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08.06.2022

Die Börse fährt Achterbahn

Finanz Ecke Jun

Das Umfeld trübt sich ein. Die Inflation ist hartnäckiger als erhofft. Lichtblick sind die Öffnungen in China, sie könnten den Druck auf die Lieferengpässe reduzieren. 

Die SMI-Schwergewichte Nestlé und Roche ziehen den Schweizer Leitindex im Mai ins Minus. Der Nahrungsmittelkonzern kam aufgrund enttäuschender Quartalszahlen der US-Detailhändler Walmart und Target unter die Räder. Die Angst, dass sich Konsumenten aufgrund der Teuerung von Markenprodukten abwenden und billigeren, margenschwächeren Substituten zuwenden könnten, lasteten auf den Nestlé-Valoren. Auf Monatssicht verloren die Titel gut 7 Prozent. Knapp 10 Prozent büssten die Aktien des Pharmakonzerns Roche ein, weil eine Studie für eine neue Lungenkrebsbehandlung nicht den gewünschten Erfolg brachte. 

Auf Monatssicht büsste der Swiss Market Index gut 4 Prozent ein. Damit hinkt er dem breiten US-Markt (S&P 500 Index) und dem EuroStoxx Index hinterher, die dank einem Schlussspurt zum Monatsende hin ihre anfänglichen Verluste wettgemacht haben und auf dem Niveau des Vormonats notieren. Unternehmensseitig ist es aufgrund der weitgehend abgeschlossenen Berichtssaison etwas ruhiger geworden. Da einige Unternehmen im Monatsverlauf ihre Jahresprognose kassiert haben, tappen Investoren im Dunkeln und die Angst, dass weitere Unternehmen folgen, ist latent. Als Begründung nannten die meisten Lieferengpässe und Margendruck.

Aufholjagd in China
Erstere haben ihren Ursprung oft in den Lockdowns in China, die auch die dortige Wirtschaft belasten. Die Ansage, dass die Corona-Massnahmen in Shanghai am 1. Juni weitgehend aufgehoben werden, stimmte die Anleger optimistisch. Zudem hat die Regierung ein 33 Massnahmen umfassendes Konjunkturpaket lanciert, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Obwohl China nach wie vor ein Wachstum von 5,5 Prozent anpeilt, haben wir unsere Aussichten reduziert. Für das laufende Jahr erwarten wir einen Zuwachs von 3 Prozent.

Ein hartnäckiges Problem bleibt die Inflation, die auf hohem Niveau verharrt. Für die Eurozone kletterte sie Mai gar auf 8,1 Prozent und damit über die bereits hohen Erwartungen von 7,7 Prozent. Damit kommt die Europäische Zentralbank (EZB) zunehmend unter Zugzwang, ihre Leitzinsen zu erhöhen. Diesen Schritt hatte die oberste Währungshüterin Europas, Christine Lagarde, im Mai in Aussicht gestellt, indem sie das Ende der Negativzinsen im September in Aussicht stellte. Das würde bedeuten, dass die EZB bis dahin die Zinsen in zwei Schritten um je 0,25 Prozent anheben dürfte. 

Aufgrund des in Europa beschlossenen Ölembargos kletterte der Ölpreis weiter. Die Hoffnung auf ein Abflachen der Inflation sind deshalb wohl wieder etwas in den Hintergrund gerückt. Zudem sorgt der Krieg in der Ukraine für ein anhaltend erhöhtes Unsicherheitsniveau. 

Erstarkter Franken
Eine gewisse Achterbahnfahrt herrschte auch beim Franken und den Zinsen. Die heimische Valuta zeigte sich im Mai von ihrer stärkeren Seite und konnte vor allem gegenüber dem US-Dollar deutlich zulegen.  Auf Monatssicht verlor dieser 1,3 Prozent gegen den Schweizer Franken. Damit liegt der «Greenback» allerdings immer noch 4 Prozent höher als Anfang April. Für ein gewisses Erstaunen sorgte die US-Valuta, als sie Mitte Mai erstmals seit November 2019 wieder kurzzeitig über der Parität handelte.

Die Zinsen haben sich im Monatsverlauf nur auf den ersten Blick nicht bewegt. Tatsächlich kletterten die Renditen für 10-jährige Schweizer Staatsanleihen zu Beginn des Monats über die Marke von einem Prozent, sanken daraufhin aber wieder auf 0,7 Prozent, das Niveau von Anfang Monat. 

Mit der Publikation der Protokolle der US-Notenbank Fed schürten Anleger bereits wieder die Hoffnung, dass die Straffung der Geldpolitik weniger harsch ausfallen könnte. Die Protokolle zeigten, dass die Notenbank die Auswirkungen der strafferen Geldpolitik später im Jahr beurteilen will. Es geht also schlicht darum, ob die höheren Zinsen den konjunkturellen Aufschwung abwürgen. Noch ist die Antwort offen. Weil die Handlungen der Notenbanken in einem inflationären Umfeld aber einem Drahtseilakt gleichkommen, halten wir an unserer defensiven Positionierung fest. 

Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen