News

08.06.2020

Die Börse rechnet mit einer raschen Erholung

Boerse Erholung

Mit den Lockerungsmassnahmen nach dem Corona-Shutdown kehrt die Normalität ein Stück weit zurück – die Börse frohlockt. Euphorie scheint jedoch nicht angebracht.  

Die Schweizer Wirtschaft schrumpft. Im ersten Quartal sank das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) 2,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das zweite Quartal dürfte noch schwächer ausfallen. Davon ist an der Börse nichts zu spüren. Die meisten Aktienmärkte setzten ihre Ende März begonnene Erholung fort. Der Schweizer Leitindex SMI kletterte im Mai gut 2 Prozent, der breite europäische STOXX 600 legte 3,4 Prozent zu. Auch in den ersten Juni-Tagen ging der Trend vorerst weiter. Von der Krise schier unbeeindruckt bewegt sich der US-Aktienmarkt, allen voran der technologielastige Nasdaq Index, der im abgelaufenen Monat fast 7 Prozent gewann und seit Anfang Jahr sogar im Plus liegt. 

Mit der Kurserholung reduzierte sich auch die Volatilität, ein Zeichen der Beruhigung. Von Angst oder Unsicherheit war in den vergangenen Wochen nicht mehr viel zu spüren. Als Treiber gelten zum einen die Lockerungsmassnahmen rund um Covid-19. Investoren gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist und die wirtschaftlichen Aktivitäten rasch an Fahrt gewinnen. Die Gefahr einer zweiten Erkrankungswelle wird ausgeblendet. Dabei wütet das Virus gerade in Südamerika, vor allem in Brasilien noch immer sehr stark. Zum anderen werden die Kapitalmärkte durch die Interventionen der Zentralbanken gestützt. 

Arbeitslosigkeit dämpft den Konsum
Die Entwicklung an der Börse täuscht jedoch über die realen Gegebenheiten hinweg. Der Shutdown hat die Wirtschaft direkt in die Rezession manövriert und das weltweit. Die Arbeitslosigkeit steigt. In der Schweiz und in Europa dämpft Kurzarbeit die negativen Effekte. Schweizweit befinden sich rund 1,9 Millionen Menschen in Kurzarbeit, was gut einem Drittel der arbeitenden Bevölkerung entspricht. Verzögert sich die wirtschaftliche Erholung, droht auch bei uns ein Anstieg der Arbeitslosenquote. 

Hart getroffen hat es die USA, wo rund ein Fünftel der arbeitenden Bevölkerung auf Stellensuche ist. Der Weg zurück in die Normalität dürfte unter diesen Umständen schwer und lange werden. Arbeitslosigkeit ist ein nacheilender Faktor. Erst wenn sich eine wirtschaftliche Erholung einstellt, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Diese Ungewissheit dämpft das Konsumverhalten und damit die wirtschaftliche Erholung. Schliesslich gehört der Konsum zu den wichtigsten Stützen einer Volkswirtschaft. 

Schier unbegrenzte Staatshilfe
Dabei ziehen die Staaten alle Register, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Riesige Konjunkturstützungsprogramme sollen die Wirtschaft wieder auf Vorkrisenniveau bringen. Wie angespannt die Situation ist, verdeutlichen konkrete Beispiele. So schiesst Frankreich 8 Mrd. Euro in den Automobilsektor. Das ist gewaltig, wenn man berücksichtigt, dass Renault eine Marktkapitalisierung von 6,1 Mrd. Euro, Peugeot eine solche von 11,6 Mrd. Euro haben. Dennoch kommt Renault nicht um einen Stellenabbau von fast 15‘000 Mitarbeitern herum. In Deutschland fliessen 9 Mrd. Euro in die Rettung der Lufthansa. Die Fluggesellschaft hatte vor Bekanntgabe des Rettungspaketes einen Börsenwert von knapp der Hälfte. Dafür beteiligt sich der Staat mit 20 Prozent an der Fluglinie. 

Unter diesen Umständen müssen sich Anleger die Frage stellen, wie es weitergeht. Da die Zinsen aufgrund der Zentralbankmassnahmen niedrig bleiben werden, führt für Anleger längerfristig kein Weg an Aktien vorbei. Dennoch scheint die aktuelle Ruhe an den Börsen trügerisch. Die Bewertungen sind so hoch wie schon lange nicht mehr. Anleger erwarten einen raschen Weg zurück in die Normalität. Das mahnt zu Vorsicht. Die aktuelle Situation zeigt auch wie wichtig es ist, die Risiken im Auge zu behalten. Wer im Schweizer Markt investiert, profitiert von dessen defensiver Ausrichtung. Seit Anfang Jahr gehört er deshalb auch zu den Outperformern im globalen Vergleich und erweist sich als Fels in der Brandung. Daran dürfte sich auch in Zukunft nicht viel ändern.

Marcel Crameri
Leiter Anlageberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen