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11.05.2020

Aufbruch in eine «neue Normalität»

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Aufbruch in eine «neue Normalität»

Wirtschaft und Gesellschaft leiden gleichermassen unter den Folgen des Coronavirus. Sollte der Aufbruch in eine «neue Normalität» gelingen, kann die Weltwirtschaft mittelfristig zu alter Stärke zurückfinden.  

Das diesjährige Osterfest stand ganz im Zeichen der Corona-Pandemie: Anstatt mit den Verwandten Ostereier zu suchen oder in die Kirche zu gehen, war heuer daheim bleiben angesagt. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, hatten zahlreiche Länder bereits Ende März weit reichende Massnahmen angeordnet: von Ausgangsbeschränkungen bis hin zum kompletten «Shutdown». So sorgte das Coronavirus nicht nur für Verunsicherung unter der Bevölkerung, sondern auch für Verwerfungen an den globalen Finanzmärkten. 

Kombination aus Nachfrage- und Angebotsshock
Im Gegensatz zu vielen früheren Krisen beschwor das Corona-Virus das Schreckgespenst jedes Ökonomen herauf: einen gleichzeitigen Einbruch von Nachfrage und Angebot. Die wirtschaftliche Unsicherheit und die Ausgangsbeschränkungen liessen einerseits die Investitions- und Konsumnachfrage einbrechen. Zugleich führten jedoch die staatlich verordneten Massnahmen auch zu einem teilweisen oder in manchen Branchen gar kompletten Produktionsstillstand. Dies stellte viele Betriebe vor massive Liquiditätsengpässe. Es wurden zwar umfangreiche staatliche Rettungsprogramme aufgegleist, doch jeder Überbrückungskredit muss irgendwann in der Zukunft zurückgezahlt werden. Um die nötige Liquidität soweit wie möglich aus eigener Kraft sicherzustellen, haben daher zahlreiche Unternehmen ihre Dividenden ersatzlos gestrichen.

Aber auch bei den Rohstoffen verursachte das Coronavirus massive Turbulenzen. So reihte der Ölpreis im April einen Rekordtiefststand an den anderen. Zeitweise sank der Preis für Brent-Rohöl sogar unter die Marke von 20 US-Dollar je Barrel. Ein Jahr zuvor lag dieser noch bei über 60 US-Dollar je Barrel. Die zentralen Treiber für diese Entwicklung waren die gesunkene Ölnachfrage und die zugleich aber nicht gedrosselten Fördermengen der OPEC-Staaten.

Weg in die «neue Normalität» wird lang sein
Doch neben all diesen unerfreulichen Nachrichten ist auch ein Silberstreifen am Horizont auszumachen. Nach dem Einbruch der globalen Aktienmärkte im März folgte zuletzt eine beeindruckende Erholungsrally. So legte der SMI beispielsweise im April um über 4,8 Prozent zu. In den USA realisierte der S&P 500 sogar Zugewinne von fast 12,9 Prozent. Den Startschuss für diesen Rebound haben die staatlichen Rettungsprogramme und vor allem die sich langsam stabilisierende Neuinfektionsrate mit dem Coronavirus gegeben. Letzteres ermöglicht nun in zahlreichen Ländern schrittweise Lockerungen und ein behutsames Herauffahren der Wirtschaft. Ein erster Schritt in Richtung Normalität ist also getan? Falsch, denn die Normalität von vor drei Monaten wird es wohl in dieser Form nie wieder geben. Es wird vielmehr eine «neue Normalität» sein: Staaten wie auch private Unternehmen und Haushalte werden deutlich höher verschuldet sein. Die Welt wird weniger global, dafür aber umso digitaler sein. Doch der Weg dorthin ist noch lang und steinig. Um eine zweite, möglicherweise schlimmere Welle des Coronavirus zu verhindern, müssen Wirtschaft und Gesellschaft strenge Auflagen erfüllen: Unternehmen müssen detaillierte Schutzpläne ausarbeiten und ihre Produktionsstätten sowie -prozesse entsprechend anpassen. Die Bevölkerung muss weiterhin die empfohlenen Hygienemassnahmen einhalten. Und auch das Thema Social-Distancing ist noch lange nicht vom Tisch. Eines ist dabei sicher: Egal was wir tun, die Rezession wird dieses Jahr unvermeidlich sein. Lediglich das Ausmass steht noch nicht in Stein gemeisselt. Wir gehen davon aus, dass die Schweizer Wirtschaft 2020 um rund 5,0 Prozent schrumpfen wird. In der Eurozone und den USA wird das Minus mit 8,0 Prozent respektive 6,0 Prozent noch grösser ausfallen. Sollten jedoch unsere Anstrengungen hin zu einer «neuen Normalität» von Erfolg gekrönt sein, so dürfte die Konjunktur 2021 wieder spürbar anziehen. In diesem Szenario wären Wachstumsraten wie in der Vor-Corona-Zeit durchaus denkbar.

Marcel Crameri
Leiter Anlageberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen