den Besten gehören will, muss Bewährtes immerfort hinterfragen. Auf einem Gang durch die Werkhallen in Givisiez tauschen sich Patrik Gisel und Beat Zaugg über die Herausforderungen im Sportbusiness aus – von CEO zu CEO.

9 Uhr im Hauptsitz von Scott

Da treffen sich zwei, die auf Anhieb die gleiche Sprache sprechen: Beat Zaugg, CEO bei Scott Sports, empfängt Patrik Gisel, den obersten Chef bei Raiffeisen Schweiz, der auch eine Leidenschaft für den Triathlon pflegt. Sofort ist hier die Rede vom «Plasma 5» und anderen futuristischen Zweirädern. Für die Laien Kauderwelsch, für Insider ein klarer Fall. Ganz bodenständig geht's zu und her, wenn CEO auf CEO trifft, in Givisiez, diesem unspektakulären Hauptsitz einer Topmarke im weltweiten Bike-Geschäft.

Auffällig ruhig ist es in den Hallen, wo 30'000 Bikes aller Kategorien für den Schweizer Markt Jahr für Jahr ihre endgültige Form erhalten. «Ordnung muss sein», so der Chef, «wir arbeiten hier auf einem Perfektionsniveau, das keine halben Sachen erlaubt.» Und dennoch ist keine Spur von klinischer Atmosphäre auszumachen. Aus einer Ecke tönt ein Transistorradio, im nächsten Raum sitzt ein Hündchen im Korb, das seinen Monteur täglich zur Arbeit begleitet. Offensichtlich sind hier Individualisten am Werk. Und Beat Zaugg lässt ihnen den Freiraum, ganz bewusst. Genau so, wie er den Sportsgeist seiner Crew fordert. Beim Lunch-Ride, dem «Mittags-Ausflug» auf Rädern, wird es jeweils ganz schön kompetitiv. Eine Stunde kurven die Männer und Frauen über die Hügel. Dann duschen, ein rasches Zmittag ‒ und zurück an den Desk. «Wir brauchen kein spezielles Work-Life-Balance-Programm. Der Outdoor-Sport ist in unseren Genen verankert. Gleichzeitig testen wir so neue Modelle», erklärt Zaugg.

Und nimmt den Aufstieg in den ersten Stock in Angriff ‒ zügigen Schritts, Patrik Gisel im Schlepptau. In Grossraumbüros entwerfen die Köpfe der Engineering-Abteilung künftige Modelle in 3D. Da wird am Bildschirm jedes Element gedreht, gewendet und virtuell gefeilt. «Wir sind der Konkurrenz zum Glück mindestens um eine oder zwei Nasenlangen voraus. Es ist wichtig, dass man in der Branche den Takt vorgibt. Zugleich muss man nicht nur das perfekte Produkt liefern, sondern auch den entsprechenden Service. Wir sind in 20 Ländern mit Werkstatten präsent und pflegen engsten Kontakt zu Händlern in 82 Ländern», erklärt Zaugg. Er hat sich den Platz unter den führenden Herstellern der Welt mit einer konsequenten Nischenstrategie hart erkämpft. Nebst dem Radsport gilt Scott in ausgewählten Geschäftsfeldern ‒ etwa im Backcountry-Skiing, Trailrunning oder künftig auch im Bergsport ‒ als mitunter beste, wenngleich nicht günstigste Wahl.

Als CEO sorgt Zaugg bei Scott dafür, dass es nicht zu ruhig zu und her geht. «Ich sehe mich als einen, der bewusst Brüche schafft, damit wir uns immer wieder hinterfragen. Zum Beispiel, als wir auf Drängen von Nino Schurter für die Olympischen Spiele in London mit dem 27,5-Zoll-Rad eine Zwischengrösse einführten und damit einen neuen Benchmark für die Industrie schufen.» Zaugg weiss eine Crew von erfahrenen Führungskräften hinter sich, die schon Jahrzehnte mit ihm unterwegs ist. «Das Rad selbst kann man nicht mehr neu erfinden», dessen ist sich der Vollblutunternehmer im Klaren. «Ein Velo für 100'000 Franken bauen, das kann jeder. Nur kauft das niemand.» Erschwinglich sollen sie deshalb bleiben, seine Rennpferde. Und weil sie schon zu den Besten gehören, wird die Suche nach dem Besseren immer anstrengender. Dass den «Scotties» der Schnauf nicht ausgeht, dafür sorgt Beat Zaugg ‒ unterdessen 59 Jahre alt ‒ «auch in den nächsten 30 Jahren noch». Mit einem Augenzwinkern, aber in vollem Ernst sagt er dies. Dennnoch sei er nicht dort, wo er mit Scott hinwolle. «Also gibt es in Ihrer Firma keine offizielle Pensionierungsgrenze.» ‒ Patrik Gisel bringt es auf den Punkt. Zaugg hält nichts von der Altersguillotine mit 65, das sei nicht mehr zeitgemäss. Er werde sich in Etappen zurückziehen und zunehmend mehr Verantwortung an sein Team übergeben. Die zwei CEOs sind sich einig: Menschen brauchen fliessende Übergange am Ende ihres Berufslebens. Vorausgesetzt, die Alten können mit dem Tempo der Jungen mithalten.
  

Hightech-Stätten auf der ganzen Welt

Ob sich im Freiburgerland wirklich genügend Cracks mit dem nötigen Expertenwissen fanden, will Patrik Gisel wissen. Die Rekrutierung sei grundsätzlich kein Problem, die Marke ziehe, erklärt Zaugg. Um geeignete Leute nach Givisiez zu holen, muss Scott entsprechende Rahmenbedingungen, sprich gute Löhne, aber auch bezahlbaren Wohnraum bieten. Zugleich müssten das Wachstum und die Marge stimmen, damit man sich die Fachkräfte auch leisten könne. Am Hauptsitz arbeiten Ingenieure, Techniker, Produktmanager, der internationale Verkauf, IT-Fachleute, die Marketing-Abteilung und Administration. Produziert wird in Givisiez nicht. Dafür hat Scott Hightech-Statten auf der ganzen Welt verteilt: in Fernost, in den USA sowie in Europa ‒ etwa in Italien, Österreich und in osteuropäischen Staaten.

Trotzdem wird aktuell gross investiert. «Hier entsteht unser neuer Hauptsitz. Bis Herbst 2018 muss er fertig sein. 60 Millionen Franken kostet der Bau. Wir wollen nochmals kräftig wachsen, aus eigener Kraft und durch kluge Zukäufe. Das kostet Geld. Und deswegen habe ich die Mehrheit am Unternehmen an meine südkoreanischen Partner übergeben. Uns verbindet ein langjähriges Vertrauensverhältnis. Auf diese Weise kann ich mich nochmals voll auf meine Rolle als Driver konzentrieren.»

«Schlafen Sie eigentlich nie schlecht, wenn Sie an die Risiken denken, die Sie eingehen müssen?», fragt Patrik Gisel. Wer ein gutes Produkt entwickeln wolle, der müsse bereit sein, grosse Vorleistungen zu erbringen und auch Schulden zu machen ‒ davon ist Zaugg, der in seiner Karriere viel gewagt und meistens gewonnen hat, überzeugt. Die Beherrschung des Materials ist essenziell. «Und mit Hauruck geht gar nichts in punkto Innovation. Drei Jahre hat man im Bike-Business Zeit, so lange hält sich ein Modell am Markt. Dann muss man mit der nächsten Überraschung aufwarten», bilanziert Beat Zaugg. «Unsere Spitzenathleten bringen uns mit ihren Spezialwünschen permanent an die eigenen Grenzen.» Sprichts und schreitet in eben diesem Moment am Hightech-Helm von Sebastian Kienle, Top-Triathlet und Ironman-Weltmeister 2014, vorüber. Da muss Patrik Gisel einen Moment innehalten, keine Frage. Zaugg ergreift die Gelegenheit ‒ und schlägt einen «Deal» vor: Patrik Gisel kehrt nach Givisiez zurück, zum sportlich-vergnüglichen Kräftemessen zwischen CEO und CEO. Bis dann liege ein Helm für ihn bereit. Der Handshake gilt.