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Angst und Euphorie wechseln sich ab
Inflationsängste und Euphorie prägten die Stimmung der Anleger im Mai. Unter dem Strich bewegten sich die Börsen mehrheitlich seitwärts.
Dank einem Schlussspurt Ende Monat stellt der Schweizer Aktienmarkt eine Ausnahme dar. Der Swiss Market Index (SMI) legte im Mai 3,1 Prozent zu und notiert nun 6,2 Prozent über Jahresbeginn. Zwischenzeitlich kletterte er gar auf ein Allzeithoch. Getrieben wurde die Entwicklung im abgelaufenen Monat durch die Luxusgüterkonzerne Richemont und Swatch Group. Vor allem Richemont hat im Nachgang zum Jahresergebnis von positiveren Einschätzungen der Analysten profitiert. Zudem haben die Uhrenexport im April derart zugelegt, dass sie mittlerweile wieder über dem Vor-Corona-Niveau liegen.
Weitgehend unbeeindruckt zeigten sich Investoren von den abgebrochenen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU um ein Rahmenabkommen. Performancetechnisch bietet sich Anlegern in Europa, den USA oder Japan ein gemischtes Bild. Während der Stoxx 600 Europe in Schweizer Franken 2,8 Prozent gewann, tauchte der S&P 500 in den USA währungsbereinigt 0,8 Prozent. Der japanische Nikkei verlor 1,5 Prozent.
Vorsicht Optimismus!
Die optimistische Grundstimmung der Anleger fusst auf den Impferfolgen, den vielerorts rückläufigen Corona-Infektionen sowie den damit verbundenen Öffnungsschritten der Wirtschaft. Das Konsumverlangen ist teils derart ausgeprägt, dass es verschiedentlich zu Lieferengpässen kommt. Als Anleger ist eine gewisse Vorsicht geboten, da zwischen konjunktureller Entwicklung und Aktienmärkten zu unterscheiden ist. Da die Börsen diese positiven Trends seit Monaten zunehmend einpreisen, halten wir an unserem Untergewicht in Aktien fest. Die aktuellen Aktienbewertungen eskomptieren unseres Erachtens den Grossteil der Wirtschaftserholung. Innerhalb der Aktienquote bevorzugen wir den Schweizer Markt, der dank der Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis mit defensiven Eigenschaften überzeugt.
Die Ungewissheit der Börsen spiegelte sich im Mai denn auch in einem alles andere als geradlinigen Kursverlauf. Inflationsängste belasteten immer wieder die Stimmung der Anleger. Zu Recht. In den USA kletterte die Teuerung im April gegenüber der Vorjahresperiode auf 4,2 Prozent und lag damit klar über den Erwartungen des Marktes von 3,6 Prozent. Die Aussichten auf höhere Zinsen liessen denn auch die Volatilität temporär ansteigen. Die verstärkten Schwankungen an den Aktienmärkten werden gemeinhin als Zeichen der Unsicherheit interpretiert. In der Folge schafften es vermeintlich sichere Anlagen wieder in die Gunst der Investoren. Gold und der Schweizer Franken neigten entsprechend zur Stärke. Mit Blick auf die kommenden 12 Monate haben wir unsere Prognose für das Edelmetall auf 1‘950 US-Dollar pro Unze leicht angehoben. Auch als Portfoliodiversifikator bleibt Gold interessant, weshalb wir an unserem Übergewicht festhalten.
Kryptowährungen unter Abgabedruck
Wie nahe Angst und Euphorie beieinander liegen, zeigte sich auch an der Entwicklung der Kryptowährungen. Ausschlaggebend waren Aussagen von Tesla-Chef Elon Musk, dass Bitcoin erst wieder als Zahlungsmittel eingesetzt würde, wenn dieser mit nachhaltiger Energie geschürft werden könne. Die Nachricht, dass Tesla keine weiteren Bitcoin Positionen verkauft habe, entlastete den Kurs indes nur kurzfristig. Als die chinesische Zentralbank ihre Position bekräftigte, Kryptowährungen nicht als Zahlungsmittel zuzulassen, tauchte Bitcoin schier ungebremst. Seit seinem Höchstkurs im April hatte er im Mai im Tief über 50 Prozent verloren. Vor allem spekulative Investoren dürften sich von der digitalen Währung verabschiedet haben, zumal im Monatsverlauf auch von weiteren Notenbanken der Ruf nach stärkerer Regulierung aufkam.
Mit Blick Richtung Sommer wird die Nachrichtenlage vorerst abflauen. Nach der Präsentation der Quartalsergebnisse dürfte es um die Unternehmen ruhiger werden und verstärkt volkswirtschaftliche Zahlen ins Interesse der Anleger rücken. Auch saisonal können sich Anleger auf eine gemächlichere Zeit einstellen. Die Ruhe ist allerdings nur von kurzer Dauer: Ab Juli geben die Halbjahreszahlen Auskunft über das tatsächliche Ausmass der wirtschaftlichen Erholung.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen