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04.10.2021

Börsen geraten aus dem Tritt

Boersen aus dem Tritt

Die Märkte bewegen sich auf einem schmalen Grat. Die lockere Notenbankpolitik sorgte für immer neue Gipfelstürme. Die Liste an potenziellen Gefahren ist jedoch lang. Ein kleines Steinchen genügt, um die Börsen aus dem Tritt zu bringen. Jüngstes Beispiel ist Evergrande.

Der sommerliche Höhenrausch der Schweizer Börse hat ein Ende gefunden. Der Swiss Market Index (SMI) rutschte im September 6,2 Prozent ab. Er notiert damit aktuell auf den Niveaus von Anfang Juni. Zu den Verlierern gehören vor allem zyklische Werte wie etwa der Baustoffkonzern Holcim oder der Computerzubehörhersteller Logitech. Aber nicht nur dem Schweizer Leitindex ist zuletzt die Höhenluft zu Kopf gestiegen. Auch die US-Märkte tendierten schwächer: Der breite S&P 500 Index verlor währungsbereinigt rund 2,9 Prozent, die Technologie-Börse Nasdaq notierte 3,4 Prozent tiefer. Ebenfalls im Minus lag der europäische Stoxx 600 Index (-3,5%).

Der Bitcoin zeigte sich einmal mehr von seiner volatilen Seite: Nach einem kurzen Ausflug bis knapp unter die Marke von 52'000 US-Dollar fiel er im weiteren Monatsverlauf auf gut 43'000 US-Dollar (-7,6%). Hauptgrund waren die regulatorischen Verschärfungen in China. So sind im Reich der Mitte fortan der Handel mit Kryptowährungen sowie das Schürfen danach, das sogenannte «Mining», verboten. Das Gold konnte für einmal kein Kapital aus der Volatilität der anderen Anlagemärkte schlagen. Das gelbe Edelmetall verbuchte im September, aufgrund der jüngsten Dollar-Aufwertung und Zinsbewegungen, ein Minus von rund 3,1 Prozent. Ein ganz anderes Bild bei den Rohstoffen: Die Angebotsverknappung in Folge des Hurrikan Ida verhalf dem Öl-Preis (Brent) zu einem neuen Jahreshoch bei gut 80 US-Dollar pro Barell.    

Angst vor dem Lehman-Brothers-Effekt
Die Märkte bewegen sich seit Monaten auf einem schmalen Grat. Einerseits sorgt die ultra-expansive Geldpolitik der Notenbanken für einen steten Kapitalzufluss in Richtung Aktien und trieb so die Kurse stets aufs Neue nach oben. Andererseits ist die Liste an potenziellen Gefahren lang: die noch nicht ausgestandene Corona-Pandemie, die abflauende Konjunkturdynamik, die anziehende Inflation und die massive Staatsverschuldung der USA. Ein kleiner Stein genügt, um die Börsen auf ihrer Gratwanderung straucheln zu lassen. Im September trug ein solches Steinchen den Namen «Evergrande». Der chinesische Immobilienriese hatte im Zuge einer aggressiven Wachstumsstrategie über die Jahre einen Schuldenberg von über 300 Milliarden US-Dollar angehäuft. Anleger fürchten nun, dass eine mögliche Pleite einen Lehman-Brothers-Effekt haben und die Märkte in eine globale Finanzkrise stürzen könnte. Einen derartigen Flächenbrand halten wir für äusserst unwahrscheinlich. Eine Insolvenz von Evergrande würde in erster Linie direkte Investitionen sowie den chinesischen Markt treffen. Nicht auszuschliessen ist allerdings, dass in Folge auch hiesige, stark China orientierte Unternehmen kurzfristig unter Druck geraten könnten. 

Volatilität bleibt hoch
Neben den bereits erwähnten Risiken sorgt auch die Aussicht auf eine restriktivere Geldpolitik der US-Notenbank Fed für höhere Kursschwankungen. Über den konkreten Starttermin zur Drosselung der Anleihekäufe schweigt sich Fed-Chef Jerome Powell weiterhin aus. Er deutete aber jüngst an, dass es sehr bald soweit sein wird. Zudem soll das «Tapering» zügig vonstattengehen und bereits Mitte 2022 abgeschlossen sein. Ein Teil der Währungshüter hält darüber hinaus einen ersten Zinsschritt bereits im kommenden Jahr für möglich.

Der VSMI, das Schweizer Pendant zum «Angstbarometer» VIX, ist in Folge dieser Vielzahl an Unsicherheiten im September zeitweise auf über 22 Punkte geklettert. So gross war die Schwankungsbreite des Schweizer Marktes zuletzt Ende Januar. Und auch am Anleihemarkt blieb die Nervosität der Anleger nicht ohne Folgen. So ist etwa die Rendite für 10-jährige Eidgenossen um bis zu 20 Basispunkte gestiegen. Wir gehen davon aus, dass die Volatilität an den Börsen in den kommenden Wochen hoch bleiben wird und raten Anlegern daher weiterhin zu einer defensiven Positionierung. Gleichzeitig dürften sich aufgrund der erwarteten Kursschwankungen aber wieder interessante Kaufgelegenheiten eröffnen. 

Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen