Frauen und Vorsorge

Familie, Beruf und Frauen: Die Vorsorgelücke bleibt

In der Arbeitswelt können berufstätige Frauen heute von Möglichkeiten profitieren, die ihren Müttern noch verschlossen waren: Teilzeitarbeit, Shared Parenting, Job-Sharing sind Schlagwörter dazu. Trotzdem ist man in der Schweiz von der Gleichstellung sowohl im Arbeitsalltag als auch in der Gesellschaft noch weit entfernt – was sich auch auf die Altersvorsorge auswirkt.

Andrea Klein – Leiterin Fachzentrum Finanzplanung
Andrea Klein – Leiterin Fachzentrum Finanzplanung

«Geht es um die Altersvorsorge», stellt Andrea Klein fest, Leiterin des Fachzentrums für Finanzplanung der Raiffeisen Schweiz und Vermögensberaterin, «dann ist die Frau sowohl aufgrund gesellschaftlicher Rollenbilder wie auch biologischer Voraussetzungen benachteiligt.» Denn die Mutterschaft bedeutet für viele Frauen einen Karriereunterbruch – wie kurz auch immer – und damit eine Minderung der Rente. «Es sind zur grossen Mehrheit die Frauen, die Erwerbsausfälle just in dem Alter verzeichnen, das für den Karriereverlauf von grosser Bedeutung ist», führt Klein weiter aus.

Das Modell bleibt das alte

Zwar nimmt die Erwerbsquote der Frauen seit Jahren zu, und bereits arbeiten vier von fünf Müttern nach der Geburt ihres Kindes Teilzeit. Häufigstes Familienmodell ist aber heute nach wie vor das mit einem vollzeiterwerbstätigen Vater und einer teilzeiterwerbstätigen Mutter in einem Pensum von weniger als 50 Prozent. Nur eine von sieben Müttern verlässt den Arbeitsmarkt ganz. Diese Zahlen täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass in Schweizer Familien mehrheitlich die Frau die Verantwortung für (durchschnittlich 1,5) Kinder und die Organisation des Haushalts trägt. Das wirkt sich negativ auf die Vorsorgesituation der Frauen aus.

 

Verzicht auf Familie?

Werden die Frauen also, trotz all der Errungenschaften zur Gleichstellung, auch weiterhin vor die ultimative Frage gestellt: Kinder oder Karriere? Wäre die Betreuung anders gelöst, würde laut Bundesamt für Statistik die Mehrheit der Frauen ihr Arbeitspensum gern erhöhen. Kinderkrippen und andere Betreuungsangebote sind – so sie denn überhaupt in erreichbarer Nähe zur Verfügung stehen – mit erheblichen Kosten verbunden. Diese Gründe mögen dazu beitragen, dass 75 Prozent der Frauen in der Schweiz mit tertiärer Ausbildung in Kindern ein erhebliches Karriererisiko sehen. Bei Frauen ohne nachobligatorische Ausbildung sehen 60 Prozent ihre Karrierechancen geschwächt. Diese Frauen stehen einer Familiengründung grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber – fürchten aber die negativen Konsequenzen auf die berufliche Karriere. Das wirkt sich direkt auf die Geburtenquote in der Schweiz aus: 30 Prozent der Frauen mit einer mittleren oder hohen Ausbildung bleiben kinderlos. Die Zahlen der berufstätigen Männer hingegen sind kaum beeinflusst von der Elternschaft.

 

Politische Mühlen mahlen langsam

Vor Einführung des BVG-Obligatoriums im Jahr 1985 waren Einzahlungen in die 2. Säule nicht gesetzlich festgelegt. Andrea Klein erinnert daran, dass «gerade Frauen, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen, oft keine eigene Pensionskasse besassen.» Wenn ihre Ehepartner auch nicht versichert waren, erhielten sie nur eine sehr reduzierte Rente. Frauen, die vor rund 25 Jahren pensioniert wurden, waren somit von Altersarmut stärker betroffen. Heute sind Frauen bei Erreichen des Pensionsalters voll versichert, wenn sie einer Arbeit nachgingen.

Auf das BVG-Obligatorium 1985 folgte 1995 die Freie Freizügigkeit. War man in der 2. Säule versichert und wechselte die Stelle, durfte bis 1995 dem Arbeitnehmer nur der selber eingezahlte Teil ausgezahlt werden. Der Anteil des Arbeitgebers blieb in der Pensionskasse. Die Einbussen im Renteneinkommen waren dadurch erheblich. Heute wird der gesamte Betrag in die neue Pensionskasse übertragen oder auf ein Freizügigkeitskonto eingezahlt.

Diese Reformen haben die Vorsorge-Situation von Frauen verbessert, aber nicht gänzlich entschärft. Die Reformen der beruflichen Vorsorge sollen insbesondere die Situation von Frauen verbessern, indem sie den Koordinationsabzug abschafft und die bisherige Eintrittsschwelle im BVG senkt. Auch die Unterscheidung zwischen einem vierzehnwöchigen Mutterschaftsurlaub und dem eintägigen Vaterschaftsurlaub wird häufig als Mitursache für die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gesehen. Denn viele Unternehmen sehen in Frauen ein wirtschaftliches Risiko durch den Ausfall während des Mutterschaftsurlaubs. Das Stigma der arbeitenden Mütter besteht dadurch weiterhin. Noch ist laut Bundesamt für Statistik ein Drittel der Bevölkerung gegenüber der Erwerbstätigkeit von Müttern skeptisch eingestellt. Dieses Jahr setzte sich das Referendum gegen einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub durch. Demnächst wird das Stimmvolk also über die Vorlage entscheiden und damit auch über die Zukunft der Vorsorgesituation in Familien.

 

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