Unternehmen und ihre Erfolgsgeschichten

Stiftung Waldheim: Eine Heimat auf Lebenszeit

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Seit 75 Jahren betreut und begleitet die Stiftung Waldheim Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung. Die Institution hat sich zu einer dynamischen Organisation mit rund 200 Bewohnern, mehr als 280 Mitarbeitenden und einer Bekanntheit von weit über die Grenze des Appenzellerlands hinaus entwickelt.

Wie alles begann

Es war mitten im zweiten Weltkrieg, als Josef Kämpf und Margrith Frehner die «Pension Waldheim» im ausserrhodischen Rehetobel gründeten. Die Schweizer Bevölkerung blieb vom Krieg zwar weitgehend verschont, lebte aber in armen Verhältnissen. Besonders schwer hatten es Menschen mit einer Behinderung. Josef Kämpf und Margrith Frehner wollten helfen und eröffneten zusammen mit zwölf «Patienten» das erste Haus der damaligen Pension, das heutige Gründerhaus der Stiftung Waldheim in Rehetobel.

Stiftung Waldheim in Rehetobel
Gründerhaus der Stiftung Waldheim

Das war vor 75 Jahren. Seither hat sich für die Menschen mit Behinderung viel getan. «Begriffe wie Barrierefreiheit, Inklusion oder Selbstbestimmung sind heute untrennbar mit der Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung verbunden», sagt Werner Brunner, Geschäftsleiter der Stiftung Waldheim. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe festgeschrieben. Eine Verpflichtung, die auch in der Schweiz seit 2014 in Kraft ist.

 

Vom Kleinbetrieb zum KMU

Die Stiftung Waldheim hat sich mit dem gesellschaftlichen Wandel weiterentwickelt. So ist im Laufe der Jahrzehnte aus einem bescheidenen Start mit zwei Betreuungspersonen und 12 Bewohnern ein dynamisches Unternehmen mit über 280 Mitarbeitenden, fünf Wohnheimen an drei Standorten und insgesamt rund 200 geschützten Plätzen geworden. Heute ist die Stiftung Waldheim die grösste Anbieterin von Wohnen mit integrierter Beschäftigung für Menschen mit Behinderung in der Ostschweiz. Hier finden Erwachsene mit einer geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderung nicht nur ein Heim, sondern vor allem «eine Heimat auf Lebenszeit», wie der Geschäftsleiter betont.
 

Eine Heimat im Appenzellerland

Die Stiftung geniesst einen sehr guten Ruf – weit über die Kantonsgrenze hinaus. So stammen die gegenwärtig rund 200 Bewohnerinnen und Bewohner aus 18 Kantonen. «Dass die Menschen mit Behinderung aus der ganzen Schweiz zu uns kommen, hat auch mit der Tradition unserer Region zu tun», sagt Werner Brunner. «Schon früher ging es oft zur Kur ins Appenzellerland. Das Grüne, die Berge, die gute Luft und die Idylle taten den Menschen gut. Das ist heute noch so.»

Das Angebot im «Waldheim» umfasst die Bereiche Wohnen und Tagesstruktur. «Wir bieten ein rundum begleitetes Wohnen an. Das heisst: mit Pflege und Betreuung», so Werner Brunner. Bei der Tagesstruktur ist das Angebot ebenfalls vielfältig. «Es sind Tätigkeiten, die Freude bereiten und das Selbstbewusstsein stärken. Dabei nimmt das Prinzip des Förderns und Forderns eine zentrale Stellung ein.» Die Beschäftigung ist jedoch ohne Lohn. «Unsere Bewohner haben eine mittelschwere bis schwere Beeinträchtigung. Aus diesem Grund ist eine wertschöpfende Tätigkeit wie sie beispielsweise andere Behindertenwerkstätten kennen nicht möglich.»

 

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  • Eine Bewohnerin des Waldheims in der Küche.
    Das Angebot im «Waldheim» umfasst die Bereiche Wohnen und Tagesstruktur.
  • Wohnheim Sonne in Rehetobel
    Die Stiftung geniesst auch weit über die Kantonsgrenzen hinaus einen sehr guten Ruf.
  • Ein Bewohner der Stiftung Waldheim vor der Unterkunft.
    Das Grüne, die Berge, die gute Luft und die Idylle tut auch heute noch den Menschen gut.
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    Legate: Wichtiger Teil der Spendengelder

    Und wie finanziert sich die Stiftung Waldheim? «Wir haben einen Leistungsvertrag mit dem Kanton und unterstehen dem Regelwerk der «Interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen» (IVSE)», sagt Werner Brunner. Die IVSE wird von allen Kantonen der Schweiz anerkannt und ermöglicht es der Stiftung, erwachsene Menschen mit Behinderung aus dem ganzen Land aufzunehmen. «Bei einer Belegung von 98 Prozent sollten mit diesen beiden Verträgen unsere Kosten, die wir leistungs-, personal- und infrastrukturmässig haben, abgedeckt sein.» Das heisst: Die Ausgaben werden zu 55 Prozent durch die Herkunftskantone der Bewohner und zu 40 Prozent von der IV gedeckt. 5 Prozent muss die Stiftung durch Spenden, Legate und Gönner erwirtschaften, damit sie nicht beitragspflichtige Angebote finanzieren kann. Ein Beispiel ist das Therapiebad im Wohnheim Sonne in Rehetobel.
     

    «Funraising ist eine Gratwanderung»

    Gemäss Werner Brunner werden Bau und laufende Kosten vollumfänglich aus Spendengeldern finanziert. «Wir gehen unser Fundraising systematisch an. Wir entscheiden ganz bewusst, wann und wofür wir Mailings versenden, Einzahlungsscheine verschicken oder zum Spenden aufrufen.» Die Erfahrung habe gezeigt, dass oft dann am meisten gespendet werde, wenn es um ein konkretes Projekt gehe. Am schlechtesten planbar sind die Legate, die testamentarischen Vermächtnisse. Für die Stiftung machen sie allerdings «den grössten Teil» der Spendengelder aus. «Dass jemand in seinem Testament an uns denkt, hat viel mit der langen Geschichte und dem guten Image der Stiftung zu tun.»

    Fundraising ist eine Gratwanderung, das weiss auch Werner Brunner. «Wir wollen nicht zu viel Druck ausüben, müssen aber noch prägnanter werden.» Wie schafft er den Spagat zwischen sozialen und betriebswirtschaftlichen Interessen? «Man muss die Menschen, in diesem Fall die Bewohner und die Mitarbeitenden, gern haben. Empathie sollte von innen kommen, man kann sie sich nicht einfach so aneignen – und natürlich muss man auch unternehmerisches Denken mitbringen.»

     

    Autorin: Marion Loher
    Fotos: Stiftung Waldheim

     

    Innovatives Wohnen in Rehetobel

    Stiftung Waldheim in Rehetobel
    Wohnheim Sonne in Rehetobel

    Das Wohnheim Sonne ist das neuste Gebäude der Stiftung Waldheim. Es wurde in Rehetobel (AR) nach den neuesten Erkenntnissen über behindertengerechtes Wohnen gebaut und 2016 eingeweiht. Es bietet ein modernes Zuhause für 64 Bewohnerinnen und Bewohner mit geistiger Behinderung oder Autismus-Spektrum-Störungen.