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Ein heisser Börsensommer
Börsianer kommen dieser Tage in den Genuss eines sommerlichen Risikococktails. Die Zutaten: hohe Inflation, straffere Geldpolitik und wachsende Rezessionsgefahr. Als «Schirmchen» obendrauf: die Gewinnsaison.
Pünktlich zum Ferienstart kam der Sommer. Temperaturen weit über 30 Grad und Sonne pur. Ähnlich heiss geht es derzeit an den Börsen zu. Diese werden gleich von mehreren Seiten in den «Schwitzkasten» genommen: Hohe Inflation, restriktivere Geldpolitik, Ukraine-Krieg, wachsende Rezessionsgefahr und die laufende Gewinnsaison. Entsprechend zeigten sich die Aktienmärkte im Juli einmal mehr von ihrer volatilen Seite. Zu Monatsende verbuchte der Swiss Market Index (SMI) dennoch einen Wertzuwachs von 3,8 Prozent. Noch stärker im Plus notierten die amerikanischen Märkte: Der breite S&P 500 Index kletterte um 9,1 Prozent, der technologielastige Nasdaq gar um 12,4 Prozent.
Vom aktuellen Risikococktail nicht profitieren konnte das Gold. Dessen Preis fiel im Monatsverlauf zeitweise bis auf unter 1'700 US-Dollar pro Unze. Es war damit so günstig wie seit Frühjahr 2021 nicht mehr. Grund dafür sind zum einen der starke US-Dollar, mit dem der Goldpreis negativ korreliert. Zum anderen sind aufgrund der höheren Anleiherenditen die Opportunitätskosten gestiegen. Ebenfalls zu den Verlierern gehört der Euro. Die Gemeinschaftswährung testete angesichts der drohenden Energie-Krise die Parität zum US-Dollar. Zum Schweizer Franken pendelte sie zwischen 0.97 und 1.00. Zwar dürfte in den aktuellen Wechselkursen auf Seiten des Euros viel Negatives eingepreist sein. Für eine Trendwende mangelt es aber an Impulsen. Wir sehen den Euro auf 12-Monatssicht daher bei 1.03 US-Dollar respektive 0.98 Franken.
EZB läutet Zinswende ein
Manch einer dürfte sich zuletzt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) an den 90er-Jahre-Hollywood-Streifen «Die Braut, die sich nicht traut» erinnert gefühlt haben. Angesichts der rekordhohen Inflation (Juli: +8,9%) haben nun aber auch die Euro-Währungshüter «endlich» die Zinswende vollzogen. Und das mit einem Zinsschritt in Höhe eines halben Prozentpunktes überraschend stark. Zugleich hat die EZB ein neues Hilfsprogramm namens «Transmission Protection Instrument» (TPI) aufgegleist. Dieses soll verschuldete Mitgliedsstaaten vor den Folgen der höheren Zinsen am Anleihemarkt schützen. Die Europäische Union (EU) darf damit erstmals in ihrer Geschichte eigene Schulden aufnehmen.
Unvermindert kräftig tritt die US-Notenbank Fed auf die geldpolitische Bremse. Präsident Jerome Powell verkündete im Rahmen der jüngsten FOMC-Sitzung erwartungsgemäss eine weitere Zinserhöhung um 75 Basispunkte. Und dies, obwohl die US-Wirtschaft im ersten Halbjahr in eine technische Rezession gefallen ist.
Wir gehen trotzdem von einer weiteren Straffung der Geldpolitik aus. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) wie auch die EZB rechnen wir bis zum Jahresende mit einer Zinserhöhung um jeweils insgesamt 0,5 Prozent. Auch die US-Fed dürfte die Zinsen nochmals um 0,75 Prozent anheben.
Durchwachsene Berichtssaison
Die steigenden Inputkosten belasten die Gewinnmargen der Unternehmen. Die Lieferengpässe infolge des Krieges und der restriktiven Null-Covid-Politik Chinas sorgen für zusätzlichen Gegenwind. Entsprechend ist die Berichtssaison bisher von zwei Extremen geprägt. Auf der einen Seite jene Unternehmen, die mit den aktuellen Widrigkeiten überraschend gut zurechtgekommen sind. Zu ihnen zählen beispielsweise der Zementriese Holcim, der Schokohasenhersteller Lindt & Sprüngli und der Chemiekonzern Ems. Auf der anderen Seite jene Unternehmen wie etwa der Warenprüfkonzern SGS, die Grossbank UBS oder der Computerzubehör-Hersteller Logitech, deren Geschäftszahlen hinter den Erwartungen der Analysten zurückgeblieben sind. Gemischt fiel das Fazit auch in der Pharmabranche aus, welche rund 40 Prozent der Marktkapitalisierung des SMI auf die Waage bringt: Lonza und Roche präsentierten solide Zahlen. Novartis musste einen leichten Umsatz- und Gewinnrückgang hinnehmen.
Auf Einzeltitelebene haben die Halbjahresabschlüsse entsprechend teils starke Kursschwankungen verursacht. Mit Blick auf den Gesamtindex brachten sie bislang aber (noch) kaum Impulse.
Defensiv bleiben
Im Zuge des Ukraine-Krieges sowie des restriktiveren Kurses der Notenbanken erwarten wir, dass die Rezessionsgefahr weiter zunehmen wird. Für Volatilität an den Aktienmärkten wird auch die Berichtssaison sorgen. Vor allem weil die Gewinnschätzungen der Analysten unserer Meinung nach immer noch zu hoch sind. Darüber hinaus gilt der August traditionell als schwacher Börsenmonat. Wir raten Anlegern daher zu einer vorsichtigeren Gangart und halten entsprechend bei Aktien an unserem taktischen Untergewicht fest. Zudem haben wir die günstigen Niveaus beim Gold für Zukäufe genutzt, um unsere Portfolios noch einen Tick krisenresistenter auszurichten.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen