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Auf tönernen Füssen
Viele Anleger rechnen mit einer baldigen Erholung der Wirtschaft. Dies veranlasst sie angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfeldes auf ihrer Jagd nach Rendite höhere Risiken einzugehen. Die Aktienmärkte klettern auf Rekordstände. Für eine nachhaltige Rally fehlen aber vorerst die Impulse. Zwischenzeitliche Korrekturen sind nicht auszuschliessen.
«Im Februar nichts Neues» so liesse sich der vergangene Monat, in Anlehnung an Remarques Bestseller, aus Börsensicht sehr treffend umschreiben. Einmal mehr kannten die meisten Aktienmärkte nur eine Richtung: aufwärts. So verzeichnete der S&P 500 einen Monatsgewinn von rund 1 Prozent. Er kletterte zu Mitte Februar gar auf ein Rekordhoch bei 3‘934 Punkten – die Rally wäre wohl noch weiter gegangen, hätten nicht viele Anleger, insbesondere von Tech-Titeln, die Chance genutzt Gewinne zu realisieren. Auch der deutsche Dax notierte so hoch wie noch nie und knackte im Monatsverlauf die Marke von 14‘000 Punkten deutlich. Beim japanischen Nikkei indessen reichte es trotz eines Plus von gut 3 Prozent nicht für ein Allzeit-, aber immerhin für ein 30jähriges Hoch. Der Schweizer Markt, gemessen am Swiss Performance Index (SPI), entwickelte sich hingegen mit einem Minus von über 1,8 Prozent entgegen dem Trend.
Auch in anderen Bereichen bestand für Anleger Grund zur Freude. So ging es im vergangenen Monat etwa für das Rohöl der Marke Brent um fast 15 Prozent aufwärts. Das schwarze Gold erreichte damit – vor allem dank der künstlichen Angebotsverknappung durch die Öl-exportierenden Länder (OPEC) – sein Vorkrisenniveau wieder. Dem von starken Schwankungen geprägten Bitcoin gelang zeitweise gar der Sprung über die Marke von 55‘000 US-Dollar (im Februar: +38,8 Prozent) – Anfang Februar lag er noch bei 32‘601 US-Dollar.
Getrieben von Euphorie
Die aktuelle Marktentwicklung steht auf tönernen Füssen, ist sie doch grösstenteils dem Glauben der Anleger an eine baldige Konjunkturerholung geschuldet. Praktisch alle Sentiment-Indikatoren verorten derzeit ein überzogenes Mass an Euphorie. So bewegt sich beispielsweise der 30-Tagesdurchschnitt der Put/Call-Ratio auf den S&P 500 nahe seines historischen Tiefstandes: Anleger spekulieren also auf weiterhin steigende Aktienkurse. Ein ähnliches Bild zeigt auch das «Sentimentrader Panic/Euphoria»-Modell, welches den Grad an Pessimismus respektive Optimismus im US-Markt misst. Mit einem Wert von über 1.6 Punkten – jenseits der Marke von 1 liegt der Euphorie-Bereich – verortete dieses zuletzt nicht nur eine ausgesprochen positive Stimmung bei den Anlegern, sondern verzeichnete gar den höchsten Stand seiner Geschichte.
Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfeldes und getrieben von den Konjunkturhoffnungen sind aktuell viele Marktteilnehmer bereit auf ihrer Jagd nach Rendite höhere Risiken einzugehen. Dieser an den Börsen zu beobachtende «Risk-On»-Modus bedeutet zugleich, dass sichere Kapitalhäfen von den Anlegern weniger gesucht werden. So hat das Gold im Februar nochmals spürbar an Wert eingebüsst (-6,8 Prozent) und ist sogar unter die Marke von 1‘800 US-Dollar je Unze gefallen. Auch währungsseitig zeigte sich die verringerte Risikoaversion der Anleger: Der Schweizer Franken hat im Monatsverlauf gegenüber allen G10-Währungen abgewertet, am stärksten zum Britischen Pfund (-3,7 Prozent) und zum Australischen Dollar (-2,9 Prozent). Das Pfund profitierte vor allem von dem hohen Impftempo in Grossbritannien sowie dem Versprechen von Premierminister Boris Johnson bis zum Sommer alle Lockdown-Massnahme aufzuheben.
Fehlende, neue Impulse
In diesem risikofreudigen Umfeld waren die defensiven Eigenschaften des Schweizer Marktes von Anlegern nicht gefragt. Puncto Performance hinkte er den meisten Regionen daher hinterher. Dies könnte sich allerdings bald wieder ändern. Die Berichtssaison ist ohne grosse Überraschungen über die Bühne gegangen. Die Details zu den fiskalpolitischen Massnahmen zur Stützung der Weltwirtschaft sind weitgehend bekannt. Und auch von der Corona-Front gibt es kaum Neuigkeiten. Dem Weltmarkt fehlen somit die notwendigen Impulse für eine nachhaltige Fortsetzung des Aufwärtstrends. Dementsprechend liess sich bereits zuletzt ein leichter Anstieg in der Volatilität verzeichnen, so mancher Anleger zeigt also erste Anzeichen von Nervosität. Dies könnte Nährboden für Gewinnmitnahmen und eine damit verbundene, kurzzeitige Korrekturbewegung sein. Historisch betrachtet punktet in einem solchen Umfeld insbesondere der heimische Aktienmarkt dank seines tendenziell weniger zyklischen Charakters.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen